Shared Reading – Es klingt so schön, aber ich hab Bauchweh

Im Zuge der Recherchen für einen Artikel beschäftigte ich mich ein wenig mit der englischen Organisation The Reader. Sie wurde von Jane Davis gegründet, die auch das Prinzip des Shared Reading entwickelte. Ihr Ziel ist löblich: Einsamen, isolierten Menschen werden soziale Anknüpfungspunkte geboten – regelmäßig stattfindende Runden, bei denen gemeinsam reihum laut ein Buch, ein Text, ein Gedicht vorgelesen wird und über die unmittelbaren Eindrücke und Empfindungen gesprochen wird. Dabei erzählen die Menschen viel aus ihrem eigenen Leben, lernen neue Menschen und schöne Texte kennen.

Moderiert wird das von freiwilligen “Facilitators”, obwohl The Reader auch schon über hundert Angestellte hat. Angewendet wird die Methode auch in Kliniken, Schulen, Gefängnissen und … Firmen. Firmen. Hm. Für den besseren sozialen Zusammenhalt in Teams. Hm. The Reader arbeitet eng mit dem Centre for Research into Reading, Literature and Society der Universität Liverpool zusammen und Shared Reading (oder doch die regelmäßigen Sozialkontakte?) hat laut den erstellten wissenschaftlichen Studien sehr gute Auswirkungen auf geistige und körperliche Gesundheit.

Die Literarischen Unternehmungen, ein deutscher Ableger, haben sich im Herbst 2016 auf der Leipziger Buchmesse präsentiert und haben die Absicht, Shared Reading im deutschen Sprachraum zu verbreiten. So ganz klar kommt bei beiden Organisationen nicht heraus, wie es um das Verhältnis zwischen freiwilliger und bezahlter Arbeit steht, und da kriege ich ein wenig Bauchweh.

Denn einerseits: Gemeinsames Vorlesen! Sozialkontakte! Gesundheit! Bildung von Gemeinschaften! Yay! Das sind doch alles gute Dinge. Außerdem ist es ja gut, die Methode in Institutionen anzuwenden, in denen Menschen sich isoliert fühlen oder absichtlich isoliert werden, oder? Aber wenn ich so lese, wie Menschen sich freuen, dass sie im Altersheim, im Kinderheim oder im Gefängnis einmal in der Woche Zuspruch beim Shared Reading kriegen, klingt das nicht mehr so toll. Einmal in der Woche ist wohl besser als nie. Aber was ist mit dem Rest der Zeit, soll der einfach so weiterlaufen? Und sollten das nicht Menschen machen, die dafür bezahlt kriegen? Ein Blick rüber zur Bezahlung von Kindergärtner_innen, Pflegefachkräften, etc. zeigt schon, warum hier Freiwillige am Werk sind … spart noch mehr Geld ein, juhu. Irgendwann und irgendwo wurde noch die Frage gestellt, warum sich Menschen in solchen Institutionen isoliert fühlen oder isoliert werden. Ob solche Institutionen wirklich gut sind. Das mit der strukturellen Kritik und dem radikalen Umbau täte Not.

Das mit dem Shared Reading in Firmen, ja äh. Ich meine, super, ich will nämlich in der bezahlten Arbeit nicht zum Sporteln oder in komische Teambuildingseminare, aber fragen sich die Firmen mal, warum ihr Klima ihren Arbeitnehmer_innen nicht gut tut? Und ob das aufhört, nur weil alle jetzt zum Shared Reading müssen? Hach, jetzt muss ich lachen. Herzhaft. Aber dass Literatur zur Förderung von Kapitalismus verwurstet wird, ist ja auch nicht wirklich neu. Ich will’s nur angemerkt haben.

Schließlich: Wie sieht es in der lokalen Gemeinschaft aus? War da nicht was mit Kommunen und ihrer Aufgabe? Ist es etwa nicht Aufgabe der Kommunen, für das Wohlergehen ihrer Mitglieder zu Sorgen? Ihnen Räume zu bieten, in denen Gemeinschaft entstehen kann? In Zeiten zunehmenden Sozialabbaus wohl bisschen illusorisch, fürchte ich. Aber wenn es keine Gemeindezentren mehr gibt, in denen eine weite Bandbreite von Veranstaltungen für Menschen aller Altersgruppen stattfinden kann, wo sollen die denn dann hin?

De facto sind z.B. genau Bibliotheken eine Anlaufstelle für Menschen, die Sozialkontakte und weniger konsumorientierte Orte suchen. Ob sich die Bibliotheken dann aber auch für diese Menschen zuständig fühlen, also über die Ausleihe und Rückgabe von Medien und einen Schwatz hinaus, liegt im individuellen Ermessen – leider? Was, wenn es nur noch Ausleih- und Rückgabeautomaten gibt? Hätten dann Bibliothekar_innen nicht mehr Zeit für solche und ähnliche Veranstaltungen? Shared Reading wird von Therapie oder Sozialarbeit abgegrenzt, aber nur weil das da steht, heißt das nicht, dass es nicht Elemente von beidem hat und entwickeln wird und es für die moderierenden Personen sicherlich auch mit allen Regeln und Abgrenzungen intensive Beziehungen, die nicht alle eingehen werden wollen. In den USA haben manche Bibliotheken eigene Sozialarbeiter_innen und/oder Therapeut_innen angestellt, um ihre Besucher_innen zu begleiten.

Es ist ein bisschen schwierig. Gemeinsame Aktivitäten, ja bitte. Mehr. Und Platz dafür. Räume. Geld für Essen und Material. Menschen, die für ihre Arbeit bezahlt werden, ja doch. Freiwilligenarbeit ist toll, aber können sich nicht alle leisten und wenn sie bezahlte Arbeitsplätze ersetzt, ist sie abzulehnen. Ohne die Strukturen und Institutionen in unserer Gesellschaft zu verändern, die zur Vereinsamung und Isolation von Menschen führen, ist genau hinzusehen, ob gemeinsames Vorlesen eine Strategie unter vielen ist – oder doch nur ein neoliberales Pflaster.

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#teamharpy und Konversationen, die wir nicht führen

Makerspaces. 3D-Drucker. Die papierlose Bibliothek. Bibliotheksgemeinschaftsgärten, Ausleihe von Werkzeug, Backformen, Lesebrillen. Barcamps. Informationskompetenz. Ach, Nordamerika, deine Bibliotheken, deine Ideen! Was schauen wir Bibliothekar_innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz uns da nicht gerne ab (bzw. kritisieren diese Entwicklungen und Ideen herzlich gerne, weil nur weil’s aus den USA kommt muss es noch lang nicht gut sein etc. etc. etc.). In einem Punkt schauen wir uns leider sehr wenig ab und das ist die in Nordamerika, also USA und Kanada geführte Debatte über Diversität und soziale Bewegungen im Bibliotheksbereich. Soll heißen, wir thematisieren herzlich wenig Themen wie sexuelle Belästigung, sexistische, rassistische, ableistische, heterosexistische, cissexistische Diskriminierung im Bibliotheksbereich, also zumindest offiziell.

Letztes Jahr legte die American Library Association (ALA) mit ihrem “Statement of Appropriate Conduct at ALA Conferences” fest, welche Verhaltensweisen auf ihren Konferenzen nicht erwünscht sind. Echo im DACH-Bereich? Suche ich “ALA Code of Conduct” bzw. “Statement of Appropriate Conduct” bzw. “ALA Verhaltensregeln” auf einer der recht wichtigen deutschen Bibliotheksmailinglisten, inetbib.de, finde ich … nichts. Dito auf einigen der beliebtesten deutschsprachigen Bibliotheksblogs. Oh, hey, ich habe zwei Erwähnungen gefunden! (Allerdings habe ich auch nichts darüber geschrieben … sollte ich.)

Sexuelle Belästigung auf Konferenzen (und allgemein) ist also ein Thema, das in der nordamerikanischen Bibliosphäre diskutiert wurde und wird. Im Frühling dieses Jahres nannten zwei Bibliothekarinnen*, Lisa Rabey (die den gerade verlinkten Blogpost verfasste) und nina de jesus auf Twitter respektive auf ihrem ausgezeichneten Blog einen Mann beim Namen – Joe Murphy -, der laut ihren Berichten Bibliothekarinnen* auf Konferenzen sexuell belästigt hatte. Dieser Mann hat sie nun verklagt, auf 1,25 Millionen Dollar, da er befindet, sie hätten seinen persönlichen und beruflichen Ruf beschädigt. Nachzulesen ist alles auf dem Blog #teamharpy – unter diesem Hashtag findet auf Twitter auch die Diskussion statt. Reaktionen auf die Klage werden ebenfalls auf dem #teamharpy-Blog gesammelt.

Um ein paar Einwände gleich vorwegzunehmen:

Wer ihren Ton nicht für richtig befindet, bitte “tone policing” oder “tone argument” googlen oder auf Rumbaumeln oder Derailing for Dummies nachlesen.

Nein, sie waren nicht persönlich betroffen, aber sie haben Beweise. Es gab und gibt einen Aufruf an Zeug_innen, sich zu melden, wobei sowohl Lisa Rabey als auch nina de jesus Verständnis für die Zeug_innen haben, die sich nicht melden, da sie wissen, dass es dafür gute Gründe gibt.

Wer meint, die betroffenen Personen hätten sich zuerst an die angemessenen Stellen bzw. Autoritätspersonen wenden sollen: Haben sie. Tun sie. Leider kam bzw. kommt dabei allzu oft nichts heraus bzw. gibt es den ALA Code of Conduct eben erst seit letztem November. Davor gab es bei der ALA keine Stelle, wo diese Übergriffe gemeldet werden konnten.

Und jetzt ist da diese Klage gegen zwei Frauen*, die es gewagt haben, klare Worte auszusprechen. Sie sollen mundtot gemacht werden. Ob sich von nun an eine direkt betroffene Person zu Wort melden wird, wenn sie weiß, dass ihr im Zweifel eine Millionenklage ins Haus steht? Das ist das gefährliche an dieser Klage: Sie schafft ein Klima, in dem das Auf- und Anzeigen von Übergriffen erschwert wird und damit ein Klima, in dem Bibliothekarinnen* nicht unbeschwert ihrer Arbeit nachgehen können. Ich finde das äußerst bedenklich und hoffe, dass Joe Murphy es sich anders überlegt und die Klage fallen lässt und sein Verhalten reflektiert. Durch den aus der Klage entstandenen Streisand-Effekt hat er sich wohl selbst am meisten ins Aus manövriert.

Falls ihr #teamharpy unterstützen möchtet, könnt ihr hier eine Petition unterschreiben, die Joe Murphy dazu auffordert, die Klage fallen zu lassen. Oder ihr könnt für #teamharpy spenden, denn die beiden haben nicht sehr viel Geld. Das ist ein weiterer gefährlicher Aspekt dieser Klage: Ausdauernd wehren können sich nur die Reichen.

Und dann können wir vielleicht einmal beginnen darüber zu reden, warum offizielle Verhaltensregeln auf Konferenzen eine gute Idee sind, selbst wenn wir alle lieber glauben, hier in DACH bräuchten wir das nicht.

So, jetzt ist sie vorbei – die Sommerpause

Dem Wetter nach ist der Sommer natürlich schon länger vorbei. Es steht eine Zeit fieberhafter Aktivität bevor, die eigentlich auf dem Blog landen sollte. Ein kurzer Ausblick:

Dieses Wochenende halten Ulli Koch und ich einen Vortrag auf dem Daten.Netz.Politik-Kongress #dnp14 über unsere Idee eines queer_feministischen Metaarchivs. Die Blogserie sollten wir auch fortsetzen, wir waren aber bisher damit beschäftigt, darüber einen wissenschaftlichen Artikel zu schreiben, der in Bälde erscheinen soll.

Nächstes Wochenende geht’s zum diesjährigen Bibcamp nach Potsdam, auf das ich schon sehr gespannt bin. Ich würde ja gerne eine Session halten, aber kann mich noch nicht ganz für das Thema entscheiden – mal sehen was passiert, wenn ich dort bin.

Gestern und heute früh war das große Thema in der Bibliotheks-Twitterbubble der Pilotversuch der Onleihe, einem der Anbieter von E-books für Bibliotheken. In drei Bibliotheken sollen ab jetzt die zur Ausleihe gedachten E-books auch käuflich erwerbbar sein, per Button im Bibliothekskatalog. Kritische Worte dazu finden Dörte Böhner auf bibliothekarisch.de und DonBib auf Ultrabiblioteka. Ich teile ihre Ansicht und bin sehr verwundert – da läuft jetzt etwas sehr rapide ab, von dem ich dachte, dass es in der deutschsprachigen Bibliothekswelt nie geschehen würde, gerade weil es starke Gegenargumente und große Vorbehalte gibt. (Mal abgesehen davon, dass die künstliche Verknappung von digitalen Dateien … na egal.) Ich wette, das wird ein großes Thema beim Bibcamp.

Tja und in meinem Kopf warten Blogposts. Manche haben es sogar auf Papier geschafft … aber das heißt noch lange nicht, dass sie es dann vom Papier ins Internet schaffen. Ich werde mich bemühen! Zumindest steht ja nächste Woche eine lange Zugfahrt bevor, da könnte ja was entstehen …

Warum (queer-)feministisches Wissen speichern?

Nachdem wir in unserem ersten Post unserer Blogserie unser Konzept vorgestellt haben, folgt nun unser erster inhaltlicher Beitrag zur Frage, wie Feminismen digital archiviert werden können. Wir diskutieren in diesem Beitrag zunächst die Frage, warum (queer-)feministisches Wissen und Kunst_Kultur gesammelt werden soll, um daran anschließend Fragen nach Sichtbarmachungen und Verknüpfungen zu behandeln. The english version will follow as soon as possible.

Wer, wenn nicht wir[1]? – Sammlungen

Auch wenn auf den ersten Blick Bibliotheken und Archive mit all den in ihnen gesammelten Dokumenten, Materialien, Büchern, usw. den Anschein erwecken, möglichst jedes produzierte Wissen aufzunehmen, sind ihre Sammlungspolitiken nicht von der bestehenden hegemonialen Gesellschaftsordnung zu trennen. Bibliotheken und Archive sind, wie u.a. Nina de Jesus auf ihrem Blog skizziert hat, ebenfalls Teil von bzw. eigene „oppressive systems“. Wissen und Kunst_Kultur, die außerhalb der androzentristischen, cis-heterosexistischen, ableistischen, klassistischen, rassistischen Norm produziert werden, finden ohnehin nur sehr selten Eingang in die „klassischen“, westlich geprägten Orte des kulturellen Gedächtnisses, wie eben Bibliotheken, Archive aber auch Museen. Durch Sammlungspolitiken, die ihre eigenen Ausschlussmechanismen nicht hinterfragen, schreibt sich die gespeicherte Norm immer weiter und fester in das kulturelle Gedächtnis ein.

Ein beliebtes Abwehrargument „klassischer“ Archive und Bibliotheken ist, dass aus Platz- und vor allem Kostengründen nicht alles gesammelt werden kann. Im Bewusstsein, dass gerade der (geistes- und sozial-)wissenschaftliche und Bildungsbereich finanziell ausgehungert wird, ist die Entwicklung, dass wirtschaftliche Gesichtspunkte zu verstärkten Einschränkungen im Sammlungsverhalten führen, bedenklich. Zu sehen ist dies zum Beispiel an den wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland, die für sogenannte Sondersammelgebiete[2] zuständig sind. Hatten sie zuvor den Auftrag alle verfügbare wissenschaftliche Literatur in allen Sprachen zu ihrem Sammlungsthema – z.B. zeitgenössische Kunst – zu sammeln, wird dieser Sammlungsauftrag sukzessive aus finanziellen Gründen reduziert. Dabei wird darauf verwiesen, dass die Sammlungspolitik ab jetzt mehr auf die Wünsche der Benutzer_innen ausgerichtet werden soll.

Wie lässt sich aber feststellen, welcher Bedarf in Zukunft vorhanden sein wird? Und wie lässt sich die Frage lösen, was zuerst da ist: Bedarf oder Bestand? Die Ausrichtung von Sammlungsaktivitäten auf die Wünsche der Nutzer_innen ist einerseits ein vorgeschobener Grund und andererseits deshalb gefährlich, da die hegemoniale Gesellschaftsordnung nur geringes Interesse an widerständiger Wissensproduktion, wie zum Beispiel (Queer-)Feminismus, hat.

Um diese Ausschlusspraktiken zu durchbrechen und_oder ihnen ein Gegengewicht entgegen zu stellen, wurden u.a. feministische/frauen*spezifische Bibliotheken und Archive gegründet, die marginalisierte Stimmen und ihre Manifestationen systematisch sammeln, Speicherplatz zur Verfügung stellen und damit dem Gegendiskurs Raum ermöglichen. Geprägt sind diese Bibliotheken und Archive durch den Gedanken „Wer, wenn nicht wir?“, der dem Bewusstsein entspringt, dass es den widerständigen Bewegungen selbst obliegt ihre Wissensproduktionen und Kunst_Kultur mit selbstdefinierter und –erarbeiteter Kontextualisierung zu speichern.

Die Frage „Wer, wenn nicht wir?“ müssen wir auch der Sammlung von nicht-textuellen und digitalen (queer-)feministischen Quellen zugrunde legen. Wir verstehen dabei mit Sabine Hark gesprochen Texte bzw. in unserem Sinne digitale sowie physische Quellen als politische Artefakte, die auch politische Macht in sich tragen, also verändern und bewirken können.[3] Denn Wissensproduktionen und Kunst_Kultur in einem (queer-)feministischen Kontext wird nicht nur zwischen Buchdeckeln produziert, sondern beinhaltet zum Beispiel Transparente, Plakate, Buttons, Sticker, Kunst, Handwerk, Musik, Comics, Zeitschriften, Zeitungen, Manifeste, Fotos, Flyer, Filme, Kleidung und noch viel mehr. Diese werden bisher selten in „klassischen“ Bibliotheken und Archiven gespeichert. Noch viel weniger gespeichert werden die digitalen Quellen der Bewegung, die sich in Memes, Blogposts, digitalen Fotos, Videos, Tweets, Podcasts, Statusupdates, E-Books, Webcomics, tumblrs, Bilder, GIFs, Musik, Pins und noch vielem mehr ausdrücken. Jedoch würden durch ihre digitale Speicherung und Zugänglichmachung die Quellen besser sichtbar und könnten, wie wir unten erläutern, auch miteinander verknüpft werden.

Sichtbarmachungen

Oft entsteht – zumindest bei uns – bei der Beschäftigung mit (Queer-)Feminismus der Eindruck, dass sich Diskurse und Diskussionen wiederholen. Dies liegt einerseits an den hegemonialen Gesellschaftsstrukturen und daraus folgende Backlashes, wie bei der Abtreibungsdebatte, aber andererseits auch daran, dass es lange Zeit keine feministische Geschichtsschreibung und breite Vermittlung gab und weiterhin nur eingeschränkt gibt und daher auch kein oder nur schwer Bezug zu bereits vorhandenem Wissen möglich war bzw. ist. Doch auch die feministische Geschichtsschreibung produziert Ausschlüsse, bildet zum Beispiel nur im geringem Ausmaß die Wissensproduktion und Kunst_Kultur von Women* of Colour ab und schreibt die Unterteilung der (queer-)feministischen Bewegung in Wellen fest.

Durch eine antirassistische, antiklassistische, antiableistische, anticisheterosexistische, antiandrozentristische, usw. (digitale) Sammlungspolitik von (queer-)feministischer Wissensproduktion und Kunst_Kultur näheren wir uns einer Sichtbarmachung von pluralen Zugängen, parallelen Diskursen und vielfältigen Auffassungen von (Queer-)Feminismus an. Die Sammlung und Speicherung von diversen digitalen und physischen Quellen des (Queer-)Feminismus dienen dabei der Sichtbarmachung der Bewegung als Ganzes, der einzelnen Strömungen und Themenkreise in dieser, individueller Personen und_oder singulärer Ereignisse. Erst durch ihre Sichtbarmachung entsteht die Möglichkeit auf Vorbilder und Identifikationsfiguren zurückgreifen zu können. Durch die Auseinandersetzung mit Quellen kann einerseits ein historischer Bezug hergestellt und eine historische Perspektive eingenommen und andererseits Bewusstsein geschärft und vertieft werden.

Konkret gesagt heißt das z.B. dass durch die Archivierung und Zugänglichmachung von persönlichen On- und Offlinedokumenten unter Wahrung des Datenschutzes, Leben, Lebensformen, Werk(e), Errungenschaften, Scheitern, Widersprüchlichkeiten, Widerständigkeiten – der ganze Facettenreichtum einer Person – sichtbar werden.[4] Die Bewegung bekommt dadurch ein Gesicht, ist nicht mehr nackte Theorie oder wie Susanne Maurer schreibt: „Die Bedeutung feministischer Theoretikerinnen [und anderer Wissensproduzent_innen, Anm. az und uk] als ‚Vor-Bilder‘ ist dabei nicht zu unterschätzen, repräsentieren sie doch die ‚Möglichkeit weiblicher Intellektualität‘ selbst, ein in der vorherrschenden symbolischen Ordnung nach wie vor nicht selbstverständlicher Umstand.“[5]

Verknüpfungen

Punktuelle Speicherungen von (queer-)feministischen Wissensproduktionen sowie Kunst_Kultur gibt es bereits, wie z.B. feministische Bibliotheken und Archive [6], einzelne Druck- und andere Werke, die in „klassischen“ Bibliotheken und Archiven zu finden sind, sowie einzelne Initiativen im Internet, wie z.B. archive.org. Doch leider sind die Quellen durch die Verstreuung unsichtbar, erhalten dadurch auch nicht das notwendige algorithmische Gewicht, um bei Suchanfragen an oberer Stelle bzw. überhaupt angezeigt zu werden.

Zum Beispiel werden ältere (proto-)(queer-)feministische Druckwerke in Digitalisierungsprojekten erfasst bzw. digitalisiert und via Bibliothekskatalogen und übergreifenden Plattformen zur Verfügung gestellt. Jedoch werden diese Dokumente nicht zusammengeführt, d.h. es gibt keine uns bekannte (queer)feministische zentrale Stelle oder Plattform – also eine Art (queer-)feministische Europeana – an die sich Benutzer_innen wenden können und in der die Druckwerke mit anderen Quellen in einen globalen (queer)feministischen Kontext gebettet werden, was Vergleiche, Anknüpfungspunkte und das Herstellen von Parallelitäten erschwert.[7] Verknüpfungen, Zitierungen, Verweise, die auf einer zentralen digitalen Plattform zur Verfügung stehen, ermöglichen einen Kontext der Quellen untereinander herzustellen. Sie dienen dabei sowohl als Beleg für Argumentationen als auch der Informationsverbreitung. Dies alles ermöglicht neues Wissen und neue Kunst_Kultur zu produzieren und zu kontextualisieren.

(Queer-)Feministische Wissensproduktionen und Kunst_Kultur sollten demnach unserer Ansicht nach aus drei Gründen (digital) gespeichert und zugänglich gemacht werden: Sammlung, Sichtbarmachungen und Verknüpfungen. Diese sind, wie wir gezeigt haben, untrennbar miteinander verbunden, bedingen und verweisen aufeinander. In unserem nächsten Post beschäftigen wir uns mit der Frage was gespeichert werden soll.

[1] Unter dem Wir verstehen die beiden Schreiberinnen* Personen, die sich (queer-)feministisch auf verschiedene Art und Weise engagieren, wobei dies nicht immer zwangsläufig unter diesem Label passieren muss. Wir als Schreiberinnen* setzen uns in einem späteren Blogpost noch intensiver mit dieser Frage auseinander und greifen daher auf diese vorläufige und damit auch nicht festgeschriebene Definition zurück. Sprechen wir im Text selbst von einem „wir“, so sind hier Anna und Ulli, die Schreiberinnen*, gemeint.

[2] Interessanterweise finden sich in diesen Sondersammelgebieten weder Einträge zu Feminismus noch zur Geschlechterforschung oder gar Queer Theory…

[3] Vgl. Hark, Sabine: Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005, S. 35-37.

[4] Eine Form dieser Sichtbarmachung von Lebensrealitäten findet sich in der Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien, die Lebenszeugnisse von Frauen* sammelt und der Wissenschaft zur Verfügung stellt.

[5] Vgl. Maurer, Susanne: ‚Subjekt‘ als Widerstand? Einige Annäherungen aus feministischer Perspektive: In: Geschlecht zwischen Struktur und Subjekt. Theorie, Praxis, Perspektiven. Hg. von Julia Graf, Kristin Ideler und Sabine Klinger. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich, 2013, S. 131-152, hier: S. 139.

[6] Um eine unvollständige Auswahl zu nennen: STICHWORT Archiv der Frauen- & Lesbenbewegung, ArchFem Interdisziplinäres Archiv für feministische Dokumentation, FFBIZ – Frauenforschungs-, -bildungs- und –informationszentrum e.V., Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek Berlin

[7] Eine Ausnahme ist z.B. das Projekt „Frauen in Bewegung“ von Ariadne in der Österreichischen Nationalbibliothek bzw. das queer-feministische Archiv von MONAliesA in Leipzig, die einen Teilaspekt unserer Überlegungen abdecken: http://www.onb.ac.at/ariadne/ariadne_projekte.htm und http://monaliesa.wordpress.com/bibliothek/queer-feministisches-archiv/

Wie Feminismen archivieren? How to archive feminisms?

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Ein Kooperationsprojekt: In einer längeren Blogserie wollen wir – Ulli Koch und Anna Zschokke – uns einem Thema widmen, das uns beide auf unterschiedliche Art und Weise beschäftigt und wir nun miteinander verbinden wollen. Es geht dabei um die Frage, wie (queer)-feministisches Wissen digital gespeichert werden und für Forschung/Zukunft/Nachwelt erhalten und zugänglich gemacht werden kann. Uns beschäftigen dabei sowohl historische Quellen als auch rezente Wissensproduktionen im Internet.

Unser Plan sieht folgendermaßen aus:

1.) Warum soll (queer-)feministisches Wissen in seiner historischen als auch rezenten Ausprägung gespeichert werden?

2.) Was soll gespeichert werden?
2.1) (Queer-)feminismus oder Frauen*, Lesben, Inter- und Transpersonen* (FLIT*)?
2.2) Historische Quellen
2.3) Rezente Quellen mit Schwerpunkt Wissensproduktion im Internet

3.) Aufbau des Archivs
3.1) Möglichkeiten – was gibt’s?
3.1.1) Historisch
3.1.2) Rezent
3.2) Was sollte es geben?
3.2.1) Chronik
3.2.2) Beschlagwortung
3.2.3) Kontextualisierung

4.)    Globales oder lokales Wissen?

5.)    Braucht es ein Superarchiv?

6.)    Wie?
6.1) Machen das Institutionen oder autonome Einrichtungen?
6.2.) Geldgeber*innen?

7.)    Fazit

Natürlich gehen wir dabei auf Kommentare ein, die diese Ordnung erweitern, über den Haufen werfen und auf jeden Fall beeinflussen werden. Unser Wunsch wäre einmal im Monat einen Post dazu zu veröffentlichen, aber das sei bitte nicht in Stein gemeißelt.

Aus welcher Ecke kommen wir?

Ulli Koch ist Literaturwissenschaftlerin* und beschäftigt sich gerade in ihrer Masterthesis in Gender Studies mit feministischen/frauen*spezifischen Sammel-, Speicher- und Dokumentationseinrichtungen, hat selber ein großes Buch-, Bibliotheks- und Dokumentationsfaible und bloggt auf Unregelmäßige Gedankensplitter.

Anna Zschokke ist Historikerin und studiert Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat ein Medien-, Bibliotheks- und Dokumentationsfaible und bloggt hier auf Töchter Regalias und tweetet als @nightlibrarian.

 

English version

A cooperation project: In a longer blog series we – Ulli Koch and Anna Zschokke – would like to write about a topic, on which we have both mused at length from different perspectives, which we would now like to connect to each other. The series will be concerned with the question how (queer)feminist knowledge can be digitally archived, saved and made accessible for research/the future/future generations. We are taking both historic sources (materials and text) as well as recent production of knowledge on the internet into account.

Our plan looks like this:

1.) Why should (queer)feminist knowledge – both historical and recent – be archived?

2.)    What should be archived?
2.1) (Queer)feminism or female*, lesbian, inter- and transpersons* (FLIT*)?
2.2) Historical sources
2.3) Recent sources with emphasis on production of knowledge on the internet

3.) Structure of the archive
3.1) Possibilities – what resources are there already?
3.1.1) Historical
3.1.2) Recent
3.2) What resources should there be?
3.2.1) Timeline
3.2.2) Indexing
3.2.3) Contextualizing

4.) Global or local knowledge?

5.) Is there a need for a superarchive?

6.) How?
6.1) Should Institutions or autonomous organisations run the archive(s)?
6.2) Funding?

7.)    Conclusion

Of course we will take comments into consideration, which add, destroy and/or in any case influence this order. Our wish is to publish a post in the series once a month, but this is not set in stone.

Who are we?

Ulli Koch has a master’s degree in literature studies and is working on her master thesis in gender studies on organisations which collect, record and document feminist/women*specific materials. She is a fan of books, libraries and documentation and blogs in German at Unregelmäßige Gedankensplitter.

Anna Zschokke is a historian and currently studies library and information science at Humboldt University Berlin. She is a fan of media, libraries and documentation and blogs in German and sometimes in English here at Töchter Regalias and tweets as @nightlibrarian.