November 1993

Mein Freund hat ein 40 Jahre altes Buch aus der Universitätsbibliothek ausgeliehen, das wahrscheinlich schon 20 Jahre nicht mehr ausgeliehen worden ist. Er hat darin nämlich folgendes Lesezeichen gefunden:

TU1993Das ist die Erinnerung das Buch bis 12. November 1993 zurückzugeben mit dem schönen Text:

“Zur Beachtung:

Der Entlehner haftet für das ausgeliehene Werk so lange, als der große Abschnitt des Leihscheines amtlich erliegt. Bei Verlust oder Beschädigung des Werkes besteht Ersatzpflicht. Eine Verlängerung muß vor Ablauf der Leihfrist angesprochen werden, sonst treten die festgesesetzten (sic) Mahn- und Überschreitungsgebühren in Kraft.”

Darunter sind die Öffnungszeiten abgedruckt: Dienstag und Freitag sogar bis 15.30 Uhr!

Auf der Rückseite ist Werbung für das Lehrmittelzentrum.

Wenn ich mich das nächste Mal über nicht zielgruppengerechte Sprache beschwere oder über furchtbare Wörter (OPAC!) und Formulierungen im Bibliothekswesen motze, erinnert mich bitte an diesen Text! Es ist in zwanzig Jahren in Sachen Kommunikation doch einiges passiert. Und die Öffnungszeiten erst!

1, 2 oder 3 – die Masterarbeit kündigt sich an

In eineinhalb Monaten reise ich für den Beginn meines zweiten Studienjahres nach Berlin. Dort studiere ich an der Humboldt-Universität Bibliotheks- und Informationswissenschaften im Masterstudiengang. (Ich mache also quasi den Master of Library and Information Science (MaLIS) bei Humboldt. Ja, diesen Witz erzähle ich, seit ich dort aufgenommen wurde.) Über den Winter ist das Schreiben meiner Masterarbeit angesagt. Aber welches Thema soll ich wählen? Warnung: Zynismus, Sarkasmus, Polemik.

Thema Nummer 1 (und mein liebstes): Wie wird Geschichte auf Twitter transportiert und wie können Informationseinrichtungen (Bibliotheken, Archive, Museen & mehr) sich daran beteiligen, d.h. Menschen für das Thema begeistern, auf ihre Bestände & Services aufmerksam machen, für sich Werbung machen, in Kontakt mit ihrer Gemeinschaft treten, etc. Ist aber nicht “Bibliotheks- und Informationswissenschaft” wurde mir gesagt, obwohl ich eigentlich immer noch nicht genau weiß (und sich auch niemand darauf einigen kann), was diese Wissenschaft eigentlich beinhaltet.

Um diese Arbeit (und mich) “vermarktbarer” zu machen, soll ich noch was mit Data Mining dazutun. Fragt sich nur, welche Daten da aus dem Bergwerk geschlagen werden sollen.Twitter kann in kurzer Zeit sehr große Datenmengen verursachen, die aber um wirklich aussagekräftig zu sein, qualitativ ausgewertet werden müssen. Siehe z.B. 2 Wochen #aufschrei – 58.007 “unique” (also einzigartige, nicht retweetete) Tweets, die aber genauso eine Kritik oder Verächtlichmachung als auch ein wichtiger Beitrag sein können, weil sie (noch) nicht händisch ausgewertet wurden.

Also … weiß nicht. Dabei gab es so tolle Sachen auf Twitter, seit ich (ohnehin erst im Dezember 2012) dazukam. D-Day As It Happened – eine vom britischen Channel 4 vorbereitete Aktion, bei der 9 Twitteraccounts – ein Hauptaccount, 7 Zeitzeug*innen und eine Taube tweeteten was ihnen bzw. allgemein zu dem Zeitpunkt am 6. Juni 1944 passierte. Dann gab es die spontane Aktion #InspiringWomen, zu der auch viele historische Frauenfiguren vorgestellt wurden (ich habe zu diesem Thema 300 Tweets getweetet. Nur so, damit ihr da die Datenmengen merkt).

Es gibt einen Twitteraccount, der den 2. Weltkrieg, Tag für Tag tweetet, im Moment die Geschehnisse vom 5.9. 1941. Es gibt etliche Zeitungen, deren Meldungen von vor hundert oder X Jahren getweetet werden, als Beispiel sei hier die New York Times von 1913 genannt. Es gibt Privatpersonen, die “historische” Accounts einrichten, zum Beispiel einen, der das Tagebuch von Samuel Pepys tweetet (klingt spannender als es ist, der ist leider nicht so gut). Und dann gibt es natürlich viele, viele Historiker*innen, die tweeten, an was sie so forschen, was ihnen so unterkommt, etc. … und das sind nur ein paar der Möglichkeiten.

Und was können da Bibliotheken, Archive, Museen tun? Z.B. Archivmaterial tweeten, wenn sie Archive von Autor*innen haben. Oder aus einem Tagebuch oder aus Briefen aus ihrer Sammlung. Oder aus den Lokalnachrichten von vor 100 Jahren. Oder eine großangelegte Aktion, bei der sich mehrere Institutionen absprechen. Oder sich bei anderen Aktionen einklinken.

Aber das ist ja wahrscheinlich Medienwissenschaft oder Kommunikationswissenschaft oder Marketing. Ja. ist es wohl alles. Und die haben ja nichts mit Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu tun, nein, nein, niemals. Wo kämen wir da hin.

Hmpf.

Thema 2: Mikroservices (hab ich jetzt mal so erfunden). Was soll das sein? Das sind die ganzen Dinge, die auffallen, wenn sie fehlen, kaputt sind, schlecht gemacht sind oder so Sachen, bei denen sich die Nutzer*innen denken “Hm, das wäre eigentlich cool, wenn es das gäbe.” Also z.B. ein gut gemachtes Leitsystem. Beschreibungen im Lift, was auf welcher Etage ist. Etagenpläne. Anleitungen für gewisse Dinge. Drauf zu achten, dass z.B. knallende Türen möglichst schnell wieder in Ordnung gebracht werden. Gut riechende Seife auf der Toilette. Wenn die Schließfächer mit Schlössern gesichert werden müssen (eine absolute Unsitte in manchen deutschen Bibliotheken), darauf achten, dass sich ortsfremde oder vergessliche Menschen Schlösser ausleihen können (Grimm-Zentrum Berlin, damit meine ich *dich*!).

Meine Güte, sagt ihr jetzt, das ist ja Kleinkram, was für … Itüpfelreiter*innen, Korinthenkacker*innen, Zwängler*innen und schon gar nicht wissenschaftlich! Äh ja. Setzt euch mal in einen Lesesaal, in dem ihr ruhig und konzentriert arbeiten wollt und alle 10 Minuten knallt die Tür mit einem Donnerschlag ins Schloss. Oder findet mal das Klo, wenn’s kein Leitsystem gibt. Findet den richtigen Stock, wenn’s im Lift keine Angaben gibt. Und sicher haben alle Menschen Geld, das sie mal kurz in ein Schloss investieren können – Essen? Was soll das sein, Essen? Braucht’s nicht. Bis sich da mal wer beschwert, bis die Beschwerde angenommen wird, bis der Zustand gemildert wird … naja, so lange es keine Konkurrenzangebote gibt, werden die Menschen die Bibliothek wohl weiter benutzen. Aber vielleicht nicht so gern. (Das ist doch aber so was von egal ob Menschen *gerne* in einer Bibliothek sind!)

Ist dieses Thema vermarktbar? Hahahaha, nein. Wahrscheinlich nicht.

Thema 3 wäre der Aufbau eines Repositoriums in einer öffentlichen Bibliothek, das für die Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der lokalen Gemeinde da ist. Zusätzlich könnte es mit digitalisierten bzw. digitalen bereits gemeinfreien Werken von Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der Gemeinde angereichert werden. Die gemeinfreien Werke sollten am Besten über die Nationalbibliothek bezogen werden (HAHAHAHAHA, ach ich lach mich schief) und die lokalen Werke sollten auch international zugänglich sein. Diese Entwicklung, also zumindest die Entwicklung von Bibliotheken zu “Community Publishing Portals”, zeichnet sich in den USA schon ab.

Ich finde diese Entwicklung äußerst spannend, aber sie bedeutet für Bibliotheken die Investition von Zeit & Geld – um Wissen zu erwerben, um diese Repositorien aufzubauen, um sie zu bestücken, zu bewerben und zu betreuen. Vermarktbar? Als Idee ja, aber ich erwarte nicht, dass sie in den nächsten Jahren (Sparen! Sparen!) in die Praxis umgesetzt wird, obwohl damit z.B. Ebookcontent unbegrenzt verfügbar wäre.

Was fällt mir sonst noch ein? Feministische Perspektive auf Aspekte von Bibliotheken – nicht vermarktbar. Vergleich im Umgang mit Beschwerden zwischen USA und Deutschland/Österreich – wohl nicht vermarktbar. Erwerbungspolitik für Comics in Bibliotheken – ahahahahahaha, nicht vermarktbar. Einrichtung von Makerspaces, Videospielecken, Strickgruppenecken und andere Bereiche, die bibliotheksfremde Handlungen in die Bibliothek bringen – ach, vielleicht sogar vermarktbar. Nutzergruppenstudien in einer kleinen Bibliothek? Wohl nicht vermarktbar. Vielleicht könnte ich ja die Begriffe für Menschen, die in die Bibliothek kommen diskutieren – Kund*innen? Nutzer*innen? Leser*innen? Oder ich könnte über Bibliotheksethik … ach, wohl genauso wenig vermarktbar wie meine Geschichte auf Twitter.

Für mich klingt das nicht nach Wissenschaft, eine Masterarbeit an ihrer Vermarktbarkeit zu messen. Aber wie gesagt, was jetzt Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist, dazu gibt es viele Meinungen. Wir werden sehen …

Rundumservice*

*Heute mit generischem Femininum. Ich probier jetzt einfach alles einmal durch.

Ich bin zerrissen. Was soll eine Bibliothek eigentlich alles leisten? Welche Bedürfnisse der Nutzerinnen soll sie abdecken? Soll die Bibliothek zur Nutzerin kommen oder soll die Nutzerin in die Bibliothek kommen oder beides? Aber was wollen die Nutzerinnen eigentlich?

Warum eigentlich nicht? Wenn’s schon Cafés gibt in Bibliotheken, wo Getränke und Speisen käuflich erworben werden können, warum kann es dann nicht auch Büromaterialien geben? Kann ich nicht … in der Bibliothek einkaufen und Bücher ausleihen? Besonders wenn ich Studentin bin und dringend einen Stift oder Papier oder Batterien oder weißgottwas brauche (Tampons. #huch)

Oder wäre es besser, die Bibliothek käme in die Papierwarenhandlung, in den Supermarkt, an den Strand, in den Park, ins Kino, nach Hause, wie die Entwürfe in der Session zu “Neue Dienstleistungen – Lego Prototyping” am Bibcamp in Nürnberg zeigten?

