Bestrickender Widerstand

Es gibt so ein paar Dinge, auf die ich bei Bilderbüchern besonders anspreche, nämlich unter anderem auf Katzen, Hasen, Schafe und Stricken. “Extra Garn” von Mac Barnett, illustriert von Jon Klassen, ist ein besonders schönes Strickbilderbuch, von Anfang bis Ende. Auf der Verlagsseite gibt es einen guten Blick ins Buch.

20160902_175056 Die Hauptfigur in “Extra Garn” ist Annabelle, die in einer tristen, schwarz-weißen Stadt lebt. Eines Tages findet sie eine kleine Truhe mit Stricknadeln und buntem Garn und sie strickt sich einen Pullover und dann einen für ihren Hund, denn es ist immer noch Garn da. Als sie spazieren geht, trifft sie Nico, der sie auslacht, weil er eifersüchtig auf ihren bunten Pulli ist. Also strickt Annabelle einen Pulli für ihn und seinen Hund und es ist immer noch Garn da. In der Schule drehen sich alle Kinder nach ihr um und der Lehrer maßregelt Annabelle, weil sie die Klasse ablenkt. Also beschließt sie, Pullis für alle Kinder zu stricken, obwohl der Lehrer meint, das würde sie nie schaffen. Aber Annabelle schafft es.

Und so geht es weiter – Annabelle bestrickt alle Menschen, dann alle Tiere und dann schließlich die Häuser, Autos, Briefkästen usw. Die Stadt wird ganz bunt und Annabelles Garn erregt immer mehr Aufmerksamkeit. Ein Erzherzog kommt und will die Truhe kaufen, doch Annabelle weigert sich. Also lässt der Erzherzog die Truhe stehlen. Als er zuhause ankommt, muss er aber feststellen, dass die Truhe leer ist und er wirft sie wütend aus dem Fenster. Dabei verflucht er Annabelle, dass sie nie glücklich sein werde. Die Truhe überquert das Meer und findet ihren Weg zurück zu Annabelle, die munter weiterstrickt und eben doch glücklich ist.

Und genau das mag ich an dem Buch: Annabelle lässt sich nicht beirren, dreinreden oder ablenken, sondern sie macht einfach ihr Ding, nach und nach, bis sie die Stadt komplett verändert hat. Wie im Alltag auch, sind es vor allem als Jungen bzw. Männer lesbare Figuren, die Annabelle sagen, sie würde nicht schaffen, so viel zu stricken, aber Annabelle macht einfach weiter. Und auch die Vorgaben des Erzherogs erfüllt sie schlicht nicht – weder verkauft sie ihr Garn, auch nicht um 10 Millionen Dukaten, noch ist sie ihr Leben lang unglücklich. Ohne den Konflikt mit dem Erzherzog wäre “Extra Garn” ein reines Aufzählbuch, aber so erhält es zum Ende hin noch mehr Dynamik.

Es gibt durchaus einige Kritikpunkte – z.B. sind alle Figuren in dem Buch weiß. Auch das Bestricken von Häusern, Bäumen, Briefkästen, Fahrzeugen als Anzeichen von Gentrifizierung kann kritisch diskutiert werden, sowie der Wert der Handarbeit generell, denn Annabelle verlangt für ihre Arbeit keine Gegenleistung. Auch gibt es viel mehr männliche Figuren als weibliche und das generische Maskulinum hätte durchaus vermieden werden können. Diskutierbar ist auch, ob der Erzherzog mit Interesse an Mode als queerer Bösewicht stereotypisiert wird oder nicht – ich finde nicht, aber diskutierbar ist es.

“Extra Garn” ist eigentlich ein recht langes Buch, erscheint aber nicht so, denn es gibt nicht übermäßig viel Text. Die Bilder ergänzen, was der Text nicht explizit aufzählt und so eignet es sich zum Vorlesen in größeren Gruppen schon für sehr kleine Kinder, also ab ca. 3 1/2, dank der dynamischen Geschichte aber bis ca. 7 oder sogar 8. Was die Illustrationen angeht: Jon Klassen ist ein bekannter Kinderbuchautor und Illustrator und hat einen eigenen Stil, der besonders an den Tieren gut erkennbar ist. Seine holzschnittartigen Illustrationen sind klar und nicht zu überfrachtet, aber trotzdem mit genug Details versehen, dass sie interessant bleiben. Obwohl das Buch immer bunter wird, je länger Annabelle strickt, bleibt die Buntheit der Wolle doch durch den vielen Weißraum speziell und einzigartig.

Alles in Allem: Große Empfehlung.

Schafbuch, Schlafbuch

Bei meinen zweisprachigen Geschichtenzeiten lese ich auch mitunter Bücher vor, die eigentlich zum Einschlafen gedacht sind. Aber ich mag Schlafbücher und Schafbücher und “Das 108. Schaf” von Ayano Imai kombiniert die zwei Elemente so schön, dass ich es zu jeder Tageszeit vorlesen könnte.

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In dem Buch geht es um Nimitz, die plötzlich nicht einschlafen kann. Sie versucht alles und verlegt sich dann aufs Schafe zählen, aber das funktioniert auch nicht. Sie kommt bis zum 107. Schaf, aber statt dem 108. Schaf hört sie nur einen dumpfen Knall. Der Kopfteil des Bettes ist nämlich sehr hoch und das 108. Schaf kann nicht so hoch springen.

