Schmale Ausbeute – Neue Kinder- und Jugendliteratur im Frühjahr 2014

Vor kurzem war ich auf einer Präsentation in der Zentrale der Büchereien Wien am Urban Loritz-Platz. Drei Frauen* von der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur (stube) stellten eine Auswahl von im Frühling 2014 neu erschienen Kinder- und Jugendbüchern vor. Leider hat sich die Kinder- und Jugendliteratur nicht plötzlich ganz von alleine und über Nacht nach meinen Vorstellungen verändert (warum bloß nicht?), also ist es wieder einmal eine Status quo-Analyse, was ich sehr schade finde.

Voraus schicke ich die Feststellung, dass ich heikel bin, was Bücher angeht und als Kind und Jugendliche viele Bücher und Comics las, die nicht meinem jeweiligen Alter entsprachen. Außerdem hatte ich immer einen ausgefallenen Geschmack. Deshalb fällt es mir auch schwer einzuschätzen, was für welches Alter “angebracht” ist bzw. was Kindern im Allgemeinen gefallen könnte. Ich schreibe also ganz aus meiner subjektiven Perspektive (wie immer) und habe auch nicht jedes einzelne Buch gut durchgeschaut, sondern von den meisten nur die präsentierten Seiten bzw. Inhalte gesehen/gehört. Zusätzlich kommen mir viele Stories bekannt vor – aber ich bin ja auch keine Erstleserin mehr. Falls ihr also ein Buch interessant findet, dann lest und überprüft selbst (Rückmeldungen gerne in den Kommentaren).

Es wurden 52 Bücher vorgestellt, von denen ich eines bereits besitze. Von den übrigen 51 wollte ich nur 2 unbedingt haben, immerhin 10 erst mal lesen und mich dann entscheiden und 2 würde ich nicht ablehnen, wenn sie mir geschenkt würden. Das ist ein wirklich trauriges Ergebnis, finde ich. Aber kein Wunder. Von den 52 Büchern hatten 22 Protagonisten*, 20 Protagonistinnen*, 4 keine Protagonist_innen, 5 hatten je einen Protagonisten und eine Protagonistin, die zumindest oberflächlich gleichermaßen zu Wort kamen – und ein Buch hatte eine Hauptfigur ohne Geschlecht, Körper und Namen. Die menschlichen Protagonist_innen sind überwiegend weiß und able-bodied, besonders in den Bilderbüchern.

Die Bücher selbst waren teilweise nach Themen gegliedert, Schwerpunkte waren: “Wolf”, Religion, Umgehen mit Tod und Trauer. Fantasy, “Future Fiction” und Dystopien sind weiterhin populär, Sachbücher wurden eingestreut und es gab einen Schwerpunkt zu “Gender”. Leider war die Auswahl dafür, dass die Vorstellenden das Wort “Heteronormativität” kannten und benutzten, ungeheuer heteronormativ. Ich nehme an, dass das auch sehr stark am Angebot liegt (und an noch ein paar anderen Faktoren, z.B. der Sammlungs_politik von öffentlichen Bibliotheken).

Dafür, dass 1914 bei den Sachbüchern und der Belletristik für Erwachsene so ein Thema ist, gibt es im Bereich Jugendliteratur nur sehr wenig – und das wenige sei langweilig, sagten die Vorstellenden. Zum Jahr 1934 (in Österreich ein wichtiges Jahr) gibt es dieses Jahr leider überhaupt keine Kinder- und Jugendliteratur.

Aber zur Liste:

Christine Knödler (Hrsg.), Warum ist Rosa kein Wind? Ill. v. Stefanie Harjes, Ravensburger 2014 – “Ein Literaturbuch für Mädchen”, sagt der Verlag. *seeeeeeeufz* Die Zeichnungen sind nicht mein Stil und dicke Frauen*/Mädchen* sah ich keine. Lesen wohl keine Gedichte. *seufz* Das eine Gedicht, das ich sah, gefiel mir gut, ich hab’s aber auch mit Lyrik, mehr kann ich zur Auswahl nicht sagen. Warum keine Literaturanthologie für Jugendliche ohne Festlegung auf ein Geschlecht? Bzw. – feministische Anthologien, wie ich sie in meiner Teeniezeit las … gibt’s die noch?

Marie Dorléans, Der Gast. Aus dem Französischen von Anna Taube, mixtvision 2014 – mit Buchtrailer auf youtube – Meh. Ein Mann geht spazieren und wird das rote Pferd, das er trifft, nicht mehr los. Etwas beklemmend, ultimativ aber relativ simpel und eine alte Geschichte. Ich empfehle stattdessen Das Biest des Monsieur Racine von Tomi Ungerer, das ist lustig, hierarchieentlarvend und wunderbar gezeichnet.

Jürg Schubiger/Wolf Erlbruch, Schon wieder was! Peter Hammer 2014 – Das Cover allein finde ich schon … bezeichnend. (Wer sieht noch einen Mann mit Gänsephallus?) Sehr viele Männergesichter in diesem Buch, irgendwas mit Gedichten und Wortspielereien und ein bisschen aus der Biologie und so … Gegenstück zum ersten Buch? Meh.

Ramadier & Bourgeau, Da kommt der Wolf! Aus dem Französischen von Markus Weber, Moritz 2014 – Whoa. Dieses Buch basiert auf einer Idee, die vom Prinzip her ganz spannend ist: Ein Wolf kommt immer näher und die*der Leser*in wird angewiesen, das Buch zu drehen und zu schütteln – um ihn von einer Klippe fallen zu lassen, also aktiv zu töten. Das finde ich nicht lustig, sondern beklemmend und sadistisch. Jaja, Kinder sollen nicht in Watte gewickelt werden und so weiter (da gibt’s aber bessere Bücher dafür), aber mir behagt das nicht. Ich finde, dieselbe Idee hätte auch viel positiver interpretiert werden können (retten statt töten). Sowas ist für Zweijährige gedacht. Grrrrrr.

Marissa Meyer, Wie Monde so silbern. (Band 1 der Luna-Chroniken-Serie); Wie Blut so rot (Band 2). Aus dem Englischen von Astrid Becker, Carlsen 2014 – He-te-ro-nor-ma-ti-vi-tät ftw! Ok, also im ersten Band ist die Protagonistin Mechanikerin und Cyborg … und Aschenputtel und der Prinz braucht ihre Hilfe und irgendwie ist da noch eine Backstory mit der Mondprinzessin Selene, die angeblich mit 3 Jahren gestorben ist und so – ehrlich gesagt habe ich sicher ca. 100 Filme/Anime/Comics/Bücher gesehen/gelesen, die *genau so* gehen, also bin ich nicht sonderlich interessiert. Kann sein, dass das eine großartige Serie ist, das dürft ihr selbst ergooglen/lesen. Jedenfalls: Grimm’sche Märchen, Prinzessin, Prinz, Dings, bisschen Future Fiction und *schulterzuck*. Weckt mich, wenn ihr fertig seid und erzählt mir, wie es so ist.

Kathryn Lasky, Der Clan der Wölfe. Donnerherz. Band 1. Aus dem Amerikanischen von Ilse Rothfuss, Ravensburger 2014. – Es geht um einen Wolf, der “mit einer leicht verdrehten Pranke geboren” (Zit. Verlagswebsite) wird und deshalb von seinem Wolfsclan ausgesetzt wird. Dann zieht ihn eine Bärin auf und weil er so großartig ist oder was immer, schafft er es doch, sich in der Wolfsclanhierarchie nach oben zu kämpfen, weil er Chronist oder was immer wird und bla bla bla bla bla bla bla. Bla. Ein Jugendbuch, dass den real vorhandenen Ableism in der Gesellschaft aufzeigt, kann’s ja nicht geben. Next?

William Shakespeare: Hamlet. Neu erzählt von Jan Hollm, Ill. von Andrej Dugin, Esslinger 2014 – Eindeutig viel zu wenig Hamletinterpretationen auf der Welt. Shakespeare hat ja keine anderen Stücke geschrieben. Na, vielleicht noch dieses Romeo & Julia-Dings. Sonst nix. Nervt. Die sehr gelobten Bilder sind mir nicht genug, drinnen sind die wichtigsten Zitate und eine kurze Nacherzählung… ich find’s verzichtbar. Warum ausgerechnet dieses Stück? Ich frage mich, was die Botschaft sein soll, die einem Kind mit Hamlet vermittelt wird. In einer Twitterdiskussion wurde darin kein Sinn gesehen und da stimme ich voll und ganz zu. Geht es nur um die Erhaltung des Literaturkanons? Dann doch eher etwas später mit der Graphic Novel-Version von Neil Babra ansetzen.

Anne-Laure Bondoux: Der Mörder weinte. Aus dem Französischen von Maja von Vogel, Carlsen 2014 – Mann kommt an die Südspitze Chiles, tötet dort die Eltern eines Buben und zieht diesen auf. Es kommt ein weiterer Mann vorbei – und da hätte es vielleicht interessant werden können, aber ich sage mal voraus, dass darin keine homosexuelle Liebesgeschichte enthalten ist. Kann nicht sagen, dass mich das Buch interessiert (klingt ehrlich gesagt auch nach ein paar Filmen/Anime/Comics, die ich kenne).

Jan de Kinder: Tomatenrot oder Mobben macht traurig. aus dem Niederländischen von Monika Götze, Atlantis 2014 – Ein wichtiges, mir am Herzen liegendes Thema, auf lesefieber.ch findet ihr eine gute Rezension. Ich hoffe, dass es präventiv hilft – z.B. wenn das Buch gemeinsam in Kindergarten, in der Bibliothek oder zuhause gelesen wird und so Mobbing thematisiert und hoffentlich abgewendet wird. Ich fand einfach die Illustrationen jetzt nicht so besonders, dass ich das Buch unbedingt haben will, aber das ist Geschmackssache.

Fanny Britt/Isabelle Arsenault: Jane, der Fuchs & ich. Aus dem Französischen von Ina Pfitzner, Reprodukt 2014 – Ach, dieser Graphic Novel klang so nett und sah so nett aus. Ich möchte den Comic auch gerne nochmal genau lesen, aber beim Blättern … nun ja. Hélène wird gemobbt, weil sie angeblich zu dick ist. Ist sie aber nicht und durch den ganzen Comic hindurch wird betont, dass *sie* nicht dick ist und Jane Eyre – mit der sie sich stark identifiziert – auch nicht dick ist, dafür nicht besonders schön – aber sie findet trotzdem einen Mann (ist ja auch der wichtigste Aspekt an dem Buch, nicht, dass Jane sich eben *nicht* bedingungslos einen Mann wünscht, ganz klar jaja. GRAH!) und am Schluss finden sich die Außenseiterinnen*, die alle nicht dick sind (ganz wichtig, dass hier kein Kind dick ist) zusammen und werden cool und so. Hauptsache NICHT DICK! Ich würde diesen Comic so gerne sympathisch und alles finden, aber dieses unreflektierte fatshaming halte ich nicht aus.

Rudyard Kipling/ Ulrike Möltgen, Die Entstehung der Gürteltiere. Aus dem Englischen von Irmela Brender, Peter Hammer 2014 – Eine Geschichte aus Kiplings “Geschichten für den allerliebsten Liebling”. Kipling ist, gesamt gesehen, problematisch (Rassismus, Kolonialismus). Aber die Geschichten sind herzig und die Illustrationen sind recht lustig (wenn jetzt auch nicht out of this world). Ich persönlich mag sie und einige Gedichte Kiplings auch – ich überlasse das euch.

Renate Habinger/Verena Ballhaus: Kritzl & Klecks. Nilpferd in Residenz 2014 – Ein Sachbuch, das anhand einer sehr konventionellen Geschichte (Herr Kritzl lädt Frau Klecks zum Frühstück ein – ich weiß aber nicht, wie’s weitergeht) alle möglichen Illustrationstechniken erklärt. Das ist spannend – warum das mit einer blau/rot-codierten Mann/Frau-Geschichte erzählt werden muss, nun … *seufz*

Christian Duda/Julia Friese, Schwein sein. Beltz & Gelberg 2014 – Coco wünscht sich ein Schwein und kriegt eines – Lotte. Aber als Lotte zu groß wird, kommt sie auf den Bauernhof, wo sie sich fremd fühlt, da sie als Haustier aufgewachsen ist. Sie reißt aus und trifft eine alte Dame, mit der sie glücklich lebt – das letzte Bild zeigt jedoch ein Brett mit aufgeschnittener Wurst. Hm. Den Aspekt “Haustiere nicht unbedacht anschaffen” finde ich interessant, das Ende traurig. Drei weibliche Hauptfiguren sind natürlich toll, die Illustrationen aber eher konventionell. Ich bin da eher Fan von Steven Kelloggs Malwine in der Badewanne, wo die Verantwortung für das Haustier und seine Lebensbedingungen bis zum Buchende übernommen und mit viel besseren (und witzigeren) Illustrationen dargestellt wird.

Ulrich Hub: Füchse lügen nicht. Illustrationen von Heike Drewelow, Carlsen 2014 – Panda, Affe, Gans, Tiger und zwei Schafe sitzen am Flughafen fest, weil keine Flugzeuge gehen. Da kommt der Fuchs und mischt die Gruppe auf, Chaos folgt. Basierend auf einem Theaterstück von Ulrich Hub ist das – laut Vorstellenden – ein Kammerspiel. Ich frage mich, ob alle Tiere so mir nichts, dir nichts durch die Sicherheits- und Passkontrolle kommen (racial profiling wurde wohl ausgeblendet) und warum das einzige (aufgrund des Artikel gegenderte) weibliche Tier unbedingt eine Gans sein musste … irgendwie ahne ich Böses. Aber ich hab’s nicht gelesen, also vielleicht … vielleiiiiiicht … *nimmt mal das Beste an*.

Sabine Lipan/Manuela Olten: Mama, da steht ein Bär vor der Tür! Tulipan 2014 – Ein Dialog zwischen Mutter und Sohn, wie denn der Bär, der vor der Tür steht, dorthin gekommen ist und was er will und wie er dann wieder in den Wald zurückkommt. Auch hier bin ich von den Illustrationen einfach nicht so begeistert (wirklich schade). Der Dialog ist ganz nett – sicher gut zum rollenverteilt vorlesen (wären da nicht die fixen Rolleneinteilungen). Für ergebnisoffenes Erzählen und Fabulieren empfehle ich Was ist dir lieber? von John Burningham. (Jaja, Kind der 80er, das könnt ihr aus meinen Empfehlungen ganz eindeutig herauslesen.)

Oliver Scherz, Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika. Ill. von Barbara Scholz, Thienemann 2014Youtube-Trailer “Afrika ist das schönste Land, das ich nicht kenne”, sagt der aus dem Zoo ausgebrochene Elefant Abu – Fail. Ganz viel Fail. Afrika ist kein Land. Es wird nur schlimmer. Kauft das nicht.

Neil Gaiman, Die verrückte Ballonfahrt mit Professor Stegos Total-locker-in-der-Zeit-Herumreisemaschine, Ill. von Chris Riddell, aus dem Englischen von Ursula Höfker, Arena 2014 – Vater holt Milch, kommt erst nach Stunden wieder und hat irrwitzige Geschichten zu erzählen, in denen alle populären Geschichtsversatzstücke (Dinosaurier, Vampire, Piratenköniginnen, Zeitreisen, Aliens, etc.) hervorgezogen und auf Monierung der Tochter (muss so) auch Ponies eingebunden werden. Neil Gaiman gibt mir wenig bis nichts und klaro kann es nicht die Mutter sein, die diese Abenteuer erlebt, natürlich, natürlich, wo kämen wir nur hin. Same old, same old.

Rusalka Reh, Sommer auf Balkonien. Ill. von Anne Ibelings, Jungbrunnen 2014 – Zwei Geschwister, ein Mädchen und ein Bub (der Erzähler) bekommen für die Ferien den Balkon überantwortet. Das würde ich gerne genauer lesen, denn es klingt ganz witzig und das Cover stimmt mich irgendwie nostalgisch. Mit den zuhause freiberuflich arbeitenden Eltern passt es wohl genau ins Zielpublikum (ist ja auch einmal eine Abwechslung) – aber so richtig werden wohl keine Stereotype aufgebrochen.

Lemony Snicket/Jon Klassen, Dunkel. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer, NordSüd 2014 – Trailer & Leseprobe auf der Verlagsseite. Diese Geschichte ist eigentlich recht charmant. Leo besucht jeden Tag das Dunkel im Keller, damit es nicht in sein Zimmer kommt und hält es abends mit einer Glühbirne fern – die aber eines Nachts kaputtgeht. Da beginnt das Dunkel mit ihm zu sprechen. Aus persönlichen Gründen hege ich große Sympathien für den Namen Leo und ich würde das Buch aus diesem Grund für verwandte Kinder vielleicht sogar anschaffen, aber so richtig reißt es mich nicht vom Hocker. Wenn ihr noch keine “Keine Angst im Dunkeln”-Geschichten zuhause habt, ist das sicher ein nettes Buch – aber der Protagonist ist halt weiß und männlich (it’s the law).

Helen Docherty, Der Bücherschnapp. Ill. von Thomas Docherty, aus dem Englischen von Dorothee Haentjes-Holländer, Ellermann 2014 – In Gedichtform wird die Geschichte des Bücherschnapps erzählt, ein Wesen, das im Hasental nach und nach sämtliche Bücher klaut, weil ihm niemand vorliest. Häsin Elisa lauert dem Bücherschnapp auf und besteht darauf, dass sie alle zurückgegeben werden – dafür darf das Tierchen bei der abendlichen Vorleserunde mithören. Die Zeichnungen sind arg niedlich und wenig innovativ und das Hasental, in dem so heftig vorgelesen wird arg nostalgisch, das Buch ist aber ganz nett, nur würd ich’s nicht kaufen (sondern auf Wunsch von etwaigen Kindern aus der Bibliothek ausleihen).

Mary Logue, Schlaf wie ein Tiger. Ill. von Pamela Zagarenski, aus dem Englischen von Gundula Müller-Wallraf, Knesebeck 2014 – Das erste Buch, das ich wirklich haben will. Ein kleines Mädchen* fühlt sich noch nicht nach Schlafengehen und die Eltern zwingen es auch nicht dazu, sondern bitten sie, halt einmal den Pyjama anzuziehen, die Zähne zu putzen, um vorbereitet zu sein, wenn sie dann Lust aufs Schlafen hat – und dann genießt sie die Freuden des Im-Bett-Seins – frische Bettwäsche zum Beispiel. Dann befragt das Mädchen* ihre Eltern nach den Schlafgewohnheiten von Tieren – Hund, Katze, Fledermäuse, Wale, Bären und Tiger. Das Mädchen versetzt sich dann in die Schlafgewohnheiten der Tiere und schläft schließlich wie eine Tigerin, damit sie stark wird. Die Illustrationen sind wunderschön – einzig, es sind halt wieder Vater und Mutter und weiß sind sie auch. Aber wegen Walen und Tiger und großartigem Pyjama muss ich das Buch haben.

Griffin Ondaatje/Linda Wolfsgruber, Die Tränen des Kamels. Aus dem Kanadischen von Uwe-Michael Gutzschhan. arsEdition 2014 – Dieses Bilderbuch basiert auf einem Hadith und erzählt die Geschichte eines Kamels, das von seinem Besitzer schlecht behandelt wird und deshalb sehr traurig und einsam ist. Erst als es den Propheten Mohammed trifft, der die Tränen des Kamels in die Träume des Besitzers einfließen lässt, worauf dieser Empathie mit dem Kamel entwickelt und es ab da gut behandelt, wendet sich alles zum Guten.  Da der Prophet Mohammed nicht dargestellt werden darf, wird bei den Illustrationen derselbe Kniff wie in dem Film Mohammed – Der Gesandte Gottes verwendet – Szenen mit dem Propheten werden aus seiner Perspektive dargestellt. Wieder finde ich die Illustrationen nicht besonders überragend (wirklich schade).

Annemarie Fenzl/Lene Mayer-Skumanz/Annett Stolarski, Ein Haus voller Zeichen & Wunder. Der Wiener Stephansdom. Tyrolia 2014 – In diesem Buch wird der Stephansdom porträtiert – seine Symbolik, seine Geschichte, seine Sagen. Eine der Autorinnen veranstaltet regelmäßig und schon seit langem die Kinderführungen im Stephansdom und lässt hier ihre Erfahrungen und Kenntnisse einfließen. Prinzipiell finde ich es gut und wichtig, Kindern die Geschichte(n) und Symboliken der Bauwerke in ihrer Umgebung zu erklären. Was ich schade finde, ist dass das hier nicht neutral geschieht, sondern dass es eine deutliche christliche Prägung in der Erzählung gibt und auch noch Gebete hinzukommen, als würden nur christliche Kinder in Wien leben. Aber das Buch kommt eigentlich aus dem ehemaligen Domverlag, der von Tyrolia übernommen wurde. *seufz*

Petra Bahr, Das Krokodil unterm Kirchturm. edition chrismon 2014 – Aus dem evangelischen chrismon-Verlag stammt dieses Buch, das 26 Dinge aus der Kirche von A bis Z erklärt. Sicher ganz hilfreich für Familien, die in die Kirche gehen (Google und selber erklären täten’s eventuell auch) und angeblich funktioniert das Buch auch für katholische Familien. Hauptfigur ist ein Mädchen, das die Fragen stellt und von ihrem roten Krokodil begleitet wird – das ist jedenfalls eine erfrischende Abwechslung.

Frank Schwieger, Das Alte Griechenland. Zu Gast bei Zeus, Sokrates & Co. Ill. von Jörg Mühle. Lesen Staunen Wissen, Gerstenberg 2014 – Die griechischen Göttinnen und Frauen sind wohl “& Co”. Blah. Scheinbar war das “alte Griechenland” zu 99% von Männern bevölkert. Ich lehne das Buch schon vom Titel her ab (nach Durchsicht der Leseprobe finde ich es auch nicht besser) und was mir daran absolut nicht gefällt ist das Einbinden von Bildern aus modernen Filmen, hallo, die griechische Antike hat *genug* Darstellungen von Achilles hervorgebracht, es braucht keinen Extra-Hinweis, dass er nicht wie Brad Pitt ausgesehen hat. Aber das ist doch Humor, yay! Nein. Nein, ist es nicht. Lasst das. Finde ich gänzlich verzichtbar.

Francis Hallé/Luc Jacquet, Das Geheimnis der Bäume. Nach dem Film von Luc Jaquet aus dem Französischen von Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart 2013 – Bilder und Fakten aus dem Dokumentarfilm von Jacquet, der auch der Regisseur von Die Reise der Pinguine ist. Je nachdem ist das für euch ein Qualitätsmerkmal oder nicht, ich bin nach dem Lesen des Wikipediaeintrags etwas skeptisch, aber diesmal geht’s ja um Bäume. Ja, ok. Gibt sicher auch viele andere Bücher darüber, wie das mit dem Chlorophyll funktioniert, aber vielleicht gibt’s ja noch irgendetwas ganz Neues (was eine Würgefeige ist, wusste ich schon).

Ab jetzt vor allem Literatur für Jugendliche, dazwischen und am Schluss noch ein paar Kinderbücher

Herbert Günther, Die Zeit der großen Worte. Gerstenberg 2014 – Eins der Bücher zum 1. Weltkrieg, männliche Hauptfiguren, Heteronormativität (wie anders?). Eine deutsche Familie, zwei Brüder, Vater und älterer Bruder melden sich freiwillig, Traumabewältigung nach dem Krieg folgt. Ich wäre auf die Sprache gespannt, aber unbedingt Lesen mag ich das Buch nicht.

John Boyne, So fern wie nah. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Martina Tichy, Fischer KJB 2014 – Als das Gegenstück zum vorigen Buch präsentiert, geht es hier um Alfie, der in London lebt und dessen Vater sich freiwillig meldet. Auch hier geht es die Bewältigung des Traumas nach dem Krieg. John Boyne ist der Autor von “Der Junge im gestreiften Pyjama” (seine Bücher scheinen in den deutschen Übersetzungen seither gerne “Der Junge blablabla” zu tragen).Leider gab es keine Buchempfehlungen mit Geschichten von jungen Frauen oder Mädchen, die den 1. Weltkrieg erlebten.

Andrew Fukuda, Die Jäger des Lichts. Band 2, aus dem Englischen von Kristian Lutze, Ravensburger 2014 – Zeit für Dystopien. Genmutationen, Kannibalen mit Vampirzügen, Flucht, Verstellung, anscheinend ein großer Reisser mit männlicher Hauptfigur. Im ersten Band (Die Jäger der Nacht) ging es um die Flucht auf einem Floß, jetzt ist die Gruppe angekommen in einem seltsamen Paradiesdorf in den Bergen, das vor allem von jungen Frauen bevölkert wird … eigentlich ist es eine “Fleischfarm” für den Herrscher der Welt … äh ja. Na wenn’s Spaß macht.

Stefan Casta, Am Anfang war das Ende. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer, Fischer Sauerländer 2014 – Sintflut, Apokalypse, eine Schule (für “spezielle Kinder”, wie sich irgendwie herausstellt, aber was das genau heißt, keine Ahnung), vier Jugendliche, die auf einem Floß treiben … und dann? Scheint sich alles in Verwirrung aufzulösen, wie es bei der Vorstellung und in dieser Rezension beschrieben ist. Erzählt wird es von einem alten Mann, der Fokus scheint aber auf Judit zu liegen. Von allen Büchern der Welt, warum genau dieses lesen? Ich könnte es nicht sagen. Ich will’s nicht.

Patrick Ness, Mehr als das. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell, cbt 2014 – Der Protagonist stirbt, erwacht aber lebendig in einer anderen Welt und plötzlich sind da andere und anscheinend erscheinen Dinge durch bloßes Erwähnen oder daran denken … äh ja.

Margo Lanagan, Seeherzen. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt, Rowohlt 2014 – Hier wird das Motiv der Selkies verbraten, Robben, die sich in Frauen verwandeln und wieder zurück, solange sie ihren Pelz haben. Aber die Geschichte ist fürchterlich: Die Protagonistin, Außenseiterin auf einer Insel, lockt die Selkies mit Zauberkräften ans Land und kontrolliert sie, um durch ihre Schönheit die Fischer der Insel zu kontrollieren und Rache zu nehmen. Ohne ihre Pelze sind die Selkiefrauen gefangen, erst als sie Kinder bekommen (vor allem Söhne?), werden sie von diesen befreit – da kommt mir die Galle hoch. Nicht, weil Frauen* bzw. Mädchen* nicht als “böse” dargestellt werden sollen, sondern weil die Hauptfigur anderen Frauen* Fürchterliches antut, was oft genug im “echten Leben” geschieht – aber wohl ohne kritische Reflektion . Ich wäre gespannt, wie schlimm das Buch wirklich ist, aber zum Lesen gäbe ich es keinem Kind, keinem einzigen.