Foto Anna Zschokke CC BY-NC-SA 3.0

Offshorebibliothek am Strand bzw. im Kino mit RFID-Tags und Kristallpalast des Wissens – bzw. “Fantasietankstelle Bibliothek (© Bodo Pohla @bodop) Hier wird in “geschlossenen” Bücherschränken, die von der örtlichen öffentlichen Bibliothek betreut werden, Literatur z.B. Buch zum Film angeboten. Foto Anna Zschokke CC BY-NC-SA 3.0

Hörstation im Park bzw. in Wartezonen Foto Anna Zschokke CC-BY-NC-SA 3.0

Hörstation im Park bzw. in Wartezonen – mit Steckern für Kopfhörer bzw. Runterladen via Bluetooth Foto Anna Zschokke CC-BY-NC-SA 3.0

Bücherparty bzw. Medienparty zuhause - mit Bibliothekarin, Wissenschaftlerinnen die Vorträge halten (oder ist es doch ein Harlem Shake-Video?) Foto Anna Zschokke CC-BY-NC-SA 3.0

Bücherparty bzw. Medienparty nach dem Vorbild von Tupperparties zuhause – mit Bibliothekarin, die die Schätze der Bibliothek vorstellt, Wissenschaftlerinnen, die Vorträge halten und die Medien dazu gibt’s auf der Party (oder ist es doch ein Harlem Shake-Video?) Foto Anna Zschokke CC-BY-NC-SA 3.0

Nun, über das Internet ist es möglich auf ebooks bzw. Texte überall zuzugreifen, wo ich Empfang habe. Bücher gibt es an vielen, vielen Stellen – auch im Supermarkt – zu kaufen. Praktisch aber denke ich in der Warteschlange bei der Kassa nicht daran, mir aus der Bibliothek ebooks auszuleihen, weil mich dort nichts daran erinnert, dass es ein derartiges Angebot gibt (und mein nächster Supermarkt hat miserablesten Empfang. WLAN im Supermarkt, das wäre mal ein Service. Ungeahnte Werbemöglichkeiten. Langsam will ich bitte Geld für meine Ideen.). Praktisch ist die Auswahl der Bücher in Supermärkten und Papierwarenhandlungen oder auch Museumsshops eher beschränkt (und nichts gegen leichte Literatur hier!). Praktisch ist ein Grund dafür, dass es Bibliotheken gibt, eben, dass sich nicht alle Menschen dauernd Bücherkäufe leisten können. Und praktisch ist schließlich ein zentraler Vorteil einer Bibliothek die Tatsache, dass in den meisten Fällen nicht einfach alles irgendwie gesammelt wird, sondern dass gezielt erworben und in Sammlungen zusammengestellt wird, die dann auch weiter kuratiert werden.

Und so muss es auch mit den Bibliotheken sein, die zu ihren Nutzerinnen kommen – gezielt auf die lokalen/momentanen Bedürfnisse eingestellt. Das Problem bei diesen ganzen wunderbaren Einrichtungen ist natürlich, dass noch nicht alle Bücher als ebooks zur Verfügung stehen, dass noch lang nicht alle verfügbaren ebooks Bibliotheken zur Verfügung stehen, etc. etc. etc.

Aber was hindert eigentlich eine Universitätsbibliothek daran, an gewissen Stellen in der Universität Zugänge zu thematisch relevanten “Sammlungen” aus ihren Repositorien zu bieten? In der Universität Wien gibt es einen wunderbaren Arkadenhof mit Statuen wichtiger Wissenschaftler (154 Männer und eine einzige Frau, habt ihr etwas anderes erwartet?), sowie eine Statue der Nymphe Kastalia, die einen langen Schatten wirft (Der Muse reicht’s), der auf die vergessenen Forscherinnen hinweisen soll. Warum da nicht auch “Dockstationen”, wo Forschungsliteratur (zum Großteil schon gemeinfrei), Biografien – und (ach wäre das schön) Lehrveranstaltungen zu den Personen, zur Universität etc. angeschaut & heruntergeladen werden können?

Die Universitätsbibliothek der Uni Wien hat auch ein “Objekt des Monats“, mit Links, die dann auf die Fachbereichsbibliothek verweisen und nähere Informationen zu dem Objekt liefern, aber wer mehr Literatur zum Objekt will, muss selbst suchen. Natürlich stellt ihr jetzt die Frage: “Müssen wir denn alles vorkauen?” Aber die Antwort darauf ist: Wenn ihr wollt, dass eure Bibliothek, eure Bestände, eure Services, eure Sammlungen, eure Informationen gesehen werden, dann JA! Stellt sie nicht unter den Scheffel, sondern hängt sie an alles, was ihr habt! Pflastert eure Institution, euer Dorf, eure Stadt, euer Land damit!