Zuerst beschweren sich die anderen Schafe, aber Nimitz hält sie dazu an, mit ihr und dem 108. Schaf verschiedene Lösungswege auszuprobieren, damit das 108. Schaf über ihr Bett hüpfen kann. Erst funktioniert nichts, dann holt Nimitz ihren Werkzeugkasten und sägt ein Loch in den Kopfteil des Bettes, durch das das 108. Schaf springen kann. Dann schlafen alle gemeinsam auf dem und um das Bett. Am Ende des Buches können die Vor_leser_innen selbst Schafe zählen und das 108. Schaf suchen.

Der Zeichenstil ist sanft und die Illustrationen sind in schwarz-weiß mit dunkelroten Akzenten gehalten, auf einem leicht geriffelten hellgelben Papier. Durch das große Format lässt sich das Buch gut gemeinsam lesen und die Seiten sind nicht zu vollgepackt, sondern die Bilder zeigen das Wesentliche. Durch die Mimik der Figuren kommt deutlich durch, was für ein Problem es für Nimitz ist, nicht einschlafen zu können und für das 108. Schaf, nicht so hoch springen zu können.

Ich mag diese Einschlafgeschichte, in der es um den Abbau von Barrieren geht, mit einer japanisch-amerikanischen Mädchenfigur, die unaufgeregt mit Sägen hantiert. Zwar ist das 108. Schaf im Englischen ein “he”, im Deutschen aber nicht. Die Eltern von Nimitz treten nicht in Erscheinung, sie allein wählt aus, wie sie einschlafen möchte und was sie dafür benötigt. Das ist ziemlich cool.

Dadurch dass der Text nicht zu lang ist, eignet sich das Buch ausgezeichnet zum Vorlesen auch für größere Gruppen von Kindern. Die deutschen Ausgaben sind in gebrauchtem Zustand noch recht günstig erhältlich, ich habe die englische, weil ich Bücher gerne im Original lese, aber Nibling 1 hat sie auf Deutsch gekriegt.

Von Tieren und vom Teilen: Mehr … immer mehr!

Was für ein Problem könnte ich mit Bilderbüchern mit Tieren haben? Tiere sind doch großartig? Ja. Aber die beliebtesten Bilderbuchtiere sind der Bär, der Fuchs, der Hase, der Wolf, der Hund, der Affe, der Elefant, der Tiger, der Löwe, der Esel, der Igel … merkt ihr was? Gut, es gibt die Katze, aber oft ist das dann doch ein Kater, genauso bei der Maus, die dann doch oft ein Mäuserich ist. Das Pferd, das Meerschwein, das Nilpferd, das Zebra, das Eichhörnchen gibt es auch, aber lange nicht so oft. Daher schaue ich auch bei Tierbüchern darauf, dass ich Bücher mit Tieren erwische, die einen weiblichen Artikel haben bzw. weibliche Hauptfiguren.

Mehr immer mehr I C SpringmanEines meiner Lieblingsbücher ist dabei “Mehr … immer mehr!” von der Autorin I.C. Springman mit Illustrationen von Brian Lies, auf Deutsch erschienen im Verlag annette betz. Darin geht es um eine Elster, die mit einer Maus befreundet ist. Am Anfang des Buches hat die Elster außer ihrem Nest nichts, also schenkt ihr die Maus eine Murmel. Nun hat die Elster etwas. Zufällig findet sie weitere Gegenstände – einen roten Legostein, eine Schillingmünze – und an dieser Stelle hatte mich das Buch. Ich wünsche mir keine Rückkehr zum Schilling und finde auch die Münze nicht besonders schön (die mit den Edelweiß ist es), aber es war trotzdem irgendwie ein starkes Gefühl, sie nach mittlerweile 15 Jahren in einem Kinderbuch wiederzusehen.

Die Elster hat nun einiges, aber sie beginnt mehr und mehr und immer mehr Gegenstände zu sammeln. Dadurch wird das Buch immer mehr zum Wimmelbuch, allerdings ohne erklärende Texte. Der Text bleibt ganz sparsam und beschreibt immer nur, wieviel die Elster nun hat. Sie baut neue Nester, um ihre Sammlung unterzubringen und schließlich hat sie zu viel – die Äste des Baumes biegen sich unter der Last. Die vielen Gegenstände sind dabei so schön gezeichnet, dass alle elsterhaften Menschen, wie z.B. ich selbst, sofort etliches davon an sich raffen möchten. Schließlich reicht es der Maus – “Genug!” schreit sie und der Ast auf dem sich Elster und Maus unterhielten bricht.

Die Elster liegt unter ihrer Sammlung begraben. Die Maus ruft um Hilfe und sie und viele andere Mäuse tragen die Sammlung gemeinsam weg, bis die Elster wieder zum Vorschein kommt. Alles wird verschenkt, auch an ein Eichhörnchen, bis schließlich die Elster und die Maus je ein Stück haben – die Murmel von ganz am Anfang und eine Schachfigur. “Genug?” fragt das Buch. “Ja, genug.”

In meinen Elsterfingern kribbelt es und das Buch provoziert mich manchmal ein wenig – sind Sammlungen so verwerflich? Trotzdem ist es ein gutes Buch um zu diskutieren, wieviel wir eigentlich brauchen und ob Teilen nicht besser wäre. Durch die Masse an Gegenständen und den sparsamen Text ist es ein Buch zum Ansehen und viel dazu reden. Kinder können die Zeichnungen genau betrachten, Gegenstände suchen und sich z.B. darüber unterhalten, welchen sie sich aussuchen würden. Ich habe es schon in einer kleinen Gruppe vorgelesen, ich würde ab ca. 4 Jahren bis ca. 6 Jahre einschätzen, danach ist es immer noch schön zum zu zweit oder alleine betrachten.

Gegensätzliches Nilpferd

Beim letzten Vorlesen in Liesing fand ich dort bei den englischen Büchern eines für 2-4jährige, das mich sehr beeindruckt und belustigt hat: Hippoposites von der französischen Grafikerin, Illustratorin und Autorin Janik Coat, im französischen Original “Mon Hippopotame”. Auf Deutsch heißt es “Mein Hippo kann alles”, was mir ein wenig Bauchschmerzen verursacht. Ich werde versuchen, die deutsche Version ebenfalls anzuschauen und dann die Buchempfehlung ergänzen.

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Hippoposites ist auf Karton gedruckt, hat 38 Seiten und zeigt Illustrationen von Gegensätzen, die grafisch aufbereitet werden, immer anhand eines Nilpferds, das anscheinend Popov heißt. Im Buch selbst hat es keinen Namen. Was mich daran so fasziniert und gefreut hat – die Gegensätze werden nicht klischeehaft sondern entgegen der Klischees dargestellt, hier zum Beispiel “dünn” und “dick”. Für “leicht” befindet sich das Nilpferd im Korb eines Heißluftballons, für “schwer” blubbert es unter Wasser (auch wenn das nicht ganz stimmt, Nilpferde können ja schwimmen und tauchen und gehen nicht einfach unter, aber ok).

thin/thick page from Hippoposites by Janik Coat

Oder hier positiv und negativ. Ähnlich ist es bei “voll” und “leer”, wo auch die Form des Nilpferds mit Farbe gefüllt ist – für “voll” – und eine weiße Leerstelle, die noch dazu aus der obersten Schicht Karton ausgeschnitten ist – für “leer”.

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Hier noch ein Beispiel für gepunktet und gestreift:

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Ich finde es ausgesprochen charmant und schön, aber für kleine Kinder ist es zum Teil anspruchsvoll, wie auch Sigrid Tinz in ihrer Kritik moniert. Anscheinend wird/könnte Kindern dabei fad werden? Mangels Test am lebenden Objekt würde ich sagen: Kommt auf die begleitende Erzählung an.

Manche Gegensätze sind unmittelbar begreifbar, andere brauchen eine Erklärung und vielleicht noch begleitende Beispiele, damit ganz klar wird, was ein Wort bedeutet, aber ich finde das gut.Es gibt eine Menge Kartonbücher, die weit weniger Interaktion erfordern und einfachere Konzepte vermitteln.

Janik Coat hat noch andere Bücher veröffentlicht, von denen ich zumindest “Ich bin nicht wie die anderen” schon schnell durchgeblättert und auch sehr nett gefunden habe (ja, es gibt auch weibliche Tiere darin, die hat der Knesebeck Verlag in der Beschreibung ausgelassen). Und ihr Tier-ABC ist reizend, wenn es auch nur auf Französisch funktioniert.

Es gibt Regeln für den Sommer?

Die Regeln des Sommers von Shaun Tan mit Katze“Die Regeln des Sommers” von Shaun Tan, einem chinesisch-australischen Autor, Illustrator, Filmemacher, Comiczeichner, übersetzt von Eike Schönfeld und im Verlag Aladin erschienen, ist quasi ein “Ausnahmebuch”, das meinen hier aufgeführten Kriterien nicht ganz entspricht, da die Hauptfiguren männlich* lesbar sind, auch wenn sie nicht weiß sind. Aber es passt zur Situation der Niblinge, spezifisch für Nibling2 und deshalb verschenke ich es auch – und es ist ein faszinierendes Buch, darum stelle ich es vor.

Als ich es zum ersten Mal las, blätterte ich nicht bis zum Ende durch und nahm an, dass die Regeln des Sommers relativ zufällig und ohne Zusammenhang aufgestellt wurden. Beim zweiten Lesen kam ich dann bis zum Schluss und begriff, dass es doch eine Geschichte gibt, aber der Anfang erschien mir nicht mit dem Ende verknüpft. Erst beim dritten Lesen – diesmal ohne Zeitdruck – begriff ich die Geschichte endlich: Es geht um Geschwister.

Die erste Hälfte wird aus der Perspektive des jüngeren Kindes erzählt, die zweite aus der des älteren. Das ältere Kind ist es, das die Regeln des Sommers aufstellt – meistens zu spät, als dass sie das jüngere Kind befolgen könnte. Daraus ergeben sich Konsequenzen, manchmal kleinere, manchmal größere. Konkret z.B. fangen die Kinder auf dem Dach Leuchtwesen mit Netzen, das Glas des jüngeren Kindes fällt runter – die Regel lautet: Nie dein Glas runterfallen lassen. Oder auf einer Party mit lauter Gestalten, die Falkenköpfe haben hält das ältere Kind das jüngere davon ab, die letzte Olive zu essen – die Regel lautet: “Nie auf einer Party die letzte Olive essen”. Oder das ältere Kind verweigert dem jüngeren den Zutritt zu einem ummauerten Garten: “Nie das Passwort vergessen.”

Beim genauen Lesen als Erwachsene, die selbst ein älteres Geschwister war, zeigen sich mir alle Aspekte der Geschwisterbeziehung: Dieses zwischen Beschützen wollen, sich kümmern müssen, Arbeit aufgehalst kriegen, Ausschlüssen, Macht, ruinierten Plänen und ausgelösten Katastrophen changierende – bis die Situation kippt. Es kommt zum Streit, der auch physisch stattfindet – und zum Verrat. Das ältere Kind verkauft das jüngere an die Krähen, die es in eine unheimliche Lokomotive sperren, die immer weiter aus der Stadt fährt und fast im Dunkeln verschwindet.

Die Perspektive wechselt und das ältere Kind übernimmt die Erzählung. Die erste Regel nach ein paar Seiten ohne Text lautet nun “Immer einen Bolzenschneider mitführen” – das jüngere Kind wird vom älteren gerettet. Die letzte Regel lautet dann: “Nie den letzten Sommertag verpassen” und das Buch endet bei Popcorn und trauter Harmonie vor dem Fernseher.

Es ist also trotz des spärlichen Texts kein Bilderbuch für kleine Kinder. Dafür ist es viel zu unheimlich und die Szenarien und Bilder sind zum Teil sehr bedrohlich und trotz der magischen Komponente zum Teil zu real, z.B. in einem Bild wird das Treten auf eine Schnecke mit dem Auslösen eines Tornados verknüpft. Aber die Bilder – jedes davon ist ein eigenes Gemälde – sind unheimlich schön und über die Geschichte, die Situationen und die Beziehung zwischen den Kindern lässt sich viel nachdenken und reden. Auf seiner Website hat Shaun Tan ausführliche Kommentare zu den einzelnen Bildern geschrieben, die sehr lesenswert sind (auf der Seite von “Rules of Summer” nach unten scrollen).

Ich habe das Buch einer Klasse von 10jährigen vorgelesen, die sich rege mit Fragen beteiligt haben, aber ein so richtiges Vorlesebuch für große Gruppen ist es nicht, eher für gemeinsames Anschauen zu zweit ab ca. 8 Jahren oder ganz alleine.

Zweisprachig Vorlesen

Das Blog ist tot, lang lebe das Blog! \o/ Aber Buchempfehlungen gehören nun mal ins Buchblog, also geht es nach einem Besuch bei Frau Dr. Frankenstein wieder los.

Ich lese seit bereits 2 Jahren regelmäßig ehrenamtlich in Zweigstellen der Büchereien Wien zweisprachig vor und zwar Bücher, die meinen Vorstellungen entsprechen, also solche mit vorwiegend weiblichen oder nicht eindeutig as weiblich oder männlich lesbaren Hauptfiguren, am besten mit Kindern of Color, außerdem sollen die Geschichten möglichst keinen Rassismus, Sexismus, Cissexismus, Heterosexismus, Klassismus, Ableismus und keine Dickenfeindlichkeit enthalten. Und die Geschichten und Illustrationen sollen gut sein (aber das ist subjektiv). Das perfekte Buch gibt es natürlich leider selten.

Die zweisprachige Geschichtenzeit der Büchereien Wien gibt es in vielen Sprachen, Türkisch, Arabisch, Chinesisch, Russisch, Französisch, etc., meistens finden die Vorlesestunden zwischen 16 und 17 Uhr statt. Früher habe ich noch öfter Schweizerdeutsch und Deutsch vorgelesen, jetzt ist aber vor allem Englisch und Deutsch gefragt. Ich kann wirklich gut Englisch, aber oft komme ich mir vor wie eine Simultanübersetzerin und ab und zu entfällt mir schon mal ein Wort, besonders wenn ich das Buch nicht kenne. Aber das macht nichts.

Ich bringe zwar zum Vorlesen oft eigene Bücher mit, aber da ich zwei Zweigstellen bevorzugt besuche, durchforste ich auch ihre Bestände bzw. die der Hauptbücherei nach Büchern, die ich vorlesen kann. Es wird ja sonst langweilig für die Kinder, die die Bücher schon kennen und ich kann nicht so viele Bücher kaufen. Da dann auch die Auswahl an englischen Kinderbüchern, die in meine Kriterien passen, schnell zu klein wird, nehme ich auch oft Bücher, die aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden und übersetze sie zurück.

Die Kinder sind allgemein sehr geduldig – ich bin immer wieder erstaunt, wie gut sie aufpassen, wie gespannt sie lauschen, welche Fragen sie stellen – und wünsche mir manchmal, ich hätte mehr Zeit bzw. ein großes Tablet, an dem ich manche Sachen nachher besser erklären kann, wie z.B. Permafrost und das Klonen von Mammuts. Manche Kinder lesen auch mit – ein wenig schwieriger, wenn das Buch auf Englisch ist – und bei einer Vorleserunde lasen sogar die Kinder einander und mir gegenseitig vor und stritten sich darum, welches Kind jetzt dran war. Dabei zu beobachten, wie sie lernten, ihren Tonfall bei Satzzeichen richtig anzupassen war eines meiner schönsten Vorleseerlebnisse. Sehr schön ist für mich auch, wenn sie englische Worte wiedererkennen und sie wiederholen, wenn sie die Bücher nachher ausleihen und am schönsten ist es natürlich, wenn ihnen die Geschichte offenkundig Spaß macht.

Das Alter der Kinder, denen ich vorlese, ist ziemlich unterschiedlich. An einer Zweigstelle sind sie zwischen 3 und höchstens 7, also brauche ich dort Bücher mit wenig Text, vielen erklärenden Bildern und trotzdem Geschichten, die auch noch 7jährige interessieren. In der anderen Zweigstelle sind die Kinder schon etwas älter, bis ca. 9-10, aber all zu lange Texte werden trotzdem fad, schließlich lese ich sie zuerst in der einen Sprache, dann in der anderen vor. Manchmal hören auch erwachsene Bezugspersonen der Kinder zu – je kleiner die Kinder, desto mehr Erwachsene im Publikum.

Welche Bücher klappen und welche nicht, merke ich an der Reaktion der Kinder – wenn sie wegschauen, sich unterhalten, wegwandern, dann ist ihnen langweilig. Mir macht das nichts aus, ich finde es nur spannend und wegwandern dürfen sie immer. Es liegt auch nicht immer am Buch – meine Vorlesezeit dauert offiziell eine Stunde und das ist sehr lange für Kinder, egal welches Alter sie haben.

Zur Frage: Aber was ist mit Buben, wie bringen wir die zum Lesen, die lesen ja keine “Mädchenbücher” bitte diesen Artikel von Tricia Lowther auf Let Toys be Toys lesen (tl;dr: die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse ist ein viel stärkerer Indikator dafür ob ein Kind gerne liest oder nicht) – weiteres Material findet sich am Ende des Artikels. Manchmal lese ich aus Notwendigkeit (keine anderen Bücher gefunden) auch Bücher mit männlichen Hauptfiguren vor. In den Gruppen, denen ich vorlese, sind als Buben bzw. als Mädchen lesbare Kinder gleichermaßen vertreten und sie hören allen Geschichten gleichermaßen zu (wenn sie gut sind), ob jetzt ein Bub die Hauptfigur ist oder ein Mädchen. In ihrem restlichen Medienkonsum sind aber weiße, heterosexuelle, cis-männliche Figuren so dominant vertreten bzw. werden es sein, dass sich kein Mensch Sorgen machen muss, sie kämen zu kurz.

Die Bücher, die mir am meisten gefallen, schenke ich dann auch meinen Niblingen – und manchmal schenke ich ihnen Bücher, die ich aus verschiedenen Gründen nicht vorlese, denn wie gesagt, nicht jedes Buch eignet sich dazu, Gruppen von Kindern vorgelesen zu werden. Ich werde hier trotzdem ein paar davon vorstellen.

#teamharpy und Konversationen, die wir nicht führen

Makerspaces. 3D-Drucker. Die papierlose Bibliothek. Bibliotheksgemeinschaftsgärten, Ausleihe von Werkzeug, Backformen, Lesebrillen. Barcamps. Informationskompetenz. Ach, Nordamerika, deine Bibliotheken, deine Ideen! Was schauen wir Bibliothekar_innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz uns da nicht gerne ab (bzw. kritisieren diese Entwicklungen und Ideen herzlich gerne, weil nur weil’s aus den USA kommt muss es noch lang nicht gut sein etc. etc. etc.). In einem Punkt schauen wir uns leider sehr wenig ab und das ist die in Nordamerika, also USA und Kanada geführte Debatte über Diversität und soziale Bewegungen im Bibliotheksbereich. Soll heißen, wir thematisieren herzlich wenig Themen wie sexuelle Belästigung, sexistische, rassistische, ableistische, heterosexistische, cissexistische Diskriminierung im Bibliotheksbereich, also zumindest offiziell.

Letztes Jahr legte die American Library Association (ALA) mit ihrem “Statement of Appropriate Conduct at ALA Conferences” fest, welche Verhaltensweisen auf ihren Konferenzen nicht erwünscht sind. Echo im DACH-Bereich? Suche ich “ALA Code of Conduct” bzw. “Statement of Appropriate Conduct” bzw. “ALA Verhaltensregeln” auf einer der recht wichtigen deutschen Bibliotheksmailinglisten, inetbib.de, finde ich … nichts. Dito auf einigen der beliebtesten deutschsprachigen Bibliotheksblogs. Oh, hey, ich habe zwei Erwähnungen gefunden! (Allerdings habe ich auch nichts darüber geschrieben … sollte ich.)

Sexuelle Belästigung auf Konferenzen (und allgemein) ist also ein Thema, das in der nordamerikanischen Bibliosphäre diskutiert wurde und wird. Im Frühling dieses Jahres nannten zwei Bibliothekarinnen*, Lisa Rabey (die den gerade verlinkten Blogpost verfasste) und nina de jesus auf Twitter respektive auf ihrem ausgezeichneten Blog einen Mann beim Namen – Joe Murphy -, der laut ihren Berichten Bibliothekarinnen* auf Konferenzen sexuell belästigt hatte. Dieser Mann hat sie nun verklagt, auf 1,25 Millionen Dollar, da er befindet, sie hätten seinen persönlichen und beruflichen Ruf beschädigt. Nachzulesen ist alles auf dem Blog #teamharpy – unter diesem Hashtag findet auf Twitter auch die Diskussion statt. Reaktionen auf die Klage werden ebenfalls auf dem #teamharpy-Blog gesammelt.

Um ein paar Einwände gleich vorwegzunehmen:

Wer ihren Ton nicht für richtig befindet, bitte “tone policing” oder “tone argument” googlen oder auf Rumbaumeln oder Derailing for Dummies nachlesen.

Nein, sie waren nicht persönlich betroffen, aber sie haben Beweise. Es gab und gibt einen Aufruf an Zeug_innen, sich zu melden, wobei sowohl Lisa Rabey als auch nina de jesus Verständnis für die Zeug_innen haben, die sich nicht melden, da sie wissen, dass es dafür gute Gründe gibt.

Wer meint, die betroffenen Personen hätten sich zuerst an die angemessenen Stellen bzw. Autoritätspersonen wenden sollen: Haben sie. Tun sie. Leider kam bzw. kommt dabei allzu oft nichts heraus bzw. gibt es den ALA Code of Conduct eben erst seit letztem November. Davor gab es bei der ALA keine Stelle, wo diese Übergriffe gemeldet werden konnten.

Und jetzt ist da diese Klage gegen zwei Frauen*, die es gewagt haben, klare Worte auszusprechen. Sie sollen mundtot gemacht werden. Ob sich von nun an eine direkt betroffene Person zu Wort melden wird, wenn sie weiß, dass ihr im Zweifel eine Millionenklage ins Haus steht? Das ist das gefährliche an dieser Klage: Sie schafft ein Klima, in dem das Auf- und Anzeigen von Übergriffen erschwert wird und damit ein Klima, in dem Bibliothekarinnen* nicht unbeschwert ihrer Arbeit nachgehen können. Ich finde das äußerst bedenklich und hoffe, dass Joe Murphy es sich anders überlegt und die Klage fallen lässt und sein Verhalten reflektiert. Durch den aus der Klage entstandenen Streisand-Effekt hat er sich wohl selbst am meisten ins Aus manövriert.

Falls ihr #teamharpy unterstützen möchtet, könnt ihr hier eine Petition unterschreiben, die Joe Murphy dazu auffordert, die Klage fallen zu lassen. Oder ihr könnt für #teamharpy spenden, denn die beiden haben nicht sehr viel Geld. Das ist ein weiterer gefährlicher Aspekt dieser Klage: Ausdauernd wehren können sich nur die Reichen.

Und dann können wir vielleicht einmal beginnen darüber zu reden, warum offizielle Verhaltensregeln auf Konferenzen eine gute Idee sind, selbst wenn wir alle lieber glauben, hier in DACH bräuchten wir das nicht.

So, jetzt ist sie vorbei – die Sommerpause

Dem Wetter nach ist der Sommer natürlich schon länger vorbei. Es steht eine Zeit fieberhafter Aktivität bevor, die eigentlich auf dem Blog landen sollte. Ein kurzer Ausblick:

Dieses Wochenende halten Ulli Koch und ich einen Vortrag auf dem Daten.Netz.Politik-Kongress #dnp14 über unsere Idee eines queer_feministischen Metaarchivs. Die Blogserie sollten wir auch fortsetzen, wir waren aber bisher damit beschäftigt, darüber einen wissenschaftlichen Artikel zu schreiben, der in Bälde erscheinen soll.

Nächstes Wochenende geht’s zum diesjährigen Bibcamp nach Potsdam, auf das ich schon sehr gespannt bin. Ich würde ja gerne eine Session halten, aber kann mich noch nicht ganz für das Thema entscheiden – mal sehen was passiert, wenn ich dort bin.

Gestern und heute früh war das große Thema in der Bibliotheks-Twitterbubble der Pilotversuch der Onleihe, einem der Anbieter von E-books für Bibliotheken. In drei Bibliotheken sollen ab jetzt die zur Ausleihe gedachten E-books auch käuflich erwerbbar sein, per Button im Bibliothekskatalog. Kritische Worte dazu finden Dörte Böhner auf bibliothekarisch.de und DonBib auf Ultrabiblioteka. Ich teile ihre Ansicht und bin sehr verwundert – da läuft jetzt etwas sehr rapide ab, von dem ich dachte, dass es in der deutschsprachigen Bibliothekswelt nie geschehen würde, gerade weil es starke Gegenargumente und große Vorbehalte gibt. (Mal abgesehen davon, dass die künstliche Verknappung von digitalen Dateien … na egal.) Ich wette, das wird ein großes Thema beim Bibcamp.

Tja und in meinem Kopf warten Blogposts. Manche haben es sogar auf Papier geschafft … aber das heißt noch lange nicht, dass sie es dann vom Papier ins Internet schaffen. Ich werde mich bemühen! Zumindest steht ja nächste Woche eine lange Zugfahrt bevor, da könnte ja was entstehen …

Eine zweite Hauptbücherei für Wien

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U2-Station Winterwüste … ääh, Aspern Nord.

Heute wird die Wiener U-Bahnlinie U2 um drei Stationen verlängert, in die Seestadt Aspern, ein neuer Stadtteil, der auf einem ehemaligen Flugfeld rund um einen kleinen See entstehen soll. Die U-Bahn ist schon da, die Anbindung an die S-Bahn soll folgen. 20.000 Menschen sollen einmal in diesem Stadteil wohnen, in den Wiener Bezirken die östlich der Donau liegen, lebten 2007 150.000 Menschen, bis 2030 sollen es 190.000 sein – mit den Gemeinden außerhalb der Stadtgrenze sind und werden es sicher noch mehr.

Schon vor dem 2. Weltkrieg war eine große Zentralbücherei für Wien im Gespräch (danke an @vega75 für den Link), seit 2003 gibt es neben den vielen Zweigstellen in den Bezirken die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz auf der Westseite Wiens. Davor befand sie sich nicht weit von ihrem jetztigen Standort in der Skodagasse, im 8. Bezirk.

Es ist nicht allzu schwer, aus den Bezirken über der Donau zur Hauptbücherei zu gelangen, wenn der Wohnort nahe einer U-Bahn oder Straßenbahn gelegen ist, es kann einfach ein wenig dauern. Natürlich gibt es auch im 21. und 22. Bezirk Zweigstellenbibliotheken. Aber …

Wäre der komplette Neubau eines neuen Stadtteils nicht auch die Möglichkeit, eine zweite Hauptbücherei zu bauen? Eine mit Raum für die Entwicklungen der letzten Jahre und mit neuen Konzepten? Makerspaces, Räume, die stundenweise zur Verfügung gestellt werden können, Veranstaltungsräume, genug Platz für den Medienzuwachs? Wie meine Traumbibliothek aussieht, habe ich ja schon mal aufgeschrieben. Neben vielen anderen Städten machen z.B. Sidney und Paris vor, wie sie sich die Bibliotheken der Zukunft vorstellen. Eine zweite Hauptbücherei im Osten Wiens wäre ein Anziehungspunkt für viele, über die Landesgrenzen hinaus, denn bis Bratislava ist es nicht mehr weit.