Hier begann der “Gender”-Abschnitt, gleich mal mit Zuschreibungen von Büchern als “für Mädchen” und “für Jungen”. *seufz*

Nina Blazon, Der dunkle Kuss der Sterne. cbt 2014 – Mädchen aus der Oberstadt (wohnt im Turm) trift “Wüstenwüstling”, als sie durch irgendwelche Umstände (auf der Verlagswebsite stehen die) aus ihrem Turm fällt – Orientalismus, Heteronormativität … muss denn das wirklich sein? (Außerdem erinnert mich dieses “sie hat ihren Glanz verloren” an Howl’s Moving Castle. Sehr originell.)

Eoin Colferm Warp. Der Quantenzauberer. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann, Loewe 2014 – Während das vorhergehende Buch als eines “für Mädchen” beschrieben wurde, sei dieses eines “für Burschen”, weil es so fetzig sei. Dabei ist die Hauptfigur hier “FBI-Junior-Agentin Chevie Savano”. Aber auch sie trifft einen Jungen, der in einer Zeitkapsel aus dem viktorianischen England … erstes Buch einer Serie.

David Levithan, Letztendlich sind wir dem Universum egal. Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy, Fischer FJB 2014 – Hier sind wir endlich bei dem Buch, dessen Protagonist_in kein Geschlecht, keinen Körper und keinen Namen außer “A” hat. A wacht jeden Morgen im Köper eines anderen Menschen auf, jeden Tag ist xier (Xier? Ein genderneutrales Possessivpronomen, erklärt von Anna Heger) eine andere Person. Als sich A in Rhiannon verliebt, versucht xier ihr* nahezukommen und ihr* zu verdeutlichen, dass xier immer dieselbe Person ist, halt nur gerade in einem anderen Körper steckt. Zudem – das erste Buch auf der Liste, in dem es vorkommt! – hat A Zugang zum Internet und kann so xiese Identität  bewahren. Leider wird A auf der Verlagsseite als “er” bezeichnet und auch beim Lesen wird durch xiese Liebe zu Rhiannon anscheinend der Eindruck erweckt, dass A doch eine männliche Existenz sein muss. Auch auf der Website des Autors wird A mit “he” bezeichnet – wahrscheinlich ist also die Freude über das Buch verfrüht. Aber lesen würde ich es gerne, vielleicht gibt’s ja Hoffnung.

Atelier Flora, Das Buch der Verwandlungen. Beltz & Gelberg 2014 – Ein Buch über Verwandlungen, tatsächliche (Raupe zu Schmetterling) und literarische (Stroh zu Gold) und so weiter. Im “Gender”-Abschnitt steht es wohl, weil sich darin eine Frau* in einen Mann* und ein Mann* in eine Frau* “verwandeln”, d.h. durch Abrasieren der Haare bzw. Auftragen von Schminke und Tragen einer Perücke als männlich* bzw. weiblich* lesbar werden. Leider muss das schon fast als revolutionär gelten. Ansonsten – wohl zum Nachdenken über “Verwandlung” bzw. Anleitungen für Verkleidungen?

Frida Nilsson, Hedvig! Die Prinzessin von Hardemo. Ill. von Anke Kuhl, aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger, Gerstenberg 2014 – Anscheinend eine beliebte Serie. Hedvig geht in einem idyllischen Fantasieschweden mit Telefon aber ohne jegliches Internet und so in die 3. Klasse. Ein neues Kind kommt in die Schule (die im Titel genannte Prinzessin) und wird von Hedvig so schön gefunden, dass es auf ihrem Schoß sitzen soll. Aber das zuerst als ein Mädchen interpretierte Kind hat einen Bubennamen, die Neckereien gehen los und Hedvig ist böse auf Olle und schwört Rache. Ein Liebespaar werden sie nicht, aber irgendwie schon? Ach seufz. Lesen würde ich es, um herauszufinden, was jetzt genau passiert (also ob Olle für sein Aussehen geneckt wird oder nur Hedvig wegen Heteronormativität), aber ernsthaft … wird das irgendwann mal besser?

Rose Lagercrantz, Das Geburtstagskind. Ill. von Susanne Göhlich, aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch, Moritz 2014 – Ninni wird in einer Woche sieben. Und sie will Ebba heiraten oder zumindest ihre Freundin werden. Aber ist es nur wegen dem Eisbärenfell? Trubel, Dings und der 7. Geburtstag. Auch hier ist es wohl schon als revolutionär, dass Ninni Ebba heiraten will und nicht Emil und ich sehe schon das Argument kommen mit “Ja, aber *muss* das so betont werden für Siebenjährige” und ich sage … ja. Von daher hätte ich lieber eine deutsche Übersetzung von “La princesse qui n’aimait pas les princes” (Die Prinzessin, die keine Prinzen mochte). Hier ist die Beschreibung auf der Website des französischen Verlags und hier könnt ihr ein paar Blicke ins Buch werfen. Danke an @taubenartigerin für den Hinweis.

Tamara Bach, Marienbilder. Carlsen 2014 – Ein Buch über drei Frauen und unendliche Möglichkeiten. Was wäre wenn? Das wird hier immer wieder überlegt, mit Rückblenden zur Großmutter des Vaters, zur Mutter, zu Mareike selbst. Ungewohnt offen werden Abtreibung, die Situation für Frauen in Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkriegs (in verschiedenen Szenarien) angesprochen – dieses Buch kommt auf meine Leseliste.

Lisa Bjärbo, Alles, was ich sage, ist wahr. Aus dem Schwedischen von Maike Dorries, Beltz & Gelberg 2014 – Alicia will nicht mehr in die Schule, sie arbeitet also in einem Café und zieht zu ihrer Großmutter. Als diese stirbt, muss sie ihre Trauer bewältigen. Natürlich mit Liebesgeschichte, anders geht es nicht (ja, hetero, klaro).

Jennifer Castle, Der Anfang von Danach. Aus dem Englischen von Karen Nölle, Carlsen 2014 – Auch hier ein Leben mit der Großmutter und auch hier Trauer, da Laurel’s Eltern bei einem Autounfall sterben, auch hier die erste große Liebe … (Lieber Alison Bechdels Fun Home.)

Jenny Han/Siobhan Vivian, Auge um Auge. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann, Hanser 2013 – Rache scheint wirklich ein großes Thema zu sein. Hier verbünden sich drei junge Frauen, die dann aber erschrecken, als ihre Rache Konsequenzen hat und darüber ins Nachdenken kommen. Hm.

Kirsten Boie, Schwarze Lügen. Oetinger 2014 – Anstatt Schwarze Autoren* und Autorinnen* selbst zu Wort kommen zu lassen, gibt es halt diesen Jugendkrimi einer weißen (und berühmten) Jugendbuchautorin … gut gemeint ist auch daneben. Auf der Verlagswebsite steht “Ein spannendes Spiel mit kulturellen Voruteilen und genauem Blick für soziale Milieus” – für Schwarze Menschen in Europa ist das kein Spiel. Bah.

Sally Nicholls, Keiner kommt davon. Aus dem Englischen von Beate Schäfer, Hanser 2014 – Dieses Buch kam auch auf meine Leseliste, denn es geht um die große Pest von 1347-1351, mit einer weiblichen Hauptfigur. Yessssss. (Ja, also Isabel lebt in einem Dorf und die Pest kommt näher und dann ist sie da und dann muss sie mit Tod und allem umgehen und mir doch egal was alles genau passiert – PEST! Geschichte! Woohoo! Falls das Buch doch nicht so toll ist, jammere ich nachher drüber.)

Polly Horvath, Wie wir das Universum reparierten. Aus dem Englischen von Katrin Behringer, bloomoon 2014 – Wieder Autounfall und Tod der Eltern, zwei Cousinen kommen zu ihrem seltsamen Onkel auf eine Insel, die von abgestürzten Flugzeugen übersät ist – aber es ist keine “Wir finden eine neue Familie und alle sind happy”-Geschichte, sondern ein vorsichtiges Abtasten und Austarieren, wie denn Zusammenleben geht, laut den Vorstellenden. Wenn grad nichts anderes Lesbares verfügbar ist, vielleicht.

Jenny Jägerfeld, Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer, Hanser 2014 – Dieses Buch klingt literarisch spannend. Maja sägt sich die Daumenspitze ab und in diesem Moment geht ihr einiges durch den Kopf. Was die Leidmedien.de zur Buchbeschreibung sagen würden, oje, oje. Ich hoffe nur, dass im Buch die Mutter nicht auch an Asperger-Syndrom “leidet”, sondern damit lebt. Große Liebe natürlich inklusive, yep, so wie’s per Gesetz vorgeschrieben ist. (§2350723492734: Jedes Jugendbuch mit einer weiblichen Hauptfigur muss zwingend eine Liebesgeschichte mit einer männlichen Figur enthalten, ansonsten wird die_der Autor_in verhaftet und lebenslang eingesperrt.)

So. Zum Abschluss noch ein paar Bilderbücher:

Shaun Tan, Die Regeln des Sommers, Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Aladin 2014 – Hach, Shaun Tan. In diesem Buch geht es um zwei Brüder, deren Sommer von gewissen Regeln bestimmt ist. Was passiert, wenn diese nicht befolgt werden, zeigt sich in den Illustrationen. Witzig, manchmal leicht bedrohlich, mit schönen Bildern – yep, würde ich mir zulegen oder als Geschenk nehmen bzw. geben. Definitive Empfehlung.

Martin Baltscheit/Christine Schwarz: Schon gehört? Beltz & Gelberg 2013 – Bei einem schlafenden Flamingo sammeln sich immer mehr Vögel, die pikiert sind, dass der Flamingo nicht zurückgrüßt und erfinden daher immer größere Lügen und Geschichten über den Flamingo. In den Illustrationen verwandelt er sich passend zu den Lügen immer weiter, bis er schließlich wie ein Monster aussieht, das plötzlich einen (oder alle) Vögel frisst und sich dann wieder in den Flamingo zurückverwandelt. Ist also die Aussage der Geschichte: “Gerüchte können doch wahr sein”? Das ging wohl daneben. Und die Illustrationen sind auch nicht besonders.

Stian Hole, Annas Himmel. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Hanser 2014 – Nochmal geht es um den Tod, um den der Mutter – und was diese dann im Himmel tut. Unkraut jäten, z.B. … na danke. Falls das Konzept “Himmel” ohne viel Religion vermittelt werden soll, ist es sicher ein ganz nettes, buntes Buch, mit okayen Collage-Illustrationen. Netterweise wird die Mutter im Himmel auch in die Bibliothek gelassen … aber Unkraut jäten würde ich mir verbitten.

David Wiesner, Herr Schnuffels. Aus dem Englischen von Paula Hagemeier, Aladin 2014 – Das andere Bilderbuch, das ich unbedingt haben will. Herr Schnuffels ist ein Kater (der zufällig meinem Kater sehr ähnlich sieht) und will nicht mit seinem Spielzeug spielen. Nur mit einem … aber das ist eigentlich ein Raumschiff mit klitzekleinen Aliens. Um Herrn Schnuffels zu entkommen, verbünden sie sich mit den Insekten. Das ganze ist eher ein Comic, denn es gibt Sprechblasen – in denen aber kein für uns lesbarer Text steht! Das und die wunderbaren Illustrationen aus Katzensicht – in diesem Video könnt ihr David Wiesner bei der Recherche zusehen – machen das Buch für mich sehr reizvoll.

Nicolas Mahler, Franz Kafkas nonstop Lachmaschine. Reprodukt 2014 – Diesen Comic besitze ich (weil ich darin zitiert werde *angeb angeb*). Ich finde ihn aber tatsächlich auch sehr lustig und empfehle ihn sehr.

Puh! Das war’s! Viel Spaß beim Lesen, falls ich euch nicht gänzlich abgeschreckt habe!

Warum (queer-)feministisches Wissen speichern?

Nachdem wir in unserem ersten Post unserer Blogserie unser Konzept vorgestellt haben, folgt nun unser erster inhaltlicher Beitrag zur Frage, wie Feminismen digital archiviert werden können. Wir diskutieren in diesem Beitrag zunächst die Frage, warum (queer-)feministisches Wissen und Kunst_Kultur gesammelt werden soll, um daran anschließend Fragen nach Sichtbarmachungen und Verknüpfungen zu behandeln. The english version will follow as soon as possible.

Wer, wenn nicht wir[1]? – Sammlungen

Auch wenn auf den ersten Blick Bibliotheken und Archive mit all den in ihnen gesammelten Dokumenten, Materialien, Büchern, usw. den Anschein erwecken, möglichst jedes produzierte Wissen aufzunehmen, sind ihre Sammlungspolitiken nicht von der bestehenden hegemonialen Gesellschaftsordnung zu trennen. Bibliotheken und Archive sind, wie u.a. Nina de Jesus auf ihrem Blog skizziert hat, ebenfalls Teil von bzw. eigene „oppressive systems“. Wissen und Kunst_Kultur, die außerhalb der androzentristischen, cis-heterosexistischen, ableistischen, klassistischen, rassistischen Norm produziert werden, finden ohnehin nur sehr selten Eingang in die „klassischen“, westlich geprägten Orte des kulturellen Gedächtnisses, wie eben Bibliotheken, Archive aber auch Museen. Durch Sammlungspolitiken, die ihre eigenen Ausschlussmechanismen nicht hinterfragen, schreibt sich die gespeicherte Norm immer weiter und fester in das kulturelle Gedächtnis ein.

Ein beliebtes Abwehrargument „klassischer“ Archive und Bibliotheken ist, dass aus Platz- und vor allem Kostengründen nicht alles gesammelt werden kann. Im Bewusstsein, dass gerade der (geistes- und sozial-)wissenschaftliche und Bildungsbereich finanziell ausgehungert wird, ist die Entwicklung, dass wirtschaftliche Gesichtspunkte zu verstärkten Einschränkungen im Sammlungsverhalten führen, bedenklich. Zu sehen ist dies zum Beispiel an den wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland, die für sogenannte Sondersammelgebiete[2] zuständig sind. Hatten sie zuvor den Auftrag alle verfügbare wissenschaftliche Literatur in allen Sprachen zu ihrem Sammlungsthema – z.B. zeitgenössische Kunst – zu sammeln, wird dieser Sammlungsauftrag sukzessive aus finanziellen Gründen reduziert. Dabei wird darauf verwiesen, dass die Sammlungspolitik ab jetzt mehr auf die Wünsche der Benutzer_innen ausgerichtet werden soll.

Wie lässt sich aber feststellen, welcher Bedarf in Zukunft vorhanden sein wird? Und wie lässt sich die Frage lösen, was zuerst da ist: Bedarf oder Bestand? Die Ausrichtung von Sammlungsaktivitäten auf die Wünsche der Nutzer_innen ist einerseits ein vorgeschobener Grund und andererseits deshalb gefährlich, da die hegemoniale Gesellschaftsordnung nur geringes Interesse an widerständiger Wissensproduktion, wie zum Beispiel (Queer-)Feminismus, hat.

Um diese Ausschlusspraktiken zu durchbrechen und_oder ihnen ein Gegengewicht entgegen zu stellen, wurden u.a. feministische/frauen*spezifische Bibliotheken und Archive gegründet, die marginalisierte Stimmen und ihre Manifestationen systematisch sammeln, Speicherplatz zur Verfügung stellen und damit dem Gegendiskurs Raum ermöglichen. Geprägt sind diese Bibliotheken und Archive durch den Gedanken „Wer, wenn nicht wir?“, der dem Bewusstsein entspringt, dass es den widerständigen Bewegungen selbst obliegt ihre Wissensproduktionen und Kunst_Kultur mit selbstdefinierter und –erarbeiteter Kontextualisierung zu speichern.

Die Frage „Wer, wenn nicht wir?“ müssen wir auch der Sammlung von nicht-textuellen und digitalen (queer-)feministischen Quellen zugrunde legen. Wir verstehen dabei mit Sabine Hark gesprochen Texte bzw. in unserem Sinne digitale sowie physische Quellen als politische Artefakte, die auch politische Macht in sich tragen, also verändern und bewirken können.[3] Denn Wissensproduktionen und Kunst_Kultur in einem (queer-)feministischen Kontext wird nicht nur zwischen Buchdeckeln produziert, sondern beinhaltet zum Beispiel Transparente, Plakate, Buttons, Sticker, Kunst, Handwerk, Musik, Comics, Zeitschriften, Zeitungen, Manifeste, Fotos, Flyer, Filme, Kleidung und noch viel mehr. Diese werden bisher selten in „klassischen“ Bibliotheken und Archiven gespeichert. Noch viel weniger gespeichert werden die digitalen Quellen der Bewegung, die sich in Memes, Blogposts, digitalen Fotos, Videos, Tweets, Podcasts, Statusupdates, E-Books, Webcomics, tumblrs, Bilder, GIFs, Musik, Pins und noch vielem mehr ausdrücken. Jedoch würden durch ihre digitale Speicherung und Zugänglichmachung die Quellen besser sichtbar und könnten, wie wir unten erläutern, auch miteinander verknüpft werden.

Sichtbarmachungen

Oft entsteht – zumindest bei uns – bei der Beschäftigung mit (Queer-)Feminismus der Eindruck, dass sich Diskurse und Diskussionen wiederholen. Dies liegt einerseits an den hegemonialen Gesellschaftsstrukturen und daraus folgende Backlashes, wie bei der Abtreibungsdebatte, aber andererseits auch daran, dass es lange Zeit keine feministische Geschichtsschreibung und breite Vermittlung gab und weiterhin nur eingeschränkt gibt und daher auch kein oder nur schwer Bezug zu bereits vorhandenem Wissen möglich war bzw. ist. Doch auch die feministische Geschichtsschreibung produziert Ausschlüsse, bildet zum Beispiel nur im geringem Ausmaß die Wissensproduktion und Kunst_Kultur von Women* of Colour ab und schreibt die Unterteilung der (queer-)feministischen Bewegung in Wellen fest.

Durch eine antirassistische, antiklassistische, antiableistische, anticisheterosexistische, antiandrozentristische, usw. (digitale) Sammlungspolitik von (queer-)feministischer Wissensproduktion und Kunst_Kultur näheren wir uns einer Sichtbarmachung von pluralen Zugängen, parallelen Diskursen und vielfältigen Auffassungen von (Queer-)Feminismus an. Die Sammlung und Speicherung von diversen digitalen und physischen Quellen des (Queer-)Feminismus dienen dabei der Sichtbarmachung der Bewegung als Ganzes, der einzelnen Strömungen und Themenkreise in dieser, individueller Personen und_oder singulärer Ereignisse. Erst durch ihre Sichtbarmachung entsteht die Möglichkeit auf Vorbilder und Identifikationsfiguren zurückgreifen zu können. Durch die Auseinandersetzung mit Quellen kann einerseits ein historischer Bezug hergestellt und eine historische Perspektive eingenommen und andererseits Bewusstsein geschärft und vertieft werden.

Konkret gesagt heißt das z.B. dass durch die Archivierung und Zugänglichmachung von persönlichen On- und Offlinedokumenten unter Wahrung des Datenschutzes, Leben, Lebensformen, Werk(e), Errungenschaften, Scheitern, Widersprüchlichkeiten, Widerständigkeiten – der ganze Facettenreichtum einer Person – sichtbar werden.[4] Die Bewegung bekommt dadurch ein Gesicht, ist nicht mehr nackte Theorie oder wie Susanne Maurer schreibt: „Die Bedeutung feministischer Theoretikerinnen [und anderer Wissensproduzent_innen, Anm. az und uk] als ‚Vor-Bilder‘ ist dabei nicht zu unterschätzen, repräsentieren sie doch die ‚Möglichkeit weiblicher Intellektualität‘ selbst, ein in der vorherrschenden symbolischen Ordnung nach wie vor nicht selbstverständlicher Umstand.“[5]

Verknüpfungen

Punktuelle Speicherungen von (queer-)feministischen Wissensproduktionen sowie Kunst_Kultur gibt es bereits, wie z.B. feministische Bibliotheken und Archive [6], einzelne Druck- und andere Werke, die in „klassischen“ Bibliotheken und Archiven zu finden sind, sowie einzelne Initiativen im Internet, wie z.B. archive.org. Doch leider sind die Quellen durch die Verstreuung unsichtbar, erhalten dadurch auch nicht das notwendige algorithmische Gewicht, um bei Suchanfragen an oberer Stelle bzw. überhaupt angezeigt zu werden.

Zum Beispiel werden ältere (proto-)(queer-)feministische Druckwerke in Digitalisierungsprojekten erfasst bzw. digitalisiert und via Bibliothekskatalogen und übergreifenden Plattformen zur Verfügung gestellt. Jedoch werden diese Dokumente nicht zusammengeführt, d.h. es gibt keine uns bekannte (queer)feministische zentrale Stelle oder Plattform – also eine Art (queer-)feministische Europeana – an die sich Benutzer_innen wenden können und in der die Druckwerke mit anderen Quellen in einen globalen (queer)feministischen Kontext gebettet werden, was Vergleiche, Anknüpfungspunkte und das Herstellen von Parallelitäten erschwert.[7] Verknüpfungen, Zitierungen, Verweise, die auf einer zentralen digitalen Plattform zur Verfügung stehen, ermöglichen einen Kontext der Quellen untereinander herzustellen. Sie dienen dabei sowohl als Beleg für Argumentationen als auch der Informationsverbreitung. Dies alles ermöglicht neues Wissen und neue Kunst_Kultur zu produzieren und zu kontextualisieren.

(Queer-)Feministische Wissensproduktionen und Kunst_Kultur sollten demnach unserer Ansicht nach aus drei Gründen (digital) gespeichert und zugänglich gemacht werden: Sammlung, Sichtbarmachungen und Verknüpfungen. Diese sind, wie wir gezeigt haben, untrennbar miteinander verbunden, bedingen und verweisen aufeinander. In unserem nächsten Post beschäftigen wir uns mit der Frage was gespeichert werden soll.

[1] Unter dem Wir verstehen die beiden Schreiberinnen* Personen, die sich (queer-)feministisch auf verschiedene Art und Weise engagieren, wobei dies nicht immer zwangsläufig unter diesem Label passieren muss. Wir als Schreiberinnen* setzen uns in einem späteren Blogpost noch intensiver mit dieser Frage auseinander und greifen daher auf diese vorläufige und damit auch nicht festgeschriebene Definition zurück. Sprechen wir im Text selbst von einem „wir“, so sind hier Anna und Ulli, die Schreiberinnen*, gemeint.

[2] Interessanterweise finden sich in diesen Sondersammelgebieten weder Einträge zu Feminismus noch zur Geschlechterforschung oder gar Queer Theory…

[3] Vgl. Hark, Sabine: Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005, S. 35-37.

[4] Eine Form dieser Sichtbarmachung von Lebensrealitäten findet sich in der Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien, die Lebenszeugnisse von Frauen* sammelt und der Wissenschaft zur Verfügung stellt.

[5] Vgl. Maurer, Susanne: ‚Subjekt‘ als Widerstand? Einige Annäherungen aus feministischer Perspektive: In: Geschlecht zwischen Struktur und Subjekt. Theorie, Praxis, Perspektiven. Hg. von Julia Graf, Kristin Ideler und Sabine Klinger. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich, 2013, S. 131-152, hier: S. 139.

[6] Um eine unvollständige Auswahl zu nennen: STICHWORT Archiv der Frauen- & Lesbenbewegung, ArchFem Interdisziplinäres Archiv für feministische Dokumentation, FFBIZ – Frauenforschungs-, -bildungs- und –informationszentrum e.V., Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek Berlin

[7] Eine Ausnahme ist z.B. das Projekt „Frauen in Bewegung“ von Ariadne in der Österreichischen Nationalbibliothek bzw. das queer-feministische Archiv von MONAliesA in Leipzig, die einen Teilaspekt unserer Überlegungen abdecken: http://www.onb.ac.at/ariadne/ariadne_projekte.htm und http://monaliesa.wordpress.com/bibliothek/queer-feministisches-archiv/

Wie Feminismen archivieren? How to archive feminisms?

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Ein Kooperationsprojekt: In einer längeren Blogserie wollen wir – Ulli Koch und Anna Zschokke – uns einem Thema widmen, das uns beide auf unterschiedliche Art und Weise beschäftigt und wir nun miteinander verbinden wollen. Es geht dabei um die Frage, wie (queer)-feministisches Wissen digital gespeichert werden und für Forschung/Zukunft/Nachwelt erhalten und zugänglich gemacht werden kann. Uns beschäftigen dabei sowohl historische Quellen als auch rezente Wissensproduktionen im Internet.

Unser Plan sieht folgendermaßen aus:

1.) Warum soll (queer-)feministisches Wissen in seiner historischen als auch rezenten Ausprägung gespeichert werden?

2.) Was soll gespeichert werden?
2.1) (Queer-)feminismus oder Frauen*, Lesben, Inter- und Transpersonen* (FLIT*)?
2.2) Historische Quellen
2.3) Rezente Quellen mit Schwerpunkt Wissensproduktion im Internet

3.) Aufbau des Archivs
3.1) Möglichkeiten – was gibt’s?
3.1.1) Historisch
3.1.2) Rezent
3.2) Was sollte es geben?
3.2.1) Chronik
3.2.2) Beschlagwortung
3.2.3) Kontextualisierung

4.)    Globales oder lokales Wissen?

5.)    Braucht es ein Superarchiv?

6.)    Wie?
6.1) Machen das Institutionen oder autonome Einrichtungen?
6.2.) Geldgeber*innen?

7.)    Fazit

Natürlich gehen wir dabei auf Kommentare ein, die diese Ordnung erweitern, über den Haufen werfen und auf jeden Fall beeinflussen werden. Unser Wunsch wäre einmal im Monat einen Post dazu zu veröffentlichen, aber das sei bitte nicht in Stein gemeißelt.

Aus welcher Ecke kommen wir?

Ulli Koch ist Literaturwissenschaftlerin* und beschäftigt sich gerade in ihrer Masterthesis in Gender Studies mit feministischen/frauen*spezifischen Sammel-, Speicher- und Dokumentationseinrichtungen, hat selber ein großes Buch-, Bibliotheks- und Dokumentationsfaible und bloggt auf Unregelmäßige Gedankensplitter.

Anna Zschokke ist Historikerin und studiert Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat ein Medien-, Bibliotheks- und Dokumentationsfaible und bloggt hier auf Töchter Regalias und tweetet als @nightlibrarian.

 

English version

A cooperation project: In a longer blog series we – Ulli Koch and Anna Zschokke – would like to write about a topic, on which we have both mused at length from different perspectives, which we would now like to connect to each other. The series will be concerned with the question how (queer)feminist knowledge can be digitally archived, saved and made accessible for research/the future/future generations. We are taking both historic sources (materials and text) as well as recent production of knowledge on the internet into account.

Our plan looks like this:

1.) Why should (queer)feminist knowledge – both historical and recent – be archived?

2.)    What should be archived?
2.1) (Queer)feminism or female*, lesbian, inter- and transpersons* (FLIT*)?
2.2) Historical sources
2.3) Recent sources with emphasis on production of knowledge on the internet

3.) Structure of the archive
3.1) Possibilities – what resources are there already?
3.1.1) Historical
3.1.2) Recent
3.2) What resources should there be?
3.2.1) Timeline
3.2.2) Indexing
3.2.3) Contextualizing

4.) Global or local knowledge?

5.) Is there a need for a superarchive?

6.) How?
6.1) Should Institutions or autonomous organisations run the archive(s)?
6.2) Funding?

7.)    Conclusion

Of course we will take comments into consideration, which add, destroy and/or in any case influence this order. Our wish is to publish a post in the series once a month, but this is not set in stone.

Who are we?

Ulli Koch has a master’s degree in literature studies and is working on her master thesis in gender studies on organisations which collect, record and document feminist/women*specific materials. She is a fan of books, libraries and documentation and blogs in German at Unregelmäßige Gedankensplitter.

Anna Zschokke is a historian and currently studies library and information science at Humboldt University Berlin. She is a fan of media, libraries and documentation and blogs in German and sometimes in English here at Töchter Regalias and tweets as @nightlibrarian.

Hey, dein Masterarbeitsthema steht nicht in deiner Liste

Vor einer Woche war ich in Berlin und habe vom Auftakt des 3. Semesters außer einer Erkältung, Essen, Comics und einem Buch vor allem ein Ding mitgebracht: Die Gewissheit, wo mein Masterarbeitsthema über den Transport von Geschichte auf Twitter zu verorten ist, nämlich in der Bibliometrie bzw. den Altmetrics. In der Vorlesung zur Bibliometrie kam mir dann eine weitere Idee, die mit 95%iger Sicherheit das Rennen machen wird, weil sie – so sehr mich meine anderen Themen interessieren – mir am Spannendsten vorkommt: Die Analyse des Hashtags #twitterstorians.

Was würde ich da gerne untersuchen?

  1. Wieviel wird pro Tag unter #twitterstorians getwittert?
  2. Wieviele Personen twittern pro Tag unter #twitterstorians?
  3. Wieviele Personen davon sind “offizielle” bzw. im Universitätskontext praktizierende Historiker*innen?
  4. In wievielen Sprachen wird getwittert?
  5. Was wird getwittert (Aufschlüsselung der Themen)?
  6. Wie oft wird gefavt/retweetet?
  7. Was wird verlinkt (Aufschlüsselung der Links nach Artikel/Blogpost/Buch/etc)?
  8. Proportion Verlinkung des eigenen Contents zu Verlinkung anderen Contents
  9. Und was mir sonst noch auffällt und möglich ist.

Ich würde eine Woche oder zweimal 3 Tage als Basissample herannehmen und falls es wirklich leicht geht, möglicherweise noch einen Vergleich mit dem Hashtag #twistoriography (den ich mitentwickelt habe)  einbauen. Warum mir das spannend und nützlich vorkommt? Weil es dann ein Sample gäbe, wie ein Hashtag für eine lose Gruppe – weil eben nicht alle #twitterstorians im Universitätskontext praktizieren bzw. es auch Menschen gibt, die *huch* keine “studierten” Historiker*innen sind und trotzdem am Hashtag teilnehmen bzw. ihn rezipieren – “Dinge” (zum Beispiel wissenschaftlichen Content, aber nicht nur) transportiert und verbreitet.

Jetzt muss ich nur noch a) beginnen, mich in die Altmetrics einzulesen und b) jede Menge Tools finden, die mir bei dieser Arbeit behilflich sein können und sich c) auch in der Arbeit abbilden lassen, denn d) glaube ich nicht, dass es eine Virtuelle Forschungsumgebung für IBI-Student*innen gibt, die sowohl die Tools als auch die Ergebnisse speichert (ich lache jetzt mal fröhlich hier an dieser Stelle), um sie später anderen zugänglich zu machen.

Und die Arbeit wird auf Englisch verfasst werden. Yep.

Aber was ist mit den anderen Themen? Die waren so gut und so spannend?! Ja. Drum werd ich sie nach Lust und Laune weiterbearbeiten – hier auf diesem Blog 🙂

1, 2 oder 3 – die Masterarbeit kündigt sich an

In eineinhalb Monaten reise ich für den Beginn meines zweiten Studienjahres nach Berlin. Dort studiere ich an der Humboldt-Universität Bibliotheks- und Informationswissenschaften im Masterstudiengang. (Ich mache also quasi den Master of Library and Information Science (MaLIS) bei Humboldt. Ja, diesen Witz erzähle ich, seit ich dort aufgenommen wurde.) Über den Winter ist das Schreiben meiner Masterarbeit angesagt. Aber welches Thema soll ich wählen? Warnung: Zynismus, Sarkasmus, Polemik.

Thema Nummer 1 (und mein liebstes): Wie wird Geschichte auf Twitter transportiert und wie können Informationseinrichtungen (Bibliotheken, Archive, Museen & mehr) sich daran beteiligen, d.h. Menschen für das Thema begeistern, auf ihre Bestände & Services aufmerksam machen, für sich Werbung machen, in Kontakt mit ihrer Gemeinschaft treten, etc. Ist aber nicht “Bibliotheks- und Informationswissenschaft” wurde mir gesagt, obwohl ich eigentlich immer noch nicht genau weiß (und sich auch niemand darauf einigen kann), was diese Wissenschaft eigentlich beinhaltet.

Um diese Arbeit (und mich) “vermarktbarer” zu machen, soll ich noch was mit Data Mining dazutun. Fragt sich nur, welche Daten da aus dem Bergwerk geschlagen werden sollen.Twitter kann in kurzer Zeit sehr große Datenmengen verursachen, die aber um wirklich aussagekräftig zu sein, qualitativ ausgewertet werden müssen. Siehe z.B. 2 Wochen #aufschrei – 58.007 “unique” (also einzigartige, nicht retweetete) Tweets, die aber genauso eine Kritik oder Verächtlichmachung als auch ein wichtiger Beitrag sein können, weil sie (noch) nicht händisch ausgewertet wurden.

Also … weiß nicht. Dabei gab es so tolle Sachen auf Twitter, seit ich (ohnehin erst im Dezember 2012) dazukam. D-Day As It Happened – eine vom britischen Channel 4 vorbereitete Aktion, bei der 9 Twitteraccounts – ein Hauptaccount, 7 Zeitzeug*innen und eine Taube tweeteten was ihnen bzw. allgemein zu dem Zeitpunkt am 6. Juni 1944 passierte. Dann gab es die spontane Aktion #InspiringWomen, zu der auch viele historische Frauenfiguren vorgestellt wurden (ich habe zu diesem Thema 300 Tweets getweetet. Nur so, damit ihr da die Datenmengen merkt).

Es gibt einen Twitteraccount, der den 2. Weltkrieg, Tag für Tag tweetet, im Moment die Geschehnisse vom 5.9. 1941. Es gibt etliche Zeitungen, deren Meldungen von vor hundert oder X Jahren getweetet werden, als Beispiel sei hier die New York Times von 1913 genannt. Es gibt Privatpersonen, die “historische” Accounts einrichten, zum Beispiel einen, der das Tagebuch von Samuel Pepys tweetet (klingt spannender als es ist, der ist leider nicht so gut). Und dann gibt es natürlich viele, viele Historiker*innen, die tweeten, an was sie so forschen, was ihnen so unterkommt, etc. … und das sind nur ein paar der Möglichkeiten.

Und was können da Bibliotheken, Archive, Museen tun? Z.B. Archivmaterial tweeten, wenn sie Archive von Autor*innen haben. Oder aus einem Tagebuch oder aus Briefen aus ihrer Sammlung. Oder aus den Lokalnachrichten von vor 100 Jahren. Oder eine großangelegte Aktion, bei der sich mehrere Institutionen absprechen. Oder sich bei anderen Aktionen einklinken.

Aber das ist ja wahrscheinlich Medienwissenschaft oder Kommunikationswissenschaft oder Marketing. Ja. ist es wohl alles. Und die haben ja nichts mit Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu tun, nein, nein, niemals. Wo kämen wir da hin.

Hmpf.

Thema 2: Mikroservices (hab ich jetzt mal so erfunden). Was soll das sein? Das sind die ganzen Dinge, die auffallen, wenn sie fehlen, kaputt sind, schlecht gemacht sind oder so Sachen, bei denen sich die Nutzer*innen denken “Hm, das wäre eigentlich cool, wenn es das gäbe.” Also z.B. ein gut gemachtes Leitsystem. Beschreibungen im Lift, was auf welcher Etage ist. Etagenpläne. Anleitungen für gewisse Dinge. Drauf zu achten, dass z.B. knallende Türen möglichst schnell wieder in Ordnung gebracht werden. Gut riechende Seife auf der Toilette. Wenn die Schließfächer mit Schlössern gesichert werden müssen (eine absolute Unsitte in manchen deutschen Bibliotheken), darauf achten, dass sich ortsfremde oder vergessliche Menschen Schlösser ausleihen können (Grimm-Zentrum Berlin, damit meine ich *dich*!).

Meine Güte, sagt ihr jetzt, das ist ja Kleinkram, was für … Itüpfelreiter*innen, Korinthenkacker*innen, Zwängler*innen und schon gar nicht wissenschaftlich! Äh ja. Setzt euch mal in einen Lesesaal, in dem ihr ruhig und konzentriert arbeiten wollt und alle 10 Minuten knallt die Tür mit einem Donnerschlag ins Schloss. Oder findet mal das Klo, wenn’s kein Leitsystem gibt. Findet den richtigen Stock, wenn’s im Lift keine Angaben gibt. Und sicher haben alle Menschen Geld, das sie mal kurz in ein Schloss investieren können – Essen? Was soll das sein, Essen? Braucht’s nicht. Bis sich da mal wer beschwert, bis die Beschwerde angenommen wird, bis der Zustand gemildert wird … naja, so lange es keine Konkurrenzangebote gibt, werden die Menschen die Bibliothek wohl weiter benutzen. Aber vielleicht nicht so gern. (Das ist doch aber so was von egal ob Menschen *gerne* in einer Bibliothek sind!)

Ist dieses Thema vermarktbar? Hahahaha, nein. Wahrscheinlich nicht.

Thema 3 wäre der Aufbau eines Repositoriums in einer öffentlichen Bibliothek, das für die Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der lokalen Gemeinde da ist. Zusätzlich könnte es mit digitalisierten bzw. digitalen bereits gemeinfreien Werken von Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der Gemeinde angereichert werden. Die gemeinfreien Werke sollten am Besten über die Nationalbibliothek bezogen werden (HAHAHAHAHA, ach ich lach mich schief) und die lokalen Werke sollten auch international zugänglich sein. Diese Entwicklung, also zumindest die Entwicklung von Bibliotheken zu “Community Publishing Portals”, zeichnet sich in den USA schon ab.

Ich finde diese Entwicklung äußerst spannend, aber sie bedeutet für Bibliotheken die Investition von Zeit & Geld – um Wissen zu erwerben, um diese Repositorien aufzubauen, um sie zu bestücken, zu bewerben und zu betreuen. Vermarktbar? Als Idee ja, aber ich erwarte nicht, dass sie in den nächsten Jahren (Sparen! Sparen!) in die Praxis umgesetzt wird, obwohl damit z.B. Ebookcontent unbegrenzt verfügbar wäre.

Was fällt mir sonst noch ein? Feministische Perspektive auf Aspekte von Bibliotheken – nicht vermarktbar. Vergleich im Umgang mit Beschwerden zwischen USA und Deutschland/Österreich – wohl nicht vermarktbar. Erwerbungspolitik für Comics in Bibliotheken – ahahahahahaha, nicht vermarktbar. Einrichtung von Makerspaces, Videospielecken, Strickgruppenecken und andere Bereiche, die bibliotheksfremde Handlungen in die Bibliothek bringen – ach, vielleicht sogar vermarktbar. Nutzergruppenstudien in einer kleinen Bibliothek? Wohl nicht vermarktbar. Vielleicht könnte ich ja die Begriffe für Menschen, die in die Bibliothek kommen diskutieren – Kund*innen? Nutzer*innen? Leser*innen? Oder ich könnte über Bibliotheksethik … ach, wohl genauso wenig vermarktbar wie meine Geschichte auf Twitter.

Für mich klingt das nicht nach Wissenschaft, eine Masterarbeit an ihrer Vermarktbarkeit zu messen. Aber wie gesagt, was jetzt Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist, dazu gibt es viele Meinungen. Wir werden sehen …

Ein paar Zitate zur Geschichte des Buches

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Buch! und es ward Buch. Und Gott sah, dass das Buch gut war. Da schied Gott das Buch von der Finsternis und nannte das Buch Buch und die Finsternis Nacht. 1. Buch Mose 1,1-6

Denken wir dem zu Folge das Beginnen der Entwicklung der Erde hinaus, wo noch wenig Wärme zwischen der Erde und der Sonne bestand; so muß diese erste Anhäufung des Buches um den Mittelpunkt der Erde, die Urerdbücher, aus welchen die Erde überhaupt gebildet worden ist, noch am gemäßesten gewesen, d.h. am wenigsten verändert worden sein. Denn die Bildung der Erde kann nur – wie überhaupt alle Himmelskörper – durch Anhäufung der Bücher von außen her stattgefunden, also im Mittelpunkte der Erde begonnen haben. Die Kälte, welche zu dieser Zeit noch vorherrschend, die Wärme dagegen aber nur schwach war, muss somit auch das Bindemittel der sich hier um den Kern der Erde angelegten Bücher gewesen sein. Johann Hoffman, Neue, mit Gründen belegte Darstellung über die Entstehung der Erde und der Bücher (Quedlinburg/Leipzig 1837), S. 5-6

Die Verehrung der Bücher reicht bis in die geschichtsdunkelsten Zeiten hinauf. In jedem Buche, so glaubte man im Orient, wohne die Seele eines erhabenen Geistes. Die Bücher wurden für Feuermassen gehalten, feurige Meteore sah man für niederfallende Bücher an, und als man beobachtete, dass aus den feurigen Meteoren wohl Bücher auf die Erde fielen, hielt man diese für beseelte Bücher, in welchen eine Gottheit wohne. (…) Das älteste Buch, von welchem sich nach mehrfach erhaltenen Nachrichten die Zeit des Falles mit einiger Wahrscheinlichkeit angeben lässt (nämlich ungefähr 297 Jahre vor der Zerstörung von Troja), ist das von den cyblischen Bergen auf Kreta. Jakob Nöggerath, Die Entstehung und Ausbildung des Buches, vorzüglich durch Beispiele aus Rheinland-Westphalen erläutert. (Stuttgart 1847), S. 25, 26

Wenn ein Buchforscher über die Entstehung der Bücher nachdenkt, so ist es wohl begreiflich, dass er in Erwägung der gegenseitigen Verwandschaftsverhältnisse der Organismen, ihrer embryonalen Beziehungen, ihrer geographischen Verbreitung, ihrer geologischen Aufeinanderfolge und andrer solchre Thatsachen zu dem Schlusse gelangt, die Bücher seien nicht unabhängig von andern erschaffen, sondern stammen nach der Weise der Varietäten von andern Büchern ab. Charles Darwin, Die Entstehung der Bücher durch natürliche Zuchtwahl. Dritte Auflage (Stuttgart 1867), S. 17

In order to understand the place of the Books in world-history, we must first get some idea of the length of geologic periods and the immense space of time (…).

The Age of Reptiles. Preceding the Age of Mammals lies a long vista of geologic periods of which the later ones are marked by the dominance of Reptiles, and are grouped together as the Age of Reptiles or Mesozoic Era. This was the reign of the Books, and in it we are introduced to a world of life so different from that of today that we might well imagine ourselves upon another planet. (…)

Books. The land reptiles were chiefly Books, a group which flourished throughout the Age of Reptiles (…). “Books” is a general term which covers as wide a variety in size and appearance as “Quadruped” among modern animals. And the Books in the Age of Reptiles occupied about the same place in nature as the larger quadrupeds do today. They have been called the Giant Books, for those we know most about were gigantic in size, but there were also numerous smaller kinds, the smallest no larger than a cat. All of them had short, compact bodies, long tails, and long legs for a book, and instead of crawling, they walked or ran, sometimes upon all fours, more generally upon the hind limbs, like ostriches, the long tail balancing the weight of the body. Some modern books run this way on occasion, especially if they are in a hurry. But the bodies of books are too long and their limbs too small and slender for this to be the usual mode of progress, as it seems to have been among the Books. W.D. Matthew, Books. With special reference to the American Museum Collections (New York, 1915), S. 9, 12, 13

Tapfer sind die, die hier angekommen sind. Warum hab ich hier eine Ansammlung an veränderten Zitaten gepostet? Ich hatte ein kleines Bedürfnis nach Satire, da ich dieses “Rettet das Buch!”, “Bücher sind keine Container!”, “Aber das Gefühl, der Geruch, das BLA BLA BLA” mitunter nicht mehr hören kann.

Manchmal schlägt halt die Historikerin durch, die sich wünscht, dass die Menschen aufhören würden so zu tun, als hätte es Bücher immer schon gegeben. Das “Buch” ist eine so rezente Erfindung, dass ich nur müde lachen kann. Die Landwirtschaft ist älter. Die Axt, der Speer, der Bogen – der Mühlstein, der Webstuhl, der Tontopf – die Malkunst, die Flöte, die Halskette – alle sind älter als das Buch.

Seit Menschen zur Sprache fähig sind, hat es Geschichten gegeben, später dann in manchen Gegenden Schriften und in einigen dieser Gegenden Texte, und in einigen dieser Gegenden, wo es auch papierartige Dinge gab, dann etwas, das sich Buch nennen könnte. (Hier etwas inspiriert von Alena Dausacker.)

Aber egal. Muss ich halt noch ein bisschen warten und das Jammern noch ein bisschen ertragen, bis endlich sämtliche Texte in kürzester Zeit frei zur Verfügung stehen und die Buchmenschen erkannt haben, dass Bücher auch weiter existieren werden. Historiker*innen sind geübt darin, “the long game” zu spielen, das hilft bei allen frustrierenden Entwicklungen.