Denn es könnte so aussehen:

Literatur (und zwar nicht nur Belletristik!)/Informationen zu Sehenswürdigkeiten direkt bei der Sehenswürdigkeit auf das iPhone 8 Foto Anna Zschokke CC-BY-NC-SA 3.0

Literatur (und zwar nicht nur Belletristik!)/Informationen zu Sehenswürdigkeiten direkt bei der Sehenswürdigkeit auf das iPhone 8. Foto Anna Zschokke CC-BY-NC-SA 3.0

Wenn ich durch Berlin oder Wien wandere, wenn ich mit dem Zug durch die Lande brause und Dinge sehe, wenn ich in Gemäldegalerien, Museen, Veranstaltungsräumen, Bibliotheken etc. unterwegs bin, wünsche ich mir das so sehr. Dass ich einfach mein portables Endgerät zücken könnte und auch auf das unscheinbare Haus (aber mit Jugendstilelementen!) zielen könnte und Informationen darüber erhalten könnte. Dass ich, wenn ich in Berlin am Alexanderplatz stehe, sofort Zugang habe zu Döblin, ohne extra ein Buch mitnehmen zu müssen. Obwohl mir da eine europa- (was heißt – weltumspannende) Lösung fehlt, bei der ich kostengünstig zu WLAN komme. (Liebe Städte, bietet das bitte an, überall. Ohne Prism, danke.)

Aber das kostet ja alles Geld und Arbeit. Das Zusammenstellen von Sammlungen, auch virtuellen, ist Arbeit. Es arbeiten zwar viele wie wild daran, dass Bibliothekskataloge in Zukunft exaktere Ergebnisse liefern, wenn ihr “Berlin Alexanderplatz” sucht, aber das dauert noch. Und ihr wisst alle, wie das mit den Googlesuchen ist. (Übrigens suche ich seit Wochen verzweifelt eine Technoversion von Cole Porter’s “Let’s do it” aus den 1990ern – zentral ist “When the little blue bird who has never said a word” – und Google liefert mir keine Ergebnisse und auch nicht die Version von Ella Fitzgerald, wo sie eben die Einleitung singt.) Von daher werden diese ganzen schönen Angebote noch lange auf der Arbeit von gut informierten Menschen basieren.

Aber lässt sich denn jetzt noch nichts tun? Nicht einmal ein bisschen etwas, das den Menschen Texte näherbringt (denn von Filmen und Musik sprechen wir hier ja leider noch gar nicht)? Doch, lässt sich. Denn warum soll eigentlich eine Universitätsbibliothek ihren Studentinnen nicht Belletristik zur Verfügung stellen, wenn z.B. die nächste öffentliche Bibliothek weit entfernt ist und/oder nicht die kompatibelsten Öffnungszeiten hat? Obwohl ich mir da auch Kooperationen vorstellen kann, mit einer Zweigstelle in der Uni, aber Zweigstellen werden ja heute eher geschlossen und Öffnungszeiten gekürzt, weil ja das Geld … nun ja.

Das Stanford Library Blog (der Stanford University in Kalifornien) informiert seine Leserinnen (auch via Twitter) zum Beispiel so über ihr Belletristikangebot:

Now that the brunt of the academic year is over Cubberley Library invites you to read something a little lighter. The library currently has a display of young adult fantasy books perfect for reading at the beach. If fantasy isn’t your thing we also have a wide variety of other genres as well. So even if you no longer quite fit in the Y category and are a lot more A you might still find something enjoyable to read. We’ll be more than happy to point you in the direction of our curriculum collection where these items are housed.

Diese positive Besetzung des Lesens zum Vergnügen! “Invites you!” “We’ll be more than happy!” Hilfe, da könnten die Studentinnen ja Spaß haben! Nicht nur wegen des Studiums in die Bibliothek kommen” Und vielleicht nicht nur die “gute” Literatur lesen! Wobei ich sagen muss, dass ich viele der belletristischen Bücher, die ich lese, von der Universität Wien auch bekomme, ohne dezidierte Werbung. Ich muss sie nur im Katalog suchen. Es ist auch sehr bequem, sie einfach am Schalter abholen zu können. Aber wäre es nicht noch viel schöner, wenn eine Universitätsbibliothek auch offen damit werben kann, dass sie Medien, die für den Spaß bestimmt sind, besitzt und verleiht? Ich bin ja auch für die Offenlegung und Bewerbung der letzten Ankäufe – denn auch akademische Literatur kann Spaß machen.

Oder sagen wir, es gibt eine große Institution, eine große Firma, mit einer Institutions- oder Firmenbibliothek. Warum sollte es da nicht eine Belletristiksektion geben, die von allen in dem Haus arbeitenden Menschen genützt werden kann? Vielleicht sogar mit Kinder-, Koch-, Garten-, was immer-Büchern? Ein Rundumservice? (Ich kenne übrigens so eine Bibliothek.) Ja, das kostet auch Geld. Aber wie wäre es mit einem offenen Bücherschrank? Auch ein solcher wird im besten Fall kuratiert und es muss klar sein, dass das kein Abfallkübel ist und dass Bücher, die keine Besitzerin finden, entsorgt werden. Aber warum nicht?

Bringen wir das Lesevergnügen an die Menschen.

Nicht zu fassen – Graphic Novels “For Ladies Only”

Erinnert ihr euch? Vor zwei Wochen war ich in Nürnberg und habe dort einen Comic gekauft. Eigentlich wollte ich ja “Are You My Mother” von Alison Bechdel kaufen, aber Verena hatte das letzte Exemplar gekauft. Also habe ich ein bisschen geschmökert und bin dann auf “Wie ein leeres Blatt” von Pénélope Bagieu und Boulet gestoßen. Wenn ihr diesem Link folgt: http://www.carlsen.de/hardcover/wie-ein-leeres-blatt/27917#Inhalt kommt ihr auf eine neutrale Seite, wo ihr Cover, Inhalt und Bewertungen seht und den Comic direkt kaufen könnt.

Heute habe ich den Comic noch einmal gelesen. Und was sehe ich auf der letzten Seite? Etwas, das mir vorher nicht aufgefallen war. Etwas, das mir den Sonntagmorgen ein wenig vermieste. Das da:

Graphic Novels für Frauen

Foto Anna Zschokke

HÄÄÄÄÄÄÄ?!?!?! Was soll das? Nach einem entrüsteten Tweet die Googlesuche: ja. Das gibt’s wirklich. “For Ladies Only” sagt der Carlsen Verlag. Um die Reihe zu bewerben, gab es schon ein paar “Ladies-Nights” in Buchgeschäften, mit einer Lesung und

“Prosecco und fettreduzierten – aber sehr leckeren – Schnittchen der portable Make-Up-Tisch einer Kosmetikfirma, an dem man sich optisch herrichten lassen konnte, sowie eine Kamera mit New York-Fototapete, vor der eine Mitarbeiterin einer Hamburger Fotostudiokette gewillte Damen ablichtete,”

berichtet madamebooks in ihrem Blog. Besucht hat sie die Ladies-Night (Ladies’ Night, wenn schon!) gemeinsam mit Lachwitz, der ebenfalls darüber bloggte.

Dazu gleich mal ein Hinweis: ich teile nicht alle Meinungen, die in den bis jetzt und danach zitierten Blogs bzw. Comics vertreten werden.

Hier ein paar der Reaktionen (ansonsten “Graphic Novels für Frauen” googeln), auf die ich mich auch beziehen werde:

Auf “Das Leben ist kein Ponyhof” in Comic- und Blogpostform von Sarah Burrini – Leseempfehlung für den Comic, übrigens.

Auf “Ein Comicleben” – auch Leseempfehlung.

Auf Beetlebum von Johannes Kretzschmar

Und auf Grober Unfug – Blog eines Berliner Comicladens mit 2 Filialen, die sich schon mal auf einen Besuch von mir gefasst machen können. Am 11.5. ist nämlich Gratis-Comic-Tag und ich bin dann in Berlin. Und meine Katzenohren auch.

Und was sollen “Graphic Novels für Frauen” jetzt sein? Von der Seite des Carlsen-Verlags:

Die Antwort, warum es Graphic Novels für Frauen braucht, ist ganz einfach: Frauen stehen gar nicht auf Superhelden und krude Zeichnungen!

*seufz* Ehrlich? Wirklich? Alle Frauen? Unkritisch stehe ich nicht zu Superheldencomics, aber ich mag X-Men, besitze V for Vendetta und The League of Extraordinary Gentlemen (ja, keine “normalen” Superheldengeschichten) und lese gerne Manga und schaue gerne Anime mit Superhelden und Superheldinnen. Von den amerikanischen Superheldenfilmen hab ich jetzt ein bisschen genug, aber ich habe mir etliche angesehen und einige ziemlich cool gefunden. Außerdem: Wonderella und andere Onlinecomics. Und ich bin damit nicht allein. Es gibt viele weibliche Fans von Superhelden und Superheldinnen, da stimme ich mit Ein Comicleben überein.

Mir sind auch krude Zeichnungen egal, wenn nur die Geschichte gut ist oder die Gags lustig sind. Ach, Carlsen, Carlsen. Klar, hier geht es nicht um Frauen, die schon Comics lesen. Hier geht es um Frauen, die *nicht* Comics lesen, deshalb heißt es ja auch “Graphic Novels”, damit die Nase ungerümpft bleibt. Deshalb wäre es ja auch gut, wenn die “Graphic Novels für Frauen” in der Brigitte rezensiert werden, wie Sabine Witkowski, verantwortliche Redakteurin, zu madamebooks gemeint hat. Ich verstehe das. Neue Zielgruppen erschließen und so.

Um die Comics an die Frau zu bringen, wurden die “Graphic Novels für Frauen” auch als “Lifestyle-Produkte” beworben, mit Deko-Kissen, wie auf Grober Unfug zu sehen ist. Weiters wird auf der Seite des Carlsen-Verlags bekanntgegeben:

Und schließlich sind sie so gemacht, wie es selbst im Carlsen Verlag erst mal die Frauen haben wollten: Die Bücher passen in jede Handtasche, haben einen praktischen Gummibandverschluss UND fühlen sich gut an!

Ja, das ist wichtig! (Nicht.) Denn haben die neuen Graphic Novels nicht im Allgemeinen alle Handtaschenformat? Und Manga sowieso? Bzw. gibt es ja doch auch Stoffbeutel und Oversize-Handtaschen? Werden normale Bücher auch damit beworben, dass sie Handtaschenformat haben? Werden Graphic Novels sonst damit beworben, dass sie Rucksack- oder Aktentaschenformat haben? Ich mag ja auch die A4-formatigen Comics, weil sie ihren ZeichnerInnen mehr Platz bieten (ach, die ganzseitigen Bilder in Garulfo, und Mit Mantel und Degen). Insgesamt ist mir das Format egal, gebt mir gute Comics!

Und wie sieht es jetzt mit den Inhalten aus? Modewelt in Paris. Alltagsleben plus Schuhfetischismus. Magersucht. Klar, das hat “Frauen” zu interessieren. Nein, ich habe diese Comics nicht gelesen. Lesen würde ich sie schon, denn ich bin neugierig und die Geschichten scheinen gut zu sein (ich vertraue da mal auf Beetlebum und den Carlsen-Verlag). Zweimal pink und je einmal türkis, weiß und crémefarben sind die Cover, die bisher auch noch mit einem Hinweis “Special Edition For Ladies” versehen waren. Gnah. Warum das Pink ein Problem ist, erklären Ein Comicleben, Sarah Burrini und das Internet gerne.

Wie ein leeres Blatt

Foto Anna Zschokke

Der Comic “Wie ein leeres Blatt” hat keinen solchen Hinweis. Offensichtlich wurde das wieder aufgegeben, wie Andreas Blatt in seiner Rezension für das Comic-Blog der FAZ berichtet. Meine Motivation, zu dem Comic zu greifen, war ja genau Boulet, bzw. da ich ja seinen Onlinecomic lese, den er gratis im Netz zur Verfügung stellt, wollte ich ihn durch den Kauf des Comics finanziell unterstützen (ja, da bin ich wohl etwas idealistisch).

Hätte ich den Comic gekauft, wenn ich gewusst hätte, dass er “für Frauen” gedacht ist? Ich habe mich ja schon im Comicladen gewundert, was es mit den Gummibändchen
auf sich hat, da lagen nämlich noch mehr aus der Reihe. Aber nicht als Extra-Display, zum Glück. Die anderen haben mich aber nicht angesprochen, vor allem nicht, nachdem ich “Boulet” gesehen hatte. Im Nachhinein kann ich es nicht sagen. Vielleicht hätte ich ihn gekauft (Boulet!) und sofort einen Blogpost geschrieben? Vielleicht hätte ich auf dem Bibcamp eine andere Session (über Feminismus, Sexismus und/oder andere Ismen in Bibliotheken nämlich) gehalten?

Jetzt, da ich “Wie ein leeres Blatt” besitze, bin ich froh – die Geschichte ist gut. Es geht ja auch nicht um ein “Frauenthema”, sondern die Hauptfigur des Comics ist eine Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat. Und sie holt sich Hilfe bei einer anderen Frau. Als Film würde der Comic den Bechdel-Test bestehen. Dabei wurde die Geschichte von einem Mann geschrieben, so wie auch “Luft und Liebe“, ein anderer Comic aus der “Graphic Novels für Frauen”-Serie, geschrieben von Hubert, gezeichnet von Marie Calliou.

Im Idealfall ist sowohl das Geschlecht der Leser*innen als auch der Autor*innen (ja, dieser Absatz bewusst mit Gendersternchen) egal – universell ansprechend sollen sie sein, die Comics. Wer kann sagen, was wem gefällt? Lesen Brigitte-Leser*innen denn nur Bücher über “Frauen”themen? Was sagt da der Carlsen Verlag?

Mit den Graphic Novels hat sich das inhaltliche und gestalterische Spektrum der Bildergeschichten so breit entwickelt, dass sich auch Frauen dafür interessieren.

Ach so, erst mit den Graphic Novels. Ja. Ehrlich? Dabei sollten sie doch im Carlsen Verlag eine Ahnung von Comicgeschichte haben. Aber es geht hier ja um “Frauen”, die noch keine Comics lesen.

Nun, ich lese ja schon Comics. Ich lese Comics, seit ich ein Kind bin. Comics haben in meiner ganzen Entwicklung eine unglaublich wichtige Rolle gespielt. Ich rede hier nicht von Micky Maus, Donald Duck, Lucky Luke, Asterix, Tim und Struppi, Gaston, Marsupilami, Isnogood, Yoko Tsuno und viele mehr, obwohl die auch immens wichtig waren. Ich rede von Claire Bretécher, Franziska Becker, Gerhard Seyfried, wunderschönen, absolut nicht jugendfreien und ganz auf Männer ausgerichteten Comics aus den Sammlungen von diversen Erwachsenen in meinem Umfeld, Ralf König (der war ganz, ganz wichtig), Maus, den unvergleichlichen Love & Rockets von Jaime und Gilbert Hernandez, Strangers in Paradise von Terry Moore, der eine große weibliche Leserschaft hat (für die beiden letzten danke, danke, DANKE Büchereien Wien!), Garulfo, Mit Mantel und Degen, Trent (ja, ich mag Western), etc. etc. etc. und so weiter, bis Flight, die tausenden Manga und die vielen, vielen Onlinecomics, die ich seit fast meiner Anfangszeit im Internet (gute 14 Jahre) lese.

Ich bin mit meiner Liebe zu Comics nicht allein. Es gibt noch viele andere Menschen, die Comics lieben und kaufen. Wie in einigen der Blogposts von männlichen Autoren angemerkt, hätten auch diese Interesse an den “Graphic Novels für Frauen”. Muss es also wirklich die Schubladisierung sein?

Mein Tipp: Anstatt “Graphic Novels für Frauen” herauszugeben, überlegt euch lieber, wie ihr gute Autor*innen unterstützt, die zu allen möglichen Themen schreiben. Wenn Kinder und Jugendliche zu Comics kommen, lesen sie alles und sollen auch alles lesen dürfen. Vielleicht verstehen sie noch nicht alles, aber der Eindruck bleibt. Springen Erwachsene erst über die Hürde des “aber Comics sind doch Kinderkram”, freuen sie sich sicher auch, wenn sie nicht in Schubladen gesteckt werden und ein genauso breites Angebot finden.

So aber: Sympathieverlust und Genervtheit.

Leben mit dem E-Reader: Wir feiern Indiebookday

Heute ist Indiebookday. Was für ein Tag? Nun, der mairisch Verlag hat den 23. März zum Indiebookday ausgerufen, zu dem Tag, an dem wir die Buchhandlung unseres Vertrauens aufsuchen, ein Buch aus einem kleinen, unabhängigen Verlag erwerben und ein Foto davon auf unseren sozialen Netzwerken posten sollen. Mehr Info gibt’s hier: http://www.indiebookday.de/

Eine Freundin hatte mich schon vor Wochen auf Facebook zum Indiebookday eingeladen. Haaa, in eine Buchhandlung gehen und ein Buch kaufen, dachte ich mir. Nette Idee.

Irgendwann in der Zeit habe ich auch den binooki Verlag kennengelernt, auf Twitter, per Empfehlung der Büchereien Wien. Der binooki Verlag übersetzt türkische Klassiker und Gegenwartsliteratur ins Deutsche und bietet sie sowohl auf Papier als auch als e-books an. Oh, die wollte ich gerne lesen. Also auf die gedankliche Leseliste, mit dem Vermerk, halt irgendwann in den versammelten Bibliothekskatalogen nachzusehen, ob ich sie irgendwo ausleihen könnte. Ich mache das oft so – und meistens enttäuschen mich die versammelten Bibliotheken nicht. Besonders die Bibliothek der Universität Wien hat meine letzten Lesewünsche ausgezeichnet erfüllt.

Diese Woche entschloss ich mich aber dazu, den Indiebookday doch zu feiern. Blöd nur, dass sich in meiner Nähe keine Buchhandlung befindet. Außerdem habe ich eine leichte Buchbesitzphobie seit ich die Bibliothek meines Vaters auflösen musste (auch deshalb so viel Bibliotheksbenutzung) und in den nächsten Monaten stehen wieder lange Zugreisen an. Daher hege ich auch eine große Sympathie für e-books und der Kobo wollte sowieso wieder einmal gefüttert werden. Gestern schaute ich noch nach, ob ich Bücher des binooki Verlags denn auch über den Kobo erwerben könnte: Ja. Dann fragte ich extra nochmal auf Twitter nach, ob denn ein e-book auch gilt und bekam sofort die Antwort: Ja, gilt!

Heute habe ich es dann gekauft: “Das Siebentagegebet” von Zerrin Soysal, bequem auf dem Sofa sitzend, das ich vorher auf der Suche nach dem Kobo umgegraben hatte. Gelesen wird es dann nächste Woche, im Zug. “Aber die kleinen Buchhandlungen!”, höre ich euch sagen. Andere gehen extra hin, bestellen Papierbücher direkt bei den Verlagen … nun, ich will das heute nicht. Ich will heute bequem von meinem Sofa aus ein e-book bestellen und es gleich “besitzen”, auch wenn ich es erst später lese. Der binooki Verlag hat bei mir auch deshalb einen Stein im Brett, weil das geht.

Übrigens sind wegen dem Indiebookday mindestens drei weitere Bücher auf meine Wunschleseliste gewandert. Und die hole ich mir vielleicht sogar in der Buchhandlung.

Indiebookday

Erotika in der Bibliothek?

50 Shades of Grey? Ob Schauder aus Grauen oder Vergnügen, es wird gelesen. Was aber, wenn BibliotheksbenützerInnen mehr Lesestoff aus diesem Genre verlangen? Katie Dunneback öffnet dazu mit ihrem Artikel Full-Frontal Shelving auf Library Journal Reviews eine Schatzkiste voll mit Informationen aus dem amerikanischen Bibliothekswesen.

Die drei Hauptfragen des Artikels lauten: Wo am Besten mit dem Entdecken erotischer Literatur beginnen, wie bereits vorhandene Bücher erfassen und wie kann die Bibliothek den BenützerInnen bei der Suche nach neuem Lesestoff am besten behilflich sein? Weiters bietet Dunneback einen kurzen geschichtlichen Überblick der erotischen Literatur von Sappho bis zu den e-books, eine Bibliografie für AnfängerInnen mit Anthologien, AutorInnen und weiterführenden Websites, ein Interview mit der Autorin Sylvia Day, Statistiken zum Absatz von Erotika in Buch- und e-book-Form und erklärt die verschwommenen Grenzen zwischen romance, erotic fiction und erotica (Nein, das ist nicht dasselbe). Besonders wichtig dabei ist ihre Anleitung, wie aus Katalog und Entlehnstatistik erhoben werden kann, welche erotische Literatur bereits vorhanden ist und ob sich am jeweiligen Bibliotheksstandort überhaupt ein Bedarf an erotischer Literatur bemerkbar macht.

Am meisten haben mich die Beispiele aus der Praxis und die ethische Haltung beeindruckt. Wie kann diskret, aber hilfreich auf die Lesebedürfnisse der BibliotheksbesucherInnen eingegangen werden? Dunneback sagt dazu:

You want to give your patrons a sense of privacy with this most intimate of reads but also offer them an understanding that the library supports their reading interests no matter what they choose. (Katie Dunneback, Full-Frontal Shelving, Library Journal Reviews)

Sie erzählt von Empfehlungs-Foldern, die auf Nachfrage überreicht werden können, von Lesezeichen mit relevanten Empfehlungen, die in die Bücher gelegt werden können, von Empfehlungsfunktionen für die e-book-Plattform der Bibliothek – wichtig, da Erotika und verwandte Genres gerne in digitaler Form gelesen werden.

Genauso beeindruckend ist ihr Absatz zum Umgang mit Beschwerden. Ihre Handlungsanleitungen – u.a. Training aller Bibliotheksangestellten darin, was im Beschwerdefall zu tun ist; umfassende Dokumentation und Information; schriftliches Feedback an die/den BeschwerdeführerIn – sind beispielhaft und sollten weit verbreitet werden. Im Gespräch mit Verena fiel ihr dazu ein, dass bei der Besprechung von media2go von vielen SchulbibliothekarInnen sofort angesprochen wurde, dass 50 Shades of Grey ohne Altersbeschränkung ausgeliehen werden kann. Weiters wurde gefragt, wie es mit der rechtlichen Situation aussieht, da es keine Altersbeschränkungen für Bücher gibt (zum Glück! sage ich da).

Adding erotica when it is not your thing is the same as adding in any other specialized collection that is not your thing. You can do this and probably already have with other collections. (Katie Dunneback, Full-Frontal Shelving, Library Journal Reviews)

Vielleicht hat die Welle der Erotika Österreich noch nicht oder nicht auf diese Weise erreicht. Vielleicht kommt sie nie. Aber ein bisschen Vorbereitung kann nicht schaden. Und dabei ist dieser Artikel sehr hilfreich.

AZ/@nightlibrarian

Blind Date with a Book

Blind Date with a Book

Foto Anna Zschokke CC BY-NC-SA

Bläh, Valentinstag. Ein Blind Date mit einem Buch könnte ich mir allerdings schon vorstellen.

Dazu wickeln u.a. BibliothekarInnen eine Auswahl von Büchern – Hörbücher und andere Medien gehen natürlich auch – in Papier, schreiben oder kleben den (duplizierten) Barcode drauf bzw. lassen ihn frei, versehen das Buch eventuell noch mit dem jeweiligen Genre und einer Beschreibung, wie das Ganze funktioniert und dann können die BibliotheksbesucherInnen sich eines aussuchen, ausleihen und sich überraschen lassen.

Wer mehr Aufwand nicht scheut, kann besonders schönes Papier verwenden oder detaillierte Dating-Profile für jedes Buch verfassen. Auch die japanische Buchhandelskette Kinokuniya verhüllt Bücher, druckt aber die ersten Sätze bzw. den ersten Absatz auf die Hülle und ist damit erfolgreich. Die ganze Geschichte dazu könnt ihr bei Rebekka Kirsch nachlesen.

Wenn die Bibliothek auch (Mal-)Aktivitäten für Kinder anbietet oder anbieten würde, kann ich mir gut vorstellen, dass das Einwickelpapier für die Blind Dates dort gemeinsam mit den Kindern gestaltet wird. Hände, Erdäpfel, Zwiebeln und Früchte (Äpfel, Zitronen) eignen sich gut als Stempel (bzw. hallo Internet/Pinterest). Gibt es eine aktive Teenagergruppe kann diese ebenfalls Verpackungsmaterial gestalten – die Lösung von Great Imaginations gefällt mir da sehr gut, Dating-Profile kreieren und Bücher verpacken.

In manchen Bibliotheken gibt es dann zu den Büchern noch Bewertungskarten, die in der Bibliothek abgegeben werden können. Als Anreiz, möglichst viele Bücher zu lesen, kann natürlich ein Gewinnspiel dienen – je mehr Bewertungskarten abgegeben werden, desto größer die Chance, z.B. mit Schokolade überzogene Erdbeeren zu gewinnen, wie in den James B. Duke Libraries der Furman University in Greenville, South Carolina.

Ein Blind Date mit einem Buch funktioniert zu jeder Zeit, für jede Altersgruppe und meiner Meinung nach auch für jede Bibliothek – außer es gibt wirklich gar keinen Freihandbereich und selbst dann gibt es dafür Lösungsmöglichkeiten. Jede Bibliothek? Ja. Auch akademische Bibliotheken könnten Blind Dates mit Büchern veranstalten. Es gibt jede Menge wissenschaftliche Literatur, die sich zum Lesen eignet, auch wenn keine Arbeit oder Prüfung zu dem Thema ansteht.

Eine Schwierigkeit bei Blind Date mit einem Buch ist allerdings, dass diese Aktion in Bibliotheken, die RFID verwenden, zu höherem Aufwand führen kann, den beim Ausleihen bei den Selbstverbuchgeräten würden die BibliotheksbesucherInnen ja dann sehen, welche Bücher sie genommen haben.

Verena meinte dazu, dass dafür die Datensätze der Bücher für die Dauer der Aktion geändert werden könnten, obwohl ich mir da über die Auswirkungen auf den Katalog nicht ganz im Klaren bin. Andererseits könnten die LeserInnen die Bücher von den BibliothekarInnen verbuchen lassen, so weit das möglich ist. Oder einfach nicht auf den Verbuchungsbon schauen.

Das Gute an Blind Date mit einem Buch ist, dass der Aufwand je nach Motivation ausfallen kann, Hauptsache, die Bücher werden ausgesucht, verpackt und aufgestellt. Von daher empfiehlt sich ein Testlauf, um zu sehen, wie die BibliotheksbesucherInnen darauf reagieren. Aber je motivierter die gestaltende Gruppe, desto größer der Anreiz für LeserInnen und desto größer die Befriedigung, wenn die Aktion gut funktioniert.

Und jetzt würde ich gerne in eine Bibliothek gehen und mir so ein Blind Date mit einem Buch gönnen … (AZ/@nightlibrarian)