Leider steht eine solche Bücherei nur in den Sternen, nicht im 2007 beschlossenen Masterplan. Ein einziges Mal wird darin eine “Bücherei” erwähnt, auf Seite 98 für das Quartier 1 im Südwesten, das am schnellsten entstehen soll:

Eine Liste möglicher Projektideen für das lokale Zentrum der Etappe 1 lässt sich mit etwas Phantasie schnell zusammenstellen und wird von interessierten Bauherren, BetreiberInnen und unternehmerischen Geistern im Zusammenwirken mit der Projektentwicklungsgesellschaft bereits sehr frühzeitig realisiert und erweitert werden können: „Stadthaus“ mit Flugfeld Infozentrum, Entwicklungs-, Bau- und Vermarktungsbüro der Flugfeld-Entwicklungsgesellschaft, Sitz des Gebietsmanagementbüros, anmietbare Flächen für Außenstellen von Behörden, Bücherei, Kurse, private Veranstaltungen; Nahversorgungsgeschäfte, Marktplatz oder –halle, Kioske, 24-Stunden-Shop (ev. in Kombination mit einer Tankstelle); Gastronomie in Pavillons (vgl. etwa Naschmarkt, Kunsthalle Karlsplatz, Oktogon am Himmel…), eingemietet in Erdgeschoßen der fixen Gebäude an Hauptplatz, Hauptstraße und am See; „Hangar 1“ für Kultur-, Kino- oder Freizeitveranstaltungen; Schulen mit Nachmittags- und Freizeitprogramm (Sport, Kurse…), Kindergärten, Studentenheim; Laufstrecke, Spiel- und Lagerwiesen, Sport-Spielfelder, Sauna-/Wellnessdorf (Natursauna), Ateliers, Werkstätten, Freiluftbühne/Arena, Seeuferpromenade…

“Bibliothek” kommt nur im Abbildungsverzeichnis auf Seite 128 vor – ein Bild stammt aus der Österreichischen Nationalbibliothek. Das klingt nicht danach, als wäre eine neue Hauptbücherei geplant.

Auch auf der Projekthomepage finden sich bei der Suche nach “Bücherei” und “Bibliothek” genau 0 Treffer. Weder bei der Planung von Einrichtungen aus dem tertiären Bildungsbereich, noch bei der Beantwortung der Frage, welche Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen angesiedelt werden sollen, noch bei der Frage nach den geplanten öffentlichen Einrichtungen werden Büchereien oder Bibliotheken erwähnt.

Schade.

1, 2 oder 3 – die Masterarbeit kündigt sich an

In eineinhalb Monaten reise ich für den Beginn meines zweiten Studienjahres nach Berlin. Dort studiere ich an der Humboldt-Universität Bibliotheks- und Informationswissenschaften im Masterstudiengang. (Ich mache also quasi den Master of Library and Information Science (MaLIS) bei Humboldt. Ja, diesen Witz erzähle ich, seit ich dort aufgenommen wurde.) Über den Winter ist das Schreiben meiner Masterarbeit angesagt. Aber welches Thema soll ich wählen? Warnung: Zynismus, Sarkasmus, Polemik.

Thema Nummer 1 (und mein liebstes): Wie wird Geschichte auf Twitter transportiert und wie können Informationseinrichtungen (Bibliotheken, Archive, Museen & mehr) sich daran beteiligen, d.h. Menschen für das Thema begeistern, auf ihre Bestände & Services aufmerksam machen, für sich Werbung machen, in Kontakt mit ihrer Gemeinschaft treten, etc. Ist aber nicht “Bibliotheks- und Informationswissenschaft” wurde mir gesagt, obwohl ich eigentlich immer noch nicht genau weiß (und sich auch niemand darauf einigen kann), was diese Wissenschaft eigentlich beinhaltet.

Um diese Arbeit (und mich) “vermarktbarer” zu machen, soll ich noch was mit Data Mining dazutun. Fragt sich nur, welche Daten da aus dem Bergwerk geschlagen werden sollen.Twitter kann in kurzer Zeit sehr große Datenmengen verursachen, die aber um wirklich aussagekräftig zu sein, qualitativ ausgewertet werden müssen. Siehe z.B. 2 Wochen #aufschrei – 58.007 “unique” (also einzigartige, nicht retweetete) Tweets, die aber genauso eine Kritik oder Verächtlichmachung als auch ein wichtiger Beitrag sein können, weil sie (noch) nicht händisch ausgewertet wurden.

Also … weiß nicht. Dabei gab es so tolle Sachen auf Twitter, seit ich (ohnehin erst im Dezember 2012) dazukam. D-Day As It Happened – eine vom britischen Channel 4 vorbereitete Aktion, bei der 9 Twitteraccounts – ein Hauptaccount, 7 Zeitzeug*innen und eine Taube tweeteten was ihnen bzw. allgemein zu dem Zeitpunkt am 6. Juni 1944 passierte. Dann gab es die spontane Aktion #InspiringWomen, zu der auch viele historische Frauenfiguren vorgestellt wurden (ich habe zu diesem Thema 300 Tweets getweetet. Nur so, damit ihr da die Datenmengen merkt).

Es gibt einen Twitteraccount, der den 2. Weltkrieg, Tag für Tag tweetet, im Moment die Geschehnisse vom 5.9. 1941. Es gibt etliche Zeitungen, deren Meldungen von vor hundert oder X Jahren getweetet werden, als Beispiel sei hier die New York Times von 1913 genannt. Es gibt Privatpersonen, die “historische” Accounts einrichten, zum Beispiel einen, der das Tagebuch von Samuel Pepys tweetet (klingt spannender als es ist, der ist leider nicht so gut). Und dann gibt es natürlich viele, viele Historiker*innen, die tweeten, an was sie so forschen, was ihnen so unterkommt, etc. … und das sind nur ein paar der Möglichkeiten.

Und was können da Bibliotheken, Archive, Museen tun? Z.B. Archivmaterial tweeten, wenn sie Archive von Autor*innen haben. Oder aus einem Tagebuch oder aus Briefen aus ihrer Sammlung. Oder aus den Lokalnachrichten von vor 100 Jahren. Oder eine großangelegte Aktion, bei der sich mehrere Institutionen absprechen. Oder sich bei anderen Aktionen einklinken.

Aber das ist ja wahrscheinlich Medienwissenschaft oder Kommunikationswissenschaft oder Marketing. Ja. ist es wohl alles. Und die haben ja nichts mit Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu tun, nein, nein, niemals. Wo kämen wir da hin.

Hmpf.

Thema 2: Mikroservices (hab ich jetzt mal so erfunden). Was soll das sein? Das sind die ganzen Dinge, die auffallen, wenn sie fehlen, kaputt sind, schlecht gemacht sind oder so Sachen, bei denen sich die Nutzer*innen denken “Hm, das wäre eigentlich cool, wenn es das gäbe.” Also z.B. ein gut gemachtes Leitsystem. Beschreibungen im Lift, was auf welcher Etage ist. Etagenpläne. Anleitungen für gewisse Dinge. Drauf zu achten, dass z.B. knallende Türen möglichst schnell wieder in Ordnung gebracht werden. Gut riechende Seife auf der Toilette. Wenn die Schließfächer mit Schlössern gesichert werden müssen (eine absolute Unsitte in manchen deutschen Bibliotheken), darauf achten, dass sich ortsfremde oder vergessliche Menschen Schlösser ausleihen können (Grimm-Zentrum Berlin, damit meine ich *dich*!).

Meine Güte, sagt ihr jetzt, das ist ja Kleinkram, was für … Itüpfelreiter*innen, Korinthenkacker*innen, Zwängler*innen und schon gar nicht wissenschaftlich! Äh ja. Setzt euch mal in einen Lesesaal, in dem ihr ruhig und konzentriert arbeiten wollt und alle 10 Minuten knallt die Tür mit einem Donnerschlag ins Schloss. Oder findet mal das Klo, wenn’s kein Leitsystem gibt. Findet den richtigen Stock, wenn’s im Lift keine Angaben gibt. Und sicher haben alle Menschen Geld, das sie mal kurz in ein Schloss investieren können – Essen? Was soll das sein, Essen? Braucht’s nicht. Bis sich da mal wer beschwert, bis die Beschwerde angenommen wird, bis der Zustand gemildert wird … naja, so lange es keine Konkurrenzangebote gibt, werden die Menschen die Bibliothek wohl weiter benutzen. Aber vielleicht nicht so gern. (Das ist doch aber so was von egal ob Menschen *gerne* in einer Bibliothek sind!)

Ist dieses Thema vermarktbar? Hahahaha, nein. Wahrscheinlich nicht.

Thema 3 wäre der Aufbau eines Repositoriums in einer öffentlichen Bibliothek, das für die Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der lokalen Gemeinde da ist. Zusätzlich könnte es mit digitalisierten bzw. digitalen bereits gemeinfreien Werken von Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der Gemeinde angereichert werden. Die gemeinfreien Werke sollten am Besten über die Nationalbibliothek bezogen werden (HAHAHAHAHA, ach ich lach mich schief) und die lokalen Werke sollten auch international zugänglich sein. Diese Entwicklung, also zumindest die Entwicklung von Bibliotheken zu “Community Publishing Portals”, zeichnet sich in den USA schon ab.

Ich finde diese Entwicklung äußerst spannend, aber sie bedeutet für Bibliotheken die Investition von Zeit & Geld – um Wissen zu erwerben, um diese Repositorien aufzubauen, um sie zu bestücken, zu bewerben und zu betreuen. Vermarktbar? Als Idee ja, aber ich erwarte nicht, dass sie in den nächsten Jahren (Sparen! Sparen!) in die Praxis umgesetzt wird, obwohl damit z.B. Ebookcontent unbegrenzt verfügbar wäre.

Was fällt mir sonst noch ein? Feministische Perspektive auf Aspekte von Bibliotheken – nicht vermarktbar. Vergleich im Umgang mit Beschwerden zwischen USA und Deutschland/Österreich – wohl nicht vermarktbar. Erwerbungspolitik für Comics in Bibliotheken – ahahahahahaha, nicht vermarktbar. Einrichtung von Makerspaces, Videospielecken, Strickgruppenecken und andere Bereiche, die bibliotheksfremde Handlungen in die Bibliothek bringen – ach, vielleicht sogar vermarktbar. Nutzergruppenstudien in einer kleinen Bibliothek? Wohl nicht vermarktbar. Vielleicht könnte ich ja die Begriffe für Menschen, die in die Bibliothek kommen diskutieren – Kund*innen? Nutzer*innen? Leser*innen? Oder ich könnte über Bibliotheksethik … ach, wohl genauso wenig vermarktbar wie meine Geschichte auf Twitter.

Für mich klingt das nicht nach Wissenschaft, eine Masterarbeit an ihrer Vermarktbarkeit zu messen. Aber wie gesagt, was jetzt Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist, dazu gibt es viele Meinungen. Wir werden sehen …