Schmale Ausbeute – Neue Kinder- und Jugendliteratur im Frühjahr 2014

Vor kurzem war ich auf einer Präsentation in der Zentrale der Büchereien Wien am Urban Loritz-Platz. Drei Frauen* von der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur (stube) stellten eine Auswahl von im Frühling 2014 neu erschienen Kinder- und Jugendbüchern vor. Leider hat sich die Kinder- und Jugendliteratur nicht plötzlich ganz von alleine und über Nacht nach meinen Vorstellungen verändert (warum bloß nicht?), also ist es wieder einmal eine Status quo-Analyse, was ich sehr schade finde.

Voraus schicke ich die Feststellung, dass ich heikel bin, was Bücher angeht und als Kind und Jugendliche viele Bücher und Comics las, die nicht meinem jeweiligen Alter entsprachen. Außerdem hatte ich immer einen ausgefallenen Geschmack. Deshalb fällt es mir auch schwer einzuschätzen, was für welches Alter “angebracht” ist bzw. was Kindern im Allgemeinen gefallen könnte. Ich schreibe also ganz aus meiner subjektiven Perspektive (wie immer) und habe auch nicht jedes einzelne Buch gut durchgeschaut, sondern von den meisten nur die präsentierten Seiten bzw. Inhalte gesehen/gehört. Zusätzlich kommen mir viele Stories bekannt vor – aber ich bin ja auch keine Erstleserin mehr. Falls ihr also ein Buch interessant findet, dann lest und überprüft selbst (Rückmeldungen gerne in den Kommentaren).

Es wurden 52 Bücher vorgestellt, von denen ich eines bereits besitze. Von den übrigen 51 wollte ich nur 2 unbedingt haben, immerhin 10 erst mal lesen und mich dann entscheiden und 2 würde ich nicht ablehnen, wenn sie mir geschenkt würden. Das ist ein wirklich trauriges Ergebnis, finde ich. Aber kein Wunder. Von den 52 Büchern hatten 22 Protagonisten*, 20 Protagonistinnen*, 4 keine Protagonist_innen, 5 hatten je einen Protagonisten und eine Protagonistin, die zumindest oberflächlich gleichermaßen zu Wort kamen – und ein Buch hatte eine Hauptfigur ohne Geschlecht, Körper und Namen. Die menschlichen Protagonist_innen sind überwiegend weiß und able-bodied, besonders in den Bilderbüchern.

Die Bücher selbst waren teilweise nach Themen gegliedert, Schwerpunkte waren: “Wolf”, Religion, Umgehen mit Tod und Trauer. Fantasy, “Future Fiction” und Dystopien sind weiterhin populär, Sachbücher wurden eingestreut und es gab einen Schwerpunkt zu “Gender”. Leider war die Auswahl dafür, dass die Vorstellenden das Wort “Heteronormativität” kannten und benutzten, ungeheuer heteronormativ. Ich nehme an, dass das auch sehr stark am Angebot liegt (und an noch ein paar anderen Faktoren, z.B. der Sammlungs_politik von öffentlichen Bibliotheken).

Dafür, dass 1914 bei den Sachbüchern und der Belletristik für Erwachsene so ein Thema ist, gibt es im Bereich Jugendliteratur nur sehr wenig – und das wenige sei langweilig, sagten die Vorstellenden. Zum Jahr 1934 (in Österreich ein wichtiges Jahr) gibt es dieses Jahr leider überhaupt keine Kinder- und Jugendliteratur.

Aber zur Liste:

Christine Knödler (Hrsg.), Warum ist Rosa kein Wind? Ill. v. Stefanie Harjes, Ravensburger 2014 – “Ein Literaturbuch für Mädchen”, sagt der Verlag. *seeeeeeeufz* Die Zeichnungen sind nicht mein Stil und dicke Frauen*/Mädchen* sah ich keine. Lesen wohl keine Gedichte. *seufz* Das eine Gedicht, das ich sah, gefiel mir gut, ich hab’s aber auch mit Lyrik, mehr kann ich zur Auswahl nicht sagen. Warum keine Literaturanthologie für Jugendliche ohne Festlegung auf ein Geschlecht? Bzw. – feministische Anthologien, wie ich sie in meiner Teeniezeit las … gibt’s die noch?

Marie Dorléans, Der Gast. Aus dem Französischen von Anna Taube, mixtvision 2014 – mit Buchtrailer auf youtube – Meh. Ein Mann geht spazieren und wird das rote Pferd, das er trifft, nicht mehr los. Etwas beklemmend, ultimativ aber relativ simpel und eine alte Geschichte. Ich empfehle stattdessen Das Biest des Monsieur Racine von Tomi Ungerer, das ist lustig, hierarchieentlarvend und wunderbar gezeichnet.

Jürg Schubiger/Wolf Erlbruch, Schon wieder was! Peter Hammer 2014 – Das Cover allein finde ich schon … bezeichnend. (Wer sieht noch einen Mann mit Gänsephallus?) Sehr viele Männergesichter in diesem Buch, irgendwas mit Gedichten und Wortspielereien und ein bisschen aus der Biologie und so … Gegenstück zum ersten Buch? Meh.

Ramadier & Bourgeau, Da kommt der Wolf! Aus dem Französischen von Markus Weber, Moritz 2014 – Whoa. Dieses Buch basiert auf einer Idee, die vom Prinzip her ganz spannend ist: Ein Wolf kommt immer näher und die*der Leser*in wird angewiesen, das Buch zu drehen und zu schütteln – um ihn von einer Klippe fallen zu lassen, also aktiv zu töten. Das finde ich nicht lustig, sondern beklemmend und sadistisch. Jaja, Kinder sollen nicht in Watte gewickelt werden und so weiter (da gibt’s aber bessere Bücher dafür), aber mir behagt das nicht. Ich finde, dieselbe Idee hätte auch viel positiver interpretiert werden können (retten statt töten). Sowas ist für Zweijährige gedacht. Grrrrrr.

Marissa Meyer, Wie Monde so silbern. (Band 1 der Luna-Chroniken-Serie); Wie Blut so rot (Band 2). Aus dem Englischen von Astrid Becker, Carlsen 2014 – He-te-ro-nor-ma-ti-vi-tät ftw! Ok, also im ersten Band ist die Protagonistin Mechanikerin und Cyborg … und Aschenputtel und der Prinz braucht ihre Hilfe und irgendwie ist da noch eine Backstory mit der Mondprinzessin Selene, die angeblich mit 3 Jahren gestorben ist und so – ehrlich gesagt habe ich sicher ca. 100 Filme/Anime/Comics/Bücher gesehen/gelesen, die *genau so* gehen, also bin ich nicht sonderlich interessiert. Kann sein, dass das eine großartige Serie ist, das dürft ihr selbst ergooglen/lesen. Jedenfalls: Grimm’sche Märchen, Prinzessin, Prinz, Dings, bisschen Future Fiction und *schulterzuck*. Weckt mich, wenn ihr fertig seid und erzählt mir, wie es so ist.

Kathryn Lasky, Der Clan der Wölfe. Donnerherz. Band 1. Aus dem Amerikanischen von Ilse Rothfuss, Ravensburger 2014. – Es geht um einen Wolf, der “mit einer leicht verdrehten Pranke geboren” (Zit. Verlagswebsite) wird und deshalb von seinem Wolfsclan ausgesetzt wird. Dann zieht ihn eine Bärin auf und weil er so großartig ist oder was immer, schafft er es doch, sich in der Wolfsclanhierarchie nach oben zu kämpfen, weil er Chronist oder was immer wird und bla bla bla bla bla bla bla. Bla. Ein Jugendbuch, dass den real vorhandenen Ableism in der Gesellschaft aufzeigt, kann’s ja nicht geben. Next?

William Shakespeare: Hamlet. Neu erzählt von Jan Hollm, Ill. von Andrej Dugin, Esslinger 2014 – Eindeutig viel zu wenig Hamletinterpretationen auf der Welt. Shakespeare hat ja keine anderen Stücke geschrieben. Na, vielleicht noch dieses Romeo & Julia-Dings. Sonst nix. Nervt. Die sehr gelobten Bilder sind mir nicht genug, drinnen sind die wichtigsten Zitate und eine kurze Nacherzählung… ich find’s verzichtbar. Warum ausgerechnet dieses Stück? Ich frage mich, was die Botschaft sein soll, die einem Kind mit Hamlet vermittelt wird. In einer Twitterdiskussion wurde darin kein Sinn gesehen und da stimme ich voll und ganz zu. Geht es nur um die Erhaltung des Literaturkanons? Dann doch eher etwas später mit der Graphic Novel-Version von Neil Babra ansetzen.

Anne-Laure Bondoux: Der Mörder weinte. Aus dem Französischen von Maja von Vogel, Carlsen 2014 – Mann kommt an die Südspitze Chiles, tötet dort die Eltern eines Buben und zieht diesen auf. Es kommt ein weiterer Mann vorbei – und da hätte es vielleicht interessant werden können, aber ich sage mal voraus, dass darin keine homosexuelle Liebesgeschichte enthalten ist. Kann nicht sagen, dass mich das Buch interessiert (klingt ehrlich gesagt auch nach ein paar Filmen/Anime/Comics, die ich kenne).

Jan de Kinder: Tomatenrot oder Mobben macht traurig. aus dem Niederländischen von Monika Götze, Atlantis 2014 – Ein wichtiges, mir am Herzen liegendes Thema, auf lesefieber.ch findet ihr eine gute Rezension. Ich hoffe, dass es präventiv hilft – z.B. wenn das Buch gemeinsam in Kindergarten, in der Bibliothek oder zuhause gelesen wird und so Mobbing thematisiert und hoffentlich abgewendet wird. Ich fand einfach die Illustrationen jetzt nicht so besonders, dass ich das Buch unbedingt haben will, aber das ist Geschmackssache.

Fanny Britt/Isabelle Arsenault: Jane, der Fuchs & ich. Aus dem Französischen von Ina Pfitzner, Reprodukt 2014 – Ach, dieser Graphic Novel klang so nett und sah so nett aus. Ich möchte den Comic auch gerne nochmal genau lesen, aber beim Blättern … nun ja. Hélène wird gemobbt, weil sie angeblich zu dick ist. Ist sie aber nicht und durch den ganzen Comic hindurch wird betont, dass *sie* nicht dick ist und Jane Eyre – mit der sie sich stark identifiziert – auch nicht dick ist, dafür nicht besonders schön – aber sie findet trotzdem einen Mann (ist ja auch der wichtigste Aspekt an dem Buch, nicht, dass Jane sich eben *nicht* bedingungslos einen Mann wünscht, ganz klar jaja. GRAH!) und am Schluss finden sich die Außenseiterinnen*, die alle nicht dick sind (ganz wichtig, dass hier kein Kind dick ist) zusammen und werden cool und so. Hauptsache NICHT DICK! Ich würde diesen Comic so gerne sympathisch und alles finden, aber dieses unreflektierte fatshaming halte ich nicht aus.

Rudyard Kipling/ Ulrike Möltgen, Die Entstehung der Gürteltiere. Aus dem Englischen von Irmela Brender, Peter Hammer 2014 – Eine Geschichte aus Kiplings “Geschichten für den allerliebsten Liebling”. Kipling ist, gesamt gesehen, problematisch (Rassismus, Kolonialismus). Aber die Geschichten sind herzig und die Illustrationen sind recht lustig (wenn jetzt auch nicht out of this world). Ich persönlich mag sie und einige Gedichte Kiplings auch – ich überlasse das euch.

Renate Habinger/Verena Ballhaus: Kritzl & Klecks. Nilpferd in Residenz 2014 – Ein Sachbuch, das anhand einer sehr konventionellen Geschichte (Herr Kritzl lädt Frau Klecks zum Frühstück ein – ich weiß aber nicht, wie’s weitergeht) alle möglichen Illustrationstechniken erklärt. Das ist spannend – warum das mit einer blau/rot-codierten Mann/Frau-Geschichte erzählt werden muss, nun … *seufz*

Christian Duda/Julia Friese, Schwein sein. Beltz & Gelberg 2014 – Coco wünscht sich ein Schwein und kriegt eines – Lotte. Aber als Lotte zu groß wird, kommt sie auf den Bauernhof, wo sie sich fremd fühlt, da sie als Haustier aufgewachsen ist. Sie reißt aus und trifft eine alte Dame, mit der sie glücklich lebt – das letzte Bild zeigt jedoch ein Brett mit aufgeschnittener Wurst. Hm. Den Aspekt “Haustiere nicht unbedacht anschaffen” finde ich interessant, das Ende traurig. Drei weibliche Hauptfiguren sind natürlich toll, die Illustrationen aber eher konventionell. Ich bin da eher Fan von Steven Kelloggs Malwine in der Badewanne, wo die Verantwortung für das Haustier und seine Lebensbedingungen bis zum Buchende übernommen und mit viel besseren (und witzigeren) Illustrationen dargestellt wird.

Ulrich Hub: Füchse lügen nicht. Illustrationen von Heike Drewelow, Carlsen 2014 – Panda, Affe, Gans, Tiger und zwei Schafe sitzen am Flughafen fest, weil keine Flugzeuge gehen. Da kommt der Fuchs und mischt die Gruppe auf, Chaos folgt. Basierend auf einem Theaterstück von Ulrich Hub ist das – laut Vorstellenden – ein Kammerspiel. Ich frage mich, ob alle Tiere so mir nichts, dir nichts durch die Sicherheits- und Passkontrolle kommen (racial profiling wurde wohl ausgeblendet) und warum das einzige (aufgrund des Artikel gegenderte) weibliche Tier unbedingt eine Gans sein musste … irgendwie ahne ich Böses. Aber ich hab’s nicht gelesen, also vielleicht … vielleiiiiiicht … *nimmt mal das Beste an*.

Sabine Lipan/Manuela Olten: Mama, da steht ein Bär vor der Tür! Tulipan 2014 – Ein Dialog zwischen Mutter und Sohn, wie denn der Bär, der vor der Tür steht, dorthin gekommen ist und was er will und wie er dann wieder in den Wald zurückkommt. Auch hier bin ich von den Illustrationen einfach nicht so begeistert (wirklich schade). Der Dialog ist ganz nett – sicher gut zum rollenverteilt vorlesen (wären da nicht die fixen Rolleneinteilungen). Für ergebnisoffenes Erzählen und Fabulieren empfehle ich Was ist dir lieber? von John Burningham. (Jaja, Kind der 80er, das könnt ihr aus meinen Empfehlungen ganz eindeutig herauslesen.)

Oliver Scherz, Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika. Ill. von Barbara Scholz, Thienemann 2014Youtube-Trailer “Afrika ist das schönste Land, das ich nicht kenne”, sagt der aus dem Zoo ausgebrochene Elefant Abu – Fail. Ganz viel Fail. Afrika ist kein Land. Es wird nur schlimmer. Kauft das nicht.

Neil Gaiman, Die verrückte Ballonfahrt mit Professor Stegos Total-locker-in-der-Zeit-Herumreisemaschine, Ill. von Chris Riddell, aus dem Englischen von Ursula Höfker, Arena 2014 – Vater holt Milch, kommt erst nach Stunden wieder und hat irrwitzige Geschichten zu erzählen, in denen alle populären Geschichtsversatzstücke (Dinosaurier, Vampire, Piratenköniginnen, Zeitreisen, Aliens, etc.) hervorgezogen und auf Monierung der Tochter (muss so) auch Ponies eingebunden werden. Neil Gaiman gibt mir wenig bis nichts und klaro kann es nicht die Mutter sein, die diese Abenteuer erlebt, natürlich, natürlich, wo kämen wir nur hin. Same old, same old.

Rusalka Reh, Sommer auf Balkonien. Ill. von Anne Ibelings, Jungbrunnen 2014 – Zwei Geschwister, ein Mädchen und ein Bub (der Erzähler) bekommen für die Ferien den Balkon überantwortet. Das würde ich gerne genauer lesen, denn es klingt ganz witzig und das Cover stimmt mich irgendwie nostalgisch. Mit den zuhause freiberuflich arbeitenden Eltern passt es wohl genau ins Zielpublikum (ist ja auch einmal eine Abwechslung) – aber so richtig werden wohl keine Stereotype aufgebrochen.

Lemony Snicket/Jon Klassen, Dunkel. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer, NordSüd 2014 – Trailer & Leseprobe auf der Verlagsseite. Diese Geschichte ist eigentlich recht charmant. Leo besucht jeden Tag das Dunkel im Keller, damit es nicht in sein Zimmer kommt und hält es abends mit einer Glühbirne fern – die aber eines Nachts kaputtgeht. Da beginnt das Dunkel mit ihm zu sprechen. Aus persönlichen Gründen hege ich große Sympathien für den Namen Leo und ich würde das Buch aus diesem Grund für verwandte Kinder vielleicht sogar anschaffen, aber so richtig reißt es mich nicht vom Hocker. Wenn ihr noch keine “Keine Angst im Dunkeln”-Geschichten zuhause habt, ist das sicher ein nettes Buch – aber der Protagonist ist halt weiß und männlich (it’s the law).

Helen Docherty, Der Bücherschnapp. Ill. von Thomas Docherty, aus dem Englischen von Dorothee Haentjes-Holländer, Ellermann 2014 – In Gedichtform wird die Geschichte des Bücherschnapps erzählt, ein Wesen, das im Hasental nach und nach sämtliche Bücher klaut, weil ihm niemand vorliest. Häsin Elisa lauert dem Bücherschnapp auf und besteht darauf, dass sie alle zurückgegeben werden – dafür darf das Tierchen bei der abendlichen Vorleserunde mithören. Die Zeichnungen sind arg niedlich und wenig innovativ und das Hasental, in dem so heftig vorgelesen wird arg nostalgisch, das Buch ist aber ganz nett, nur würd ich’s nicht kaufen (sondern auf Wunsch von etwaigen Kindern aus der Bibliothek ausleihen).

Mary Logue, Schlaf wie ein Tiger. Ill. von Pamela Zagarenski, aus dem Englischen von Gundula Müller-Wallraf, Knesebeck 2014 – Das erste Buch, das ich wirklich haben will. Ein kleines Mädchen* fühlt sich noch nicht nach Schlafengehen und die Eltern zwingen es auch nicht dazu, sondern bitten sie, halt einmal den Pyjama anzuziehen, die Zähne zu putzen, um vorbereitet zu sein, wenn sie dann Lust aufs Schlafen hat – und dann genießt sie die Freuden des Im-Bett-Seins – frische Bettwäsche zum Beispiel. Dann befragt das Mädchen* ihre Eltern nach den Schlafgewohnheiten von Tieren – Hund, Katze, Fledermäuse, Wale, Bären und Tiger. Das Mädchen versetzt sich dann in die Schlafgewohnheiten der Tiere und schläft schließlich wie eine Tigerin, damit sie stark wird. Die Illustrationen sind wunderschön – einzig, es sind halt wieder Vater und Mutter und weiß sind sie auch. Aber wegen Walen und Tiger und großartigem Pyjama muss ich das Buch haben.

Griffin Ondaatje/Linda Wolfsgruber, Die Tränen des Kamels. Aus dem Kanadischen von Uwe-Michael Gutzschhan. arsEdition 2014 – Dieses Bilderbuch basiert auf einem Hadith und erzählt die Geschichte eines Kamels, das von seinem Besitzer schlecht behandelt wird und deshalb sehr traurig und einsam ist. Erst als es den Propheten Mohammed trifft, der die Tränen des Kamels in die Träume des Besitzers einfließen lässt, worauf dieser Empathie mit dem Kamel entwickelt und es ab da gut behandelt, wendet sich alles zum Guten.  Da der Prophet Mohammed nicht dargestellt werden darf, wird bei den Illustrationen derselbe Kniff wie in dem Film Mohammed – Der Gesandte Gottes verwendet – Szenen mit dem Propheten werden aus seiner Perspektive dargestellt. Wieder finde ich die Illustrationen nicht besonders überragend (wirklich schade).

Annemarie Fenzl/Lene Mayer-Skumanz/Annett Stolarski, Ein Haus voller Zeichen & Wunder. Der Wiener Stephansdom. Tyrolia 2014 – In diesem Buch wird der Stephansdom porträtiert – seine Symbolik, seine Geschichte, seine Sagen. Eine der Autorinnen veranstaltet regelmäßig und schon seit langem die Kinderführungen im Stephansdom und lässt hier ihre Erfahrungen und Kenntnisse einfließen. Prinzipiell finde ich es gut und wichtig, Kindern die Geschichte(n) und Symboliken der Bauwerke in ihrer Umgebung zu erklären. Was ich schade finde, ist dass das hier nicht neutral geschieht, sondern dass es eine deutliche christliche Prägung in der Erzählung gibt und auch noch Gebete hinzukommen, als würden nur christliche Kinder in Wien leben. Aber das Buch kommt eigentlich aus dem ehemaligen Domverlag, der von Tyrolia übernommen wurde. *seufz*

Petra Bahr, Das Krokodil unterm Kirchturm. edition chrismon 2014 – Aus dem evangelischen chrismon-Verlag stammt dieses Buch, das 26 Dinge aus der Kirche von A bis Z erklärt. Sicher ganz hilfreich für Familien, die in die Kirche gehen (Google und selber erklären täten’s eventuell auch) und angeblich funktioniert das Buch auch für katholische Familien. Hauptfigur ist ein Mädchen, das die Fragen stellt und von ihrem roten Krokodil begleitet wird – das ist jedenfalls eine erfrischende Abwechslung.

Frank Schwieger, Das Alte Griechenland. Zu Gast bei Zeus, Sokrates & Co. Ill. von Jörg Mühle. Lesen Staunen Wissen, Gerstenberg 2014 – Die griechischen Göttinnen und Frauen sind wohl “& Co”. Blah. Scheinbar war das “alte Griechenland” zu 99% von Männern bevölkert. Ich lehne das Buch schon vom Titel her ab (nach Durchsicht der Leseprobe finde ich es auch nicht besser) und was mir daran absolut nicht gefällt ist das Einbinden von Bildern aus modernen Filmen, hallo, die griechische Antike hat *genug* Darstellungen von Achilles hervorgebracht, es braucht keinen Extra-Hinweis, dass er nicht wie Brad Pitt ausgesehen hat. Aber das ist doch Humor, yay! Nein. Nein, ist es nicht. Lasst das. Finde ich gänzlich verzichtbar.

Francis Hallé/Luc Jacquet, Das Geheimnis der Bäume. Nach dem Film von Luc Jaquet aus dem Französischen von Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart 2013 – Bilder und Fakten aus dem Dokumentarfilm von Jacquet, der auch der Regisseur von Die Reise der Pinguine ist. Je nachdem ist das für euch ein Qualitätsmerkmal oder nicht, ich bin nach dem Lesen des Wikipediaeintrags etwas skeptisch, aber diesmal geht’s ja um Bäume. Ja, ok. Gibt sicher auch viele andere Bücher darüber, wie das mit dem Chlorophyll funktioniert, aber vielleicht gibt’s ja noch irgendetwas ganz Neues (was eine Würgefeige ist, wusste ich schon).

Ab jetzt vor allem Literatur für Jugendliche, dazwischen und am Schluss noch ein paar Kinderbücher

Herbert Günther, Die Zeit der großen Worte. Gerstenberg 2014 – Eins der Bücher zum 1. Weltkrieg, männliche Hauptfiguren, Heteronormativität (wie anders?). Eine deutsche Familie, zwei Brüder, Vater und älterer Bruder melden sich freiwillig, Traumabewältigung nach dem Krieg folgt. Ich wäre auf die Sprache gespannt, aber unbedingt Lesen mag ich das Buch nicht.

John Boyne, So fern wie nah. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Martina Tichy, Fischer KJB 2014 – Als das Gegenstück zum vorigen Buch präsentiert, geht es hier um Alfie, der in London lebt und dessen Vater sich freiwillig meldet. Auch hier geht es die Bewältigung des Traumas nach dem Krieg. John Boyne ist der Autor von “Der Junge im gestreiften Pyjama” (seine Bücher scheinen in den deutschen Übersetzungen seither gerne “Der Junge blablabla” zu tragen).Leider gab es keine Buchempfehlungen mit Geschichten von jungen Frauen oder Mädchen, die den 1. Weltkrieg erlebten.

Andrew Fukuda, Die Jäger des Lichts. Band 2, aus dem Englischen von Kristian Lutze, Ravensburger 2014 – Zeit für Dystopien. Genmutationen, Kannibalen mit Vampirzügen, Flucht, Verstellung, anscheinend ein großer Reisser mit männlicher Hauptfigur. Im ersten Band (Die Jäger der Nacht) ging es um die Flucht auf einem Floß, jetzt ist die Gruppe angekommen in einem seltsamen Paradiesdorf in den Bergen, das vor allem von jungen Frauen bevölkert wird … eigentlich ist es eine “Fleischfarm” für den Herrscher der Welt … äh ja. Na wenn’s Spaß macht.

Stefan Casta, Am Anfang war das Ende. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer, Fischer Sauerländer 2014 – Sintflut, Apokalypse, eine Schule (für “spezielle Kinder”, wie sich irgendwie herausstellt, aber was das genau heißt, keine Ahnung), vier Jugendliche, die auf einem Floß treiben … und dann? Scheint sich alles in Verwirrung aufzulösen, wie es bei der Vorstellung und in dieser Rezension beschrieben ist. Erzählt wird es von einem alten Mann, der Fokus scheint aber auf Judit zu liegen. Von allen Büchern der Welt, warum genau dieses lesen? Ich könnte es nicht sagen. Ich will’s nicht.

Patrick Ness, Mehr als das. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell, cbt 2014 – Der Protagonist stirbt, erwacht aber lebendig in einer anderen Welt und plötzlich sind da andere und anscheinend erscheinen Dinge durch bloßes Erwähnen oder daran denken … äh ja.

Margo Lanagan, Seeherzen. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt, Rowohlt 2014 – Hier wird das Motiv der Selkies verbraten, Robben, die sich in Frauen verwandeln und wieder zurück, solange sie ihren Pelz haben. Aber die Geschichte ist fürchterlich: Die Protagonistin, Außenseiterin auf einer Insel, lockt die Selkies mit Zauberkräften ans Land und kontrolliert sie, um durch ihre Schönheit die Fischer der Insel zu kontrollieren und Rache zu nehmen. Ohne ihre Pelze sind die Selkiefrauen gefangen, erst als sie Kinder bekommen (vor allem Söhne?), werden sie von diesen befreit – da kommt mir die Galle hoch. Nicht, weil Frauen* bzw. Mädchen* nicht als “böse” dargestellt werden sollen, sondern weil die Hauptfigur anderen Frauen* Fürchterliches antut, was oft genug im “echten Leben” geschieht – aber wohl ohne kritische Reflektion . Ich wäre gespannt, wie schlimm das Buch wirklich ist, aber zum Lesen gäbe ich es keinem Kind, keinem einzigen.

Hier begann der “Gender”-Abschnitt, gleich mal mit Zuschreibungen von Büchern als “für Mädchen” und “für Jungen”. *seufz*

Nina Blazon, Der dunkle Kuss der Sterne. cbt 2014 – Mädchen aus der Oberstadt (wohnt im Turm) trift “Wüstenwüstling”, als sie durch irgendwelche Umstände (auf der Verlagswebsite stehen die) aus ihrem Turm fällt – Orientalismus, Heteronormativität … muss denn das wirklich sein? (Außerdem erinnert mich dieses “sie hat ihren Glanz verloren” an Howl’s Moving Castle. Sehr originell.)

Eoin Colferm Warp. Der Quantenzauberer. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann, Loewe 2014 – Während das vorhergehende Buch als eines “für Mädchen” beschrieben wurde, sei dieses eines “für Burschen”, weil es so fetzig sei. Dabei ist die Hauptfigur hier “FBI-Junior-Agentin Chevie Savano”. Aber auch sie trifft einen Jungen, der in einer Zeitkapsel aus dem viktorianischen England … erstes Buch einer Serie.

David Levithan, Letztendlich sind wir dem Universum egal. Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy, Fischer FJB 2014 – Hier sind wir endlich bei dem Buch, dessen Protagonist_in kein Geschlecht, keinen Körper und keinen Namen außer “A” hat. A wacht jeden Morgen im Köper eines anderen Menschen auf, jeden Tag ist xier (Xier? Ein genderneutrales Possessivpronomen, erklärt von Anna Heger) eine andere Person. Als sich A in Rhiannon verliebt, versucht xier ihr* nahezukommen und ihr* zu verdeutlichen, dass xier immer dieselbe Person ist, halt nur gerade in einem anderen Körper steckt. Zudem – das erste Buch auf der Liste, in dem es vorkommt! – hat A Zugang zum Internet und kann so xiese Identität  bewahren. Leider wird A auf der Verlagsseite als “er” bezeichnet und auch beim Lesen wird durch xiese Liebe zu Rhiannon anscheinend der Eindruck erweckt, dass A doch eine männliche Existenz sein muss. Auch auf der Website des Autors wird A mit “he” bezeichnet – wahrscheinlich ist also die Freude über das Buch verfrüht. Aber lesen würde ich es gerne, vielleicht gibt’s ja Hoffnung.

Atelier Flora, Das Buch der Verwandlungen. Beltz & Gelberg 2014 – Ein Buch über Verwandlungen, tatsächliche (Raupe zu Schmetterling) und literarische (Stroh zu Gold) und so weiter. Im “Gender”-Abschnitt steht es wohl, weil sich darin eine Frau* in einen Mann* und ein Mann* in eine Frau* “verwandeln”, d.h. durch Abrasieren der Haare bzw. Auftragen von Schminke und Tragen einer Perücke als männlich* bzw. weiblich* lesbar werden. Leider muss das schon fast als revolutionär gelten. Ansonsten – wohl zum Nachdenken über “Verwandlung” bzw. Anleitungen für Verkleidungen?

Frida Nilsson, Hedvig! Die Prinzessin von Hardemo. Ill. von Anke Kuhl, aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger, Gerstenberg 2014 – Anscheinend eine beliebte Serie. Hedvig geht in einem idyllischen Fantasieschweden mit Telefon aber ohne jegliches Internet und so in die 3. Klasse. Ein neues Kind kommt in die Schule (die im Titel genannte Prinzessin) und wird von Hedvig so schön gefunden, dass es auf ihrem Schoß sitzen soll. Aber das zuerst als ein Mädchen interpretierte Kind hat einen Bubennamen, die Neckereien gehen los und Hedvig ist böse auf Olle und schwört Rache. Ein Liebespaar werden sie nicht, aber irgendwie schon? Ach seufz. Lesen würde ich es, um herauszufinden, was jetzt genau passiert (also ob Olle für sein Aussehen geneckt wird oder nur Hedvig wegen Heteronormativität), aber ernsthaft … wird das irgendwann mal besser?

Rose Lagercrantz, Das Geburtstagskind. Ill. von Susanne Göhlich, aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch, Moritz 2014 – Ninni wird in einer Woche sieben. Und sie will Ebba heiraten oder zumindest ihre Freundin werden. Aber ist es nur wegen dem Eisbärenfell? Trubel, Dings und der 7. Geburtstag. Auch hier ist es wohl schon als revolutionär, dass Ninni Ebba heiraten will und nicht Emil und ich sehe schon das Argument kommen mit “Ja, aber *muss* das so betont werden für Siebenjährige” und ich sage … ja. Von daher hätte ich lieber eine deutsche Übersetzung von “La princesse qui n’aimait pas les princes” (Die Prinzessin, die keine Prinzen mochte). Hier ist die Beschreibung auf der Website des französischen Verlags und hier könnt ihr ein paar Blicke ins Buch werfen. Danke an @taubenartigerin für den Hinweis.

Tamara Bach, Marienbilder. Carlsen 2014 – Ein Buch über drei Frauen und unendliche Möglichkeiten. Was wäre wenn? Das wird hier immer wieder überlegt, mit Rückblenden zur Großmutter des Vaters, zur Mutter, zu Mareike selbst. Ungewohnt offen werden Abtreibung, die Situation für Frauen in Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkriegs (in verschiedenen Szenarien) angesprochen – dieses Buch kommt auf meine Leseliste.

Lisa Bjärbo, Alles, was ich sage, ist wahr. Aus dem Schwedischen von Maike Dorries, Beltz & Gelberg 2014 – Alicia will nicht mehr in die Schule, sie arbeitet also in einem Café und zieht zu ihrer Großmutter. Als diese stirbt, muss sie ihre Trauer bewältigen. Natürlich mit Liebesgeschichte, anders geht es nicht (ja, hetero, klaro).

Jennifer Castle, Der Anfang von Danach. Aus dem Englischen von Karen Nölle, Carlsen 2014 – Auch hier ein Leben mit der Großmutter und auch hier Trauer, da Laurel’s Eltern bei einem Autounfall sterben, auch hier die erste große Liebe … (Lieber Alison Bechdels Fun Home.)

Jenny Han/Siobhan Vivian, Auge um Auge. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann, Hanser 2013 – Rache scheint wirklich ein großes Thema zu sein. Hier verbünden sich drei junge Frauen, die dann aber erschrecken, als ihre Rache Konsequenzen hat und darüber ins Nachdenken kommen. Hm.

Kirsten Boie, Schwarze Lügen. Oetinger 2014 – Anstatt Schwarze Autoren* und Autorinnen* selbst zu Wort kommen zu lassen, gibt es halt diesen Jugendkrimi einer weißen (und berühmten) Jugendbuchautorin … gut gemeint ist auch daneben. Auf der Verlagswebsite steht “Ein spannendes Spiel mit kulturellen Voruteilen und genauem Blick für soziale Milieus” – für Schwarze Menschen in Europa ist das kein Spiel. Bah.

Sally Nicholls, Keiner kommt davon. Aus dem Englischen von Beate Schäfer, Hanser 2014 – Dieses Buch kam auch auf meine Leseliste, denn es geht um die große Pest von 1347-1351, mit einer weiblichen Hauptfigur. Yessssss. (Ja, also Isabel lebt in einem Dorf und die Pest kommt näher und dann ist sie da und dann muss sie mit Tod und allem umgehen und mir doch egal was alles genau passiert – PEST! Geschichte! Woohoo! Falls das Buch doch nicht so toll ist, jammere ich nachher drüber.)

Polly Horvath, Wie wir das Universum reparierten. Aus dem Englischen von Katrin Behringer, bloomoon 2014 – Wieder Autounfall und Tod der Eltern, zwei Cousinen kommen zu ihrem seltsamen Onkel auf eine Insel, die von abgestürzten Flugzeugen übersät ist – aber es ist keine “Wir finden eine neue Familie und alle sind happy”-Geschichte, sondern ein vorsichtiges Abtasten und Austarieren, wie denn Zusammenleben geht, laut den Vorstellenden. Wenn grad nichts anderes Lesbares verfügbar ist, vielleicht.

Jenny Jägerfeld, Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer, Hanser 2014 – Dieses Buch klingt literarisch spannend. Maja sägt sich die Daumenspitze ab und in diesem Moment geht ihr einiges durch den Kopf. Was die Leidmedien.de zur Buchbeschreibung sagen würden, oje, oje. Ich hoffe nur, dass im Buch die Mutter nicht auch an Asperger-Syndrom “leidet”, sondern damit lebt. Große Liebe natürlich inklusive, yep, so wie’s per Gesetz vorgeschrieben ist. (§2350723492734: Jedes Jugendbuch mit einer weiblichen Hauptfigur muss zwingend eine Liebesgeschichte mit einer männlichen Figur enthalten, ansonsten wird die_der Autor_in verhaftet und lebenslang eingesperrt.)

So. Zum Abschluss noch ein paar Bilderbücher:

Shaun Tan, Die Regeln des Sommers, Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Aladin 2014 – Hach, Shaun Tan. In diesem Buch geht es um zwei Brüder, deren Sommer von gewissen Regeln bestimmt ist. Was passiert, wenn diese nicht befolgt werden, zeigt sich in den Illustrationen. Witzig, manchmal leicht bedrohlich, mit schönen Bildern – yep, würde ich mir zulegen oder als Geschenk nehmen bzw. geben. Definitive Empfehlung.

Martin Baltscheit/Christine Schwarz: Schon gehört? Beltz & Gelberg 2013 – Bei einem schlafenden Flamingo sammeln sich immer mehr Vögel, die pikiert sind, dass der Flamingo nicht zurückgrüßt und erfinden daher immer größere Lügen und Geschichten über den Flamingo. In den Illustrationen verwandelt er sich passend zu den Lügen immer weiter, bis er schließlich wie ein Monster aussieht, das plötzlich einen (oder alle) Vögel frisst und sich dann wieder in den Flamingo zurückverwandelt. Ist also die Aussage der Geschichte: “Gerüchte können doch wahr sein”? Das ging wohl daneben. Und die Illustrationen sind auch nicht besonders.

Stian Hole, Annas Himmel. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Hanser 2014 – Nochmal geht es um den Tod, um den der Mutter – und was diese dann im Himmel tut. Unkraut jäten, z.B. … na danke. Falls das Konzept “Himmel” ohne viel Religion vermittelt werden soll, ist es sicher ein ganz nettes, buntes Buch, mit okayen Collage-Illustrationen. Netterweise wird die Mutter im Himmel auch in die Bibliothek gelassen … aber Unkraut jäten würde ich mir verbitten.

David Wiesner, Herr Schnuffels. Aus dem Englischen von Paula Hagemeier, Aladin 2014 – Das andere Bilderbuch, das ich unbedingt haben will. Herr Schnuffels ist ein Kater (der zufällig meinem Kater sehr ähnlich sieht) und will nicht mit seinem Spielzeug spielen. Nur mit einem … aber das ist eigentlich ein Raumschiff mit klitzekleinen Aliens. Um Herrn Schnuffels zu entkommen, verbünden sie sich mit den Insekten. Das ganze ist eher ein Comic, denn es gibt Sprechblasen – in denen aber kein für uns lesbarer Text steht! Das und die wunderbaren Illustrationen aus Katzensicht – in diesem Video könnt ihr David Wiesner bei der Recherche zusehen – machen das Buch für mich sehr reizvoll.

Nicolas Mahler, Franz Kafkas nonstop Lachmaschine. Reprodukt 2014 – Diesen Comic besitze ich (weil ich darin zitiert werde *angeb angeb*). Ich finde ihn aber tatsächlich auch sehr lustig und empfehle ihn sehr.

Puh! Das war’s! Viel Spaß beim Lesen, falls ich euch nicht gänzlich abgeschreckt habe!

Für neue Kinder- und Jugendliteratur jenseits der Gendernormen

Die Büchereien Wien haben auf Twitter folgenden Artikel getweetet: “Jungs voran” von Tilman Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich nehm den mal ein bisschen auseinander.

Erstens mal nicht zu vergessen, dass sich nicht alle den Kauf von Büchern leisten können, dass Kinder lesender Eltern mehr lesen als Kinder mit Eltern, die nicht lesen, Unterstützung aus dem Elternhaus, die Rarität von in der Elternsprache erhältlichen Kinderbüchern, wenn diese Sprache nicht Deutsch ist. Und dass Lesen als Aktivität leider auch gegendert ist: Mehr Mädchen* als Buben* – obwohl historisch nicht so und leider manchmal immer noch nicht so, bzw. Wertungsunterschiede zwischen “Mädchen*-” und “Buben*literatur”, genauso wie bei “Frauen*-” und “Männer*literatur und bei der Literaturkritik. Und sicher noch viel mehr. Aber ich schaue jetzt einfach nur einmal auf diesen Artikel.

Ich liebe ja schon die Bezeichnung “Patentantenbücher”. So werden Sachbücher bezeichnet, die angeblich bei den beschenkten Kindern zunächst nicht so gut ankommen. Und da muss ja unbedingt “Patentante” genommen werden, nicht etwa “Patenbücher” (um dieses generische Maskulinum mal besser zu nutzen) oder “Verwandtengeschenke” oder so. Außerdem sind Sachbücher bei Kindern beliebt, weil sie bei der Entdeckung und Einordnung der Welt behilflich sind. Wird das Buch nicht geliebt, liegt das nicht nur am Kind, sondern auch am Buch. Gestehen wir Kindern bitte ihre individuellen Zugänge und eigenen Urteile zu und auch die Möglichkeit, Urteile zu revidieren.

Im nächsten Absatz geht es um den Buchmarkt. Ich finde sehr lustig, dass der Autor hier annimmt, dass Kinder und Jugendliche nur Kinder- und Jugendliteratur lesen und dass diese nur von den Eltern bzw. Großeltern gekauft und zur Verfügung gestellt wird. Wenn Kinder und Jugendliche freien Zugang zu Literatur haben, lesen sie auch das, wozu sie Zugang haben. Gibt es also Bücher im Haus bzw. wird die öffentliche Bibliothek besucht und haben Kinder und Jugendliche freien Zugang und Lesefreiheit, dann funktioniert diese Trennung nicht.

Dass der Markt für Kinderbuchliteratur konservativ ist – volle Zustimmung. Leider viel zu konservativ. Siehe die Debatten um Rassismus in Kinderbüchern – und Sexismus, Klassismus, Ableismus, etc., die wir auch führen oder führen sollten. Zu oft wird ohne nochmalige Überprüfung unreflektiert tradiert, was in der eigenen Kindheit und Jugend für gut befunden wurde. Andererseits sind nicht alle “alten” Bücher per se schlecht. Diese Debatte ist eine wichtige und soll mit vielen Stimmen geführt werden.

Sehe ich mir die Zahlen an, die der Autor aus der Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Arbeitsgemeinschaft Jugendbuchverlage zitiert, scheint es so (ohne jetzt die Studie genau zu kennen), als würden Buben* jetzt mehr Bücher kaufen. Gut so.

Lustig aber die Annahme, dass Kinder und Jugendliche “früher” nie selbst bestimmen konnten, was sie lesen. Leider zeigen die Leseverbote der Vergangenheit sowohl, dass bestimmte Lektüre verboten oder verpönt war – aber gleichzeitig zeigen sie auch, dass und was gelesen wurde (so wie viele Aktivitäten nur durch ihr Aufscheinen in Gesetzesbüchern und Strafakten aufscheinen). Gegen die Leseverbote gab es auch immer Widerstand. Tatsächliche Lesefreiheit ist wohl trotzdem rarer gewesen und Zugang zu Lektüre auch. Allerdings gibt es eine lange orale Tradition von Geschichten und Liedern, zu denen der Zugang ähnlich schwer kontrollierbar ist wie der Zugang zu Lektüre.

Aber kommen wir zum Knackpunkt des Artikels aus meiner Sicht. Warum kaufen denn die Jungen* laut dem Journalisten mehr Bücher?

“Vielleicht, weil sie mit Titeln wie „Gregs Tagebuch“, den allgegenwärtigen Piratengeschichten oder auch den realistischen Jugendbüchern mit männlichen Hauptfiguren endlich ein breites Angebot finden, das sie interessiert.”

Und da muss ich dann vollends lachen. Eigentlich ist das ein Satz, den ich lieber Literaturwissenschaftler*innen überlassen würde, die wissen mehr als ich (mischt euch bitte ein! Ich lerne gerne was!)

Jedenfalls hatte/habe ich den Eindruck, dass es lange gar keine spezifische Jugendliteratur gab und die Kinder und Jugendlichen, wenn sie Zugang zu Geschichten (nehmen wir mal das Wort, um orale Traditionen auch hineinzubringen) immer unmittelbaren Zugang zu “realistischen” Geschichten hatten. Was ist überhaupt “realistisch”? Heißt das, dass die “echte” Welt beschrieben wird? Ist ein Lied über den Arbeitsalltag nicht die “echte Welt”? Ist ein Märchen schon “unrealistisch”, auch wenn es verklausuliert die “echte Welt” beschreibt?

Aber mein Hauptpunkt ist: Es gab und gibt schon immer ein “breites Angebot” an männlichen Hauptfiguren, auch, und besonders, in der Kinder- und Jugendbuchliteratur. Wenn ich an die Bibel denke, die – ja – viele Frauenfiguren hat, deren zentrale Akteure aber Männer sind. Wenn ich an die Ritter- und Heldensagen denke, deren zentrale Akteure immer Männer sind. Die Geschichtsbücher über die Cäsaren, Kaiser und Könige, Erfinder und Abenteurer.

Wenn ich an die ganzen Jugendbuchserien denke, die im besten Fall ein oder ui – zwei – “Quotenmädchen” dabeihaben – geschenkt! Einfach nur mal bei den populärsten Kinderbüchern von Erich Kästner durchzählen (Ich liebe Kästner, auch wenn ich gewisse Probleme sehe, kam Kästner in der Rassismusdebatte denn überhaupt vor?), wieviele männliche Hauptfiguren haben: 7 von 9. Meine Lieblingsbuchserie, “Die Kinder von Nummer 67” von Lisa Tetzner (die leider mittlerweile auch teilweise problematisch gesehen werden muss): Unzählige Jungen*, ein paar Mädchen*, auch wenn diese paar Mädchen* tragende Rollen haben. Michael Ende (auch problematisch): 3 der vier großen Werke haben cismännliche* Hauptfiguren. Harry Potter – trotz Hermione – die zentralen Figuren sind Jungen* bzw. Männer.

Geschenkt, dass es “Mädchenbücher” gibt. Genau die beschreiben oft die “echte Welt” am meisten, vermitteln die volle Gendernorm mit Mann, Kindern, Haushalt. Genauso viele Märchen. Leider. Und warum müssen eigentlich Jungen* immer Bücher lesen, in denen Jungen* die Protagonisten sind? Von Mädchen* wird immer verlangt, sich mit eben diesen Protagonisten zu identifizieren, wenn sie nicht nur “Hanni und Nanni” lesen wollen, weil die “Jugendliteratur” eben auch einen Genderbias hat.

Prinzipiell finde ich es großartig, dass gelesen wird. Es ist gut, wenn Bücher gelesen werden. Lesen, Lesespaß, Lesefreude ist wunderbar und wichtig. Ich persönlich habe meine Probleme mit dem Vorschreiben von Lesestoff bzw. welche Geschichten gehört, gesehen, gelesen werden dürfen. Ich bin dafür, dass sich die Leser*innen selbst entscheiden, was sie lesen wollen (das hab ich aber an anderer Stelle schon lang und breit ausgeführt). Aber genauso ist klar, dass ein Buch aus verschiedenen Gründen (kann ja auch langweilig, voller fachlicher oder Druckfehler oder aber eben Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus, etc sein) abgelehnt wird, von den Eltern oder den Kindern selbst, wie es immer mehr geschieht.

Für echte Lesefreiheit braucht es ein diverseres Angebot. Neue Kinder- und Jugendbücher, die sich von den Gendernormen verabschieden und auch andere Diskriminierungsformen nicht mehr weitertragen. Kinder und Jugendliche sollten als mündige Leser*innen (bzw. Medienkonsument*innen, auch wenn mir das Wort nicht gefällt) mit Mitspracherecht noch viel mehr wahr- und vor allem ernstgenommen werden.

1, 2 oder 3 – die Masterarbeit kündigt sich an

In eineinhalb Monaten reise ich für den Beginn meines zweiten Studienjahres nach Berlin. Dort studiere ich an der Humboldt-Universität Bibliotheks- und Informationswissenschaften im Masterstudiengang. (Ich mache also quasi den Master of Library and Information Science (MaLIS) bei Humboldt. Ja, diesen Witz erzähle ich, seit ich dort aufgenommen wurde.) Über den Winter ist das Schreiben meiner Masterarbeit angesagt. Aber welches Thema soll ich wählen? Warnung: Zynismus, Sarkasmus, Polemik.

Thema Nummer 1 (und mein liebstes): Wie wird Geschichte auf Twitter transportiert und wie können Informationseinrichtungen (Bibliotheken, Archive, Museen & mehr) sich daran beteiligen, d.h. Menschen für das Thema begeistern, auf ihre Bestände & Services aufmerksam machen, für sich Werbung machen, in Kontakt mit ihrer Gemeinschaft treten, etc. Ist aber nicht “Bibliotheks- und Informationswissenschaft” wurde mir gesagt, obwohl ich eigentlich immer noch nicht genau weiß (und sich auch niemand darauf einigen kann), was diese Wissenschaft eigentlich beinhaltet.

Um diese Arbeit (und mich) “vermarktbarer” zu machen, soll ich noch was mit Data Mining dazutun. Fragt sich nur, welche Daten da aus dem Bergwerk geschlagen werden sollen.Twitter kann in kurzer Zeit sehr große Datenmengen verursachen, die aber um wirklich aussagekräftig zu sein, qualitativ ausgewertet werden müssen. Siehe z.B. 2 Wochen #aufschrei – 58.007 “unique” (also einzigartige, nicht retweetete) Tweets, die aber genauso eine Kritik oder Verächtlichmachung als auch ein wichtiger Beitrag sein können, weil sie (noch) nicht händisch ausgewertet wurden.

Also … weiß nicht. Dabei gab es so tolle Sachen auf Twitter, seit ich (ohnehin erst im Dezember 2012) dazukam. D-Day As It Happened – eine vom britischen Channel 4 vorbereitete Aktion, bei der 9 Twitteraccounts – ein Hauptaccount, 7 Zeitzeug*innen und eine Taube tweeteten was ihnen bzw. allgemein zu dem Zeitpunkt am 6. Juni 1944 passierte. Dann gab es die spontane Aktion #InspiringWomen, zu der auch viele historische Frauenfiguren vorgestellt wurden (ich habe zu diesem Thema 300 Tweets getweetet. Nur so, damit ihr da die Datenmengen merkt).

Es gibt einen Twitteraccount, der den 2. Weltkrieg, Tag für Tag tweetet, im Moment die Geschehnisse vom 5.9. 1941. Es gibt etliche Zeitungen, deren Meldungen von vor hundert oder X Jahren getweetet werden, als Beispiel sei hier die New York Times von 1913 genannt. Es gibt Privatpersonen, die “historische” Accounts einrichten, zum Beispiel einen, der das Tagebuch von Samuel Pepys tweetet (klingt spannender als es ist, der ist leider nicht so gut). Und dann gibt es natürlich viele, viele Historiker*innen, die tweeten, an was sie so forschen, was ihnen so unterkommt, etc. … und das sind nur ein paar der Möglichkeiten.

Und was können da Bibliotheken, Archive, Museen tun? Z.B. Archivmaterial tweeten, wenn sie Archive von Autor*innen haben. Oder aus einem Tagebuch oder aus Briefen aus ihrer Sammlung. Oder aus den Lokalnachrichten von vor 100 Jahren. Oder eine großangelegte Aktion, bei der sich mehrere Institutionen absprechen. Oder sich bei anderen Aktionen einklinken.

Aber das ist ja wahrscheinlich Medienwissenschaft oder Kommunikationswissenschaft oder Marketing. Ja. ist es wohl alles. Und die haben ja nichts mit Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu tun, nein, nein, niemals. Wo kämen wir da hin.

Hmpf.

Thema 2: Mikroservices (hab ich jetzt mal so erfunden). Was soll das sein? Das sind die ganzen Dinge, die auffallen, wenn sie fehlen, kaputt sind, schlecht gemacht sind oder so Sachen, bei denen sich die Nutzer*innen denken “Hm, das wäre eigentlich cool, wenn es das gäbe.” Also z.B. ein gut gemachtes Leitsystem. Beschreibungen im Lift, was auf welcher Etage ist. Etagenpläne. Anleitungen für gewisse Dinge. Drauf zu achten, dass z.B. knallende Türen möglichst schnell wieder in Ordnung gebracht werden. Gut riechende Seife auf der Toilette. Wenn die Schließfächer mit Schlössern gesichert werden müssen (eine absolute Unsitte in manchen deutschen Bibliotheken), darauf achten, dass sich ortsfremde oder vergessliche Menschen Schlösser ausleihen können (Grimm-Zentrum Berlin, damit meine ich *dich*!).

Meine Güte, sagt ihr jetzt, das ist ja Kleinkram, was für … Itüpfelreiter*innen, Korinthenkacker*innen, Zwängler*innen und schon gar nicht wissenschaftlich! Äh ja. Setzt euch mal in einen Lesesaal, in dem ihr ruhig und konzentriert arbeiten wollt und alle 10 Minuten knallt die Tür mit einem Donnerschlag ins Schloss. Oder findet mal das Klo, wenn’s kein Leitsystem gibt. Findet den richtigen Stock, wenn’s im Lift keine Angaben gibt. Und sicher haben alle Menschen Geld, das sie mal kurz in ein Schloss investieren können – Essen? Was soll das sein, Essen? Braucht’s nicht. Bis sich da mal wer beschwert, bis die Beschwerde angenommen wird, bis der Zustand gemildert wird … naja, so lange es keine Konkurrenzangebote gibt, werden die Menschen die Bibliothek wohl weiter benutzen. Aber vielleicht nicht so gern. (Das ist doch aber so was von egal ob Menschen *gerne* in einer Bibliothek sind!)

Ist dieses Thema vermarktbar? Hahahaha, nein. Wahrscheinlich nicht.

Thema 3 wäre der Aufbau eines Repositoriums in einer öffentlichen Bibliothek, das für die Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der lokalen Gemeinde da ist. Zusätzlich könnte es mit digitalisierten bzw. digitalen bereits gemeinfreien Werken von Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der Gemeinde angereichert werden. Die gemeinfreien Werke sollten am Besten über die Nationalbibliothek bezogen werden (HAHAHAHAHA, ach ich lach mich schief) und die lokalen Werke sollten auch international zugänglich sein. Diese Entwicklung, also zumindest die Entwicklung von Bibliotheken zu “Community Publishing Portals”, zeichnet sich in den USA schon ab.

Ich finde diese Entwicklung äußerst spannend, aber sie bedeutet für Bibliotheken die Investition von Zeit & Geld – um Wissen zu erwerben, um diese Repositorien aufzubauen, um sie zu bestücken, zu bewerben und zu betreuen. Vermarktbar? Als Idee ja, aber ich erwarte nicht, dass sie in den nächsten Jahren (Sparen! Sparen!) in die Praxis umgesetzt wird, obwohl damit z.B. Ebookcontent unbegrenzt verfügbar wäre.

Was fällt mir sonst noch ein? Feministische Perspektive auf Aspekte von Bibliotheken – nicht vermarktbar. Vergleich im Umgang mit Beschwerden zwischen USA und Deutschland/Österreich – wohl nicht vermarktbar. Erwerbungspolitik für Comics in Bibliotheken – ahahahahahaha, nicht vermarktbar. Einrichtung von Makerspaces, Videospielecken, Strickgruppenecken und andere Bereiche, die bibliotheksfremde Handlungen in die Bibliothek bringen – ach, vielleicht sogar vermarktbar. Nutzergruppenstudien in einer kleinen Bibliothek? Wohl nicht vermarktbar. Vielleicht könnte ich ja die Begriffe für Menschen, die in die Bibliothek kommen diskutieren – Kund*innen? Nutzer*innen? Leser*innen? Oder ich könnte über Bibliotheksethik … ach, wohl genauso wenig vermarktbar wie meine Geschichte auf Twitter.

Für mich klingt das nicht nach Wissenschaft, eine Masterarbeit an ihrer Vermarktbarkeit zu messen. Aber wie gesagt, was jetzt Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist, dazu gibt es viele Meinungen. Wir werden sehen …

Gastpost wieder löschen, bitte.

Am 8.6. 2013 habe ich einen Gastpost für Buchguerilla.de verfasst. Sie fühlen sich “dem Gedruckten verpflichtet”, bieten aber auch anderen Meinungen eine Plattform, eben meiner, dass ich eBooks und eReader toll finde. Aber heute auf Twitter las ich dann das:

Screenshot BuchguerillaUnd das will ich nicht unterstützen. Also habe ich um die Entfernung meines Gastposts gebeten.

Auch wenn ihr euch jetzt denkt: “Ach, ja, solche Tweets, mein Gott, ist das nicht schrecklich? Sturm im Wasserglas und so.” Mir ist es nicht egal. Der Tweet über die Welt ohne Buchrezensionen, die mit Katzen, Kuchenrezepten und Häkelmustern kombiniert werden, ist schlicht sexistisch. Wenn euch nicht klar ist warum, dann fragt euch doch mal, welche Personengruppe sowas macht und was dieser Personengruppe an ihren Beiträgen im Internet immer angekreidet wird, nämlich “nicht zu ernsthaften Themen zu schreiben”, “das (gewählte ernsthafte) Thema aufzuweichen”, “zuviel Privates/Unerhebliches/Tralala zu inkludieren” etc. und die deshalb in der Blogosphäre und im Internet viel zu oft als “unseriös” wahrgenommen wird. Was für ein enges Weltbild dieser Tweet verrät.

Mir doch egal, wie Menschen ihre Buchrezensionen kombinieren, solange sie dabei Spaß haben und die Gefühle anderer Menschen nicht verletzen i.e. nicht sexistisch, rassistisch, homophob, antisemitisch, ableist, klassistisch etc. sind. Ich will wissen, wie das Buch ist. Das ist es, was mich interessiert – und ob die Rezension gut ist. Aber die Güte einer Rezension kann nicht davon abgeleitet werden, was denn noch für Themen behandelt werden. Außerdem Katzen! Kuchen! Häkelmuster (Ich stricke ja eher, aber Häkeln kann ich auch)! Das sind gute Dinge. Kuchenrezepte und Häkelmuster erfordern ziemlich diffizile Fähigkeiten (Katzen auch, würde ich jetzt sagen), die nicht jeder Mensch besitzt. Was soll das?

Der mittlere Tweet – ok *schulterzuck*. Es hat durchaus Vorteile, Leseverhalten und den Inhalt des Bücherregals ab und zu zu hinterfragen. Aber je mehr Zwang, je mehr erhobener Zeigefinger, desto ungerner und desto mehr frage ich mich, wer es sich anmaßt mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe.

Und dann der oberste Tweet – klassisch klassistisch. “Schundliteratur”. Ja, dieses dumme, dumme Volk von “kritiklosen Tagträumern”, das nur Schund liest (und noch dazu auf e-readern!) und zu “gehobener” Literatur gezwungen werden muss, damit es endlich Kritik übt an allem! Mit dieser Vorstellung sind wohl ein paar meiner Großeltern angetreten, aber ich teile diese nicht. Denn um fundierte Kritik üben zu können, muss der Gegenstand erforscht werden. Woher soll ich wissen, ob ein zur “Schundliteratur” zählendes Buch gut ist oder nicht, wenn ich nie “Schundliteratur” gelesen habe? Mit der Zeit erst bildet sich das Urteilsvermögen heraus, das es uns erlaubt, etwas von vornherein abzulehnen.

Dieser oberste Tweet ist eine Beleidigung aller kritischen und kritisch denkenden Menschen, z.B. der Bibliothekar*innen in meiner Twittertimeline, die gerne “Schundliteratur” lesen, sich über die Klischees lustig machen und einfach das Lesen hochleben lassen, in der Gewissheit, dass Lesen zu mehr Lesen führt. Die genau beobachten, was sich in der von ihnen und den Bibliotheksbenützer*innen gelesenen “Schundliteratur” abspielt. Die Forderungen nach besserer “Schundliteratur” stellen, mit besserem Schreibstil, mehr Inklusivität und Diversität.  Denn hallo, Jane Austen und die Bücher der Schwestern Brontë, zu denen Leser*innen von “Schundliteratur” auch greifen bzw. greifen werden, gelten als Hochliteratur. Aber sicher wird es Menschen geben, die das ob der – Schund! – romantischen Themen bestreiten. Äh ja, Werther. Bringt sich um, weil seine Lotte ihn nicht heiratet (oje, Spoiler). Romeo & Julia, The Great Gatsby … na egal.

Ein großartiges Beispiel für den lustvollen, aber trotzdem kritischen Umgang mit “Schundliteratur” ist übrigens das Buchrezensionsblog (ich sehe beim Kontrollblick hier keine Katzen, Kuchenrezepte oder Häkelmuster) Smart Bitches, Trashy Books. Und wenn ich mich an meinen zweiten Post auf diesem Blog zurückbesinne – den über Erotica  – meine Güte, da wird in dem Artikel von Katie Dunneback als eine der Autor*innen Anaïs Nin empfohlen. Oh, ist das vielleicht Porno und gilt das daher nicht? Wollen wir über die männlichen Autoren der “gehobenen” Literatur und ihre Ergüsse reden? Na egal, sind wohl nur Einzelbeispiele.

Wozu der Zwang zur “guten” Literatur führt, könnt ihr in der Schule sehen: Dazu, dass den jungen Menschen das Lesen im schlimmsten Fall ganz verleidet wird. Aber anstatt wertfrei zu fragen, wie Menschen generell zum Lesen und dann zur breit gefächerten Lektüre gebracht werden können, werden solche Aussagen gemacht. So klappt das nicht.

Und dann noch so:

Polemikund so:

SexismusCheck your privilege, wie es auf Englisch so schön heißt.

/end rant

Editiert von AZ, wegen verdrehtem Datum und vergessenen Buchstaben.

Nachtrag am 3.7. 2013:

Die Konversation ging dann auf Twitter noch weiter.

HumorAch so, das war “Satire”. Eine klassische Ausrede.

privilegeOhne Kommentar.

SatireIch füg hier mal einen Link zu den Tweets ein, damit die Debatte nachgelesen werden kann.

Tja und dann gab’s noch diesen Text als Reaktion von 54 Books (mir nicht ganz klar ob der Auslöser oder Reaktion war – wurde von 54 Books auf Twitter geklärt), der sich damit ins gleiche Aus stellt, aber wenigstens offen zugibt, dass er neidisch ist.

Ich habe nicht wirklich damit gerechnet, dass es eine konstruktive Debatte wird. Sexismus und Klassismus sind nie konstruktiv, auch wenn sie Reaktionen und Debatten hervorrufen. Aber ich konnte das nicht so lassen. Für mich ist der Titel unseres Blogs nicht einfach nur ein Wortspiel.

Nicht zu fassen – Graphic Novels “For Ladies Only”

Erinnert ihr euch? Vor zwei Wochen war ich in Nürnberg und habe dort einen Comic gekauft. Eigentlich wollte ich ja “Are You My Mother” von Alison Bechdel kaufen, aber Verena hatte das letzte Exemplar gekauft. Also habe ich ein bisschen geschmökert und bin dann auf “Wie ein leeres Blatt” von Pénélope Bagieu und Boulet gestoßen. Wenn ihr diesem Link folgt: http://www.carlsen.de/hardcover/wie-ein-leeres-blatt/27917#Inhalt kommt ihr auf eine neutrale Seite, wo ihr Cover, Inhalt und Bewertungen seht und den Comic direkt kaufen könnt.

Heute habe ich den Comic noch einmal gelesen. Und was sehe ich auf der letzten Seite? Etwas, das mir vorher nicht aufgefallen war. Etwas, das mir den Sonntagmorgen ein wenig vermieste. Das da:

Graphic Novels für Frauen

Foto Anna Zschokke

HÄÄÄÄÄÄÄ?!?!?! Was soll das? Nach einem entrüsteten Tweet die Googlesuche: ja. Das gibt’s wirklich. “For Ladies Only” sagt der Carlsen Verlag. Um die Reihe zu bewerben, gab es schon ein paar “Ladies-Nights” in Buchgeschäften, mit einer Lesung und

“Prosecco und fettreduzierten – aber sehr leckeren – Schnittchen der portable Make-Up-Tisch einer Kosmetikfirma, an dem man sich optisch herrichten lassen konnte, sowie eine Kamera mit New York-Fototapete, vor der eine Mitarbeiterin einer Hamburger Fotostudiokette gewillte Damen ablichtete,”

berichtet madamebooks in ihrem Blog. Besucht hat sie die Ladies-Night (Ladies’ Night, wenn schon!) gemeinsam mit Lachwitz, der ebenfalls darüber bloggte.

Dazu gleich mal ein Hinweis: ich teile nicht alle Meinungen, die in den bis jetzt und danach zitierten Blogs bzw. Comics vertreten werden.

Hier ein paar der Reaktionen (ansonsten “Graphic Novels für Frauen” googeln), auf die ich mich auch beziehen werde:

Auf “Das Leben ist kein Ponyhof” in Comic- und Blogpostform von Sarah Burrini – Leseempfehlung für den Comic, übrigens.

Auf “Ein Comicleben” – auch Leseempfehlung.

Auf Beetlebum von Johannes Kretzschmar

Und auf Grober Unfug – Blog eines Berliner Comicladens mit 2 Filialen, die sich schon mal auf einen Besuch von mir gefasst machen können. Am 11.5. ist nämlich Gratis-Comic-Tag und ich bin dann in Berlin. Und meine Katzenohren auch.

Und was sollen “Graphic Novels für Frauen” jetzt sein? Von der Seite des Carlsen-Verlags:

Die Antwort, warum es Graphic Novels für Frauen braucht, ist ganz einfach: Frauen stehen gar nicht auf Superhelden und krude Zeichnungen!

*seufz* Ehrlich? Wirklich? Alle Frauen? Unkritisch stehe ich nicht zu Superheldencomics, aber ich mag X-Men, besitze V for Vendetta und The League of Extraordinary Gentlemen (ja, keine “normalen” Superheldengeschichten) und lese gerne Manga und schaue gerne Anime mit Superhelden und Superheldinnen. Von den amerikanischen Superheldenfilmen hab ich jetzt ein bisschen genug, aber ich habe mir etliche angesehen und einige ziemlich cool gefunden. Außerdem: Wonderella und andere Onlinecomics. Und ich bin damit nicht allein. Es gibt viele weibliche Fans von Superhelden und Superheldinnen, da stimme ich mit Ein Comicleben überein.

Mir sind auch krude Zeichnungen egal, wenn nur die Geschichte gut ist oder die Gags lustig sind. Ach, Carlsen, Carlsen. Klar, hier geht es nicht um Frauen, die schon Comics lesen. Hier geht es um Frauen, die *nicht* Comics lesen, deshalb heißt es ja auch “Graphic Novels”, damit die Nase ungerümpft bleibt. Deshalb wäre es ja auch gut, wenn die “Graphic Novels für Frauen” in der Brigitte rezensiert werden, wie Sabine Witkowski, verantwortliche Redakteurin, zu madamebooks gemeint hat. Ich verstehe das. Neue Zielgruppen erschließen und so.

Um die Comics an die Frau zu bringen, wurden die “Graphic Novels für Frauen” auch als “Lifestyle-Produkte” beworben, mit Deko-Kissen, wie auf Grober Unfug zu sehen ist. Weiters wird auf der Seite des Carlsen-Verlags bekanntgegeben:

Und schließlich sind sie so gemacht, wie es selbst im Carlsen Verlag erst mal die Frauen haben wollten: Die Bücher passen in jede Handtasche, haben einen praktischen Gummibandverschluss UND fühlen sich gut an!

Ja, das ist wichtig! (Nicht.) Denn haben die neuen Graphic Novels nicht im Allgemeinen alle Handtaschenformat? Und Manga sowieso? Bzw. gibt es ja doch auch Stoffbeutel und Oversize-Handtaschen? Werden normale Bücher auch damit beworben, dass sie Handtaschenformat haben? Werden Graphic Novels sonst damit beworben, dass sie Rucksack- oder Aktentaschenformat haben? Ich mag ja auch die A4-formatigen Comics, weil sie ihren ZeichnerInnen mehr Platz bieten (ach, die ganzseitigen Bilder in Garulfo, und Mit Mantel und Degen). Insgesamt ist mir das Format egal, gebt mir gute Comics!

Und wie sieht es jetzt mit den Inhalten aus? Modewelt in Paris. Alltagsleben plus Schuhfetischismus. Magersucht. Klar, das hat “Frauen” zu interessieren. Nein, ich habe diese Comics nicht gelesen. Lesen würde ich sie schon, denn ich bin neugierig und die Geschichten scheinen gut zu sein (ich vertraue da mal auf Beetlebum und den Carlsen-Verlag). Zweimal pink und je einmal türkis, weiß und crémefarben sind die Cover, die bisher auch noch mit einem Hinweis “Special Edition For Ladies” versehen waren. Gnah. Warum das Pink ein Problem ist, erklären Ein Comicleben, Sarah Burrini und das Internet gerne.

Wie ein leeres Blatt

Foto Anna Zschokke

Der Comic “Wie ein leeres Blatt” hat keinen solchen Hinweis. Offensichtlich wurde das wieder aufgegeben, wie Andreas Blatt in seiner Rezension für das Comic-Blog der FAZ berichtet. Meine Motivation, zu dem Comic zu greifen, war ja genau Boulet, bzw. da ich ja seinen Onlinecomic lese, den er gratis im Netz zur Verfügung stellt, wollte ich ihn durch den Kauf des Comics finanziell unterstützen (ja, da bin ich wohl etwas idealistisch).

Hätte ich den Comic gekauft, wenn ich gewusst hätte, dass er “für Frauen” gedacht ist? Ich habe mich ja schon im Comicladen gewundert, was es mit den Gummibändchen
auf sich hat, da lagen nämlich noch mehr aus der Reihe. Aber nicht als Extra-Display, zum Glück. Die anderen haben mich aber nicht angesprochen, vor allem nicht, nachdem ich “Boulet” gesehen hatte. Im Nachhinein kann ich es nicht sagen. Vielleicht hätte ich ihn gekauft (Boulet!) und sofort einen Blogpost geschrieben? Vielleicht hätte ich auf dem Bibcamp eine andere Session (über Feminismus, Sexismus und/oder andere Ismen in Bibliotheken nämlich) gehalten?

Jetzt, da ich “Wie ein leeres Blatt” besitze, bin ich froh – die Geschichte ist gut. Es geht ja auch nicht um ein “Frauenthema”, sondern die Hauptfigur des Comics ist eine Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat. Und sie holt sich Hilfe bei einer anderen Frau. Als Film würde der Comic den Bechdel-Test bestehen. Dabei wurde die Geschichte von einem Mann geschrieben, so wie auch “Luft und Liebe“, ein anderer Comic aus der “Graphic Novels für Frauen”-Serie, geschrieben von Hubert, gezeichnet von Marie Calliou.

Im Idealfall ist sowohl das Geschlecht der Leser*innen als auch der Autor*innen (ja, dieser Absatz bewusst mit Gendersternchen) egal – universell ansprechend sollen sie sein, die Comics. Wer kann sagen, was wem gefällt? Lesen Brigitte-Leser*innen denn nur Bücher über “Frauen”themen? Was sagt da der Carlsen Verlag?

Mit den Graphic Novels hat sich das inhaltliche und gestalterische Spektrum der Bildergeschichten so breit entwickelt, dass sich auch Frauen dafür interessieren.

Ach so, erst mit den Graphic Novels. Ja. Ehrlich? Dabei sollten sie doch im Carlsen Verlag eine Ahnung von Comicgeschichte haben. Aber es geht hier ja um “Frauen”, die noch keine Comics lesen.

Nun, ich lese ja schon Comics. Ich lese Comics, seit ich ein Kind bin. Comics haben in meiner ganzen Entwicklung eine unglaublich wichtige Rolle gespielt. Ich rede hier nicht von Micky Maus, Donald Duck, Lucky Luke, Asterix, Tim und Struppi, Gaston, Marsupilami, Isnogood, Yoko Tsuno und viele mehr, obwohl die auch immens wichtig waren. Ich rede von Claire Bretécher, Franziska Becker, Gerhard Seyfried, wunderschönen, absolut nicht jugendfreien und ganz auf Männer ausgerichteten Comics aus den Sammlungen von diversen Erwachsenen in meinem Umfeld, Ralf König (der war ganz, ganz wichtig), Maus, den unvergleichlichen Love & Rockets von Jaime und Gilbert Hernandez, Strangers in Paradise von Terry Moore, der eine große weibliche Leserschaft hat (für die beiden letzten danke, danke, DANKE Büchereien Wien!), Garulfo, Mit Mantel und Degen, Trent (ja, ich mag Western), etc. etc. etc. und so weiter, bis Flight, die tausenden Manga und die vielen, vielen Onlinecomics, die ich seit fast meiner Anfangszeit im Internet (gute 14 Jahre) lese.

Ich bin mit meiner Liebe zu Comics nicht allein. Es gibt noch viele andere Menschen, die Comics lieben und kaufen. Wie in einigen der Blogposts von männlichen Autoren angemerkt, hätten auch diese Interesse an den “Graphic Novels für Frauen”. Muss es also wirklich die Schubladisierung sein?

Mein Tipp: Anstatt “Graphic Novels für Frauen” herauszugeben, überlegt euch lieber, wie ihr gute Autor*innen unterstützt, die zu allen möglichen Themen schreiben. Wenn Kinder und Jugendliche zu Comics kommen, lesen sie alles und sollen auch alles lesen dürfen. Vielleicht verstehen sie noch nicht alles, aber der Eindruck bleibt. Springen Erwachsene erst über die Hürde des “aber Comics sind doch Kinderkram”, freuen sie sich sicher auch, wenn sie nicht in Schubladen gesteckt werden und ein genauso breites Angebot finden.

So aber: Sympathieverlust und Genervtheit.

Leben mit dem E-Reader

Seit knapp eineinhalb Monaten besitze ich einen E-Reader. Und es gibt dieses Blog. Also verknüpfe ich nun die beiden und werde ab und zu über mein Leben mit Kobo schreiben.

Seit dem 21. Jänner besitze ich einen E-Reader, den Kobo glo. Ja, ich bin spät dran bei dieser Entwicklung, aber ich wollte auch ein bisschen warten, bis es ein breiteres Angebot gab. Ausgesucht habe ich ihn auf die Empfehlung einer Bekannten hin, die mit ihrem Kobo sehr zufrieden war. Danach sah ich mir auch ein paar Testberichte und Videos an, die mich aber nur verunsicherten. Mittlerweile sollen ja E-Reader wieder out und Tablets voll in sein. In 2 Jahren hab ich dann eines …

Wie die meisten anderen meiner elektronischen Geräte musste der Kobo erst einmal ein bisschen warten, bevor ich ihn in Betrieb nahm. Dann rückte aber meine nächste Berlinreise immer näher. Meine Hauptmotivation, überhaupt einen E-Reader zu besitzen war nämlich, Lesestoff und andere Informationen ohne Gewichtsbelastung immer dabeizuhaben (Vorbild dabei: Ruth Klüger) und Bücher möglichst wenig durch Transport zu vernudeln (das mache ich nämlich).

Ich bestückte also den Kobo mit einigen Klassikern der Weltliteratur, die ich auf der Kobo-Plattform fand (nur die Hälfte in der “Wollte ich immer schon lesen”-Kategorie), sowie einigen anderen Dingen. Und ja, auf der Reise nach Berlin und vor allem auf der Rückreise im Nachtzug bewährte sich der Kobo ausgezeichnet. Im dämmrigen Flugzeug half die Beleuchtung, auch ohne Licht von oben auszukommen und im dunklen Schlafwagen reichte dann schon eine niedrige Beleuchtungsstufe für das Lesen aus.

Danach war die Hauptattraktion aber die längste Zeit das eingebaute Sudokuspiel, da ich einerseits genügend Papierbücher hatte, die ich lesen wollte und mich andererseits etwas sehr verärgert hatte.

Unter den Klassikern der Weltliteratur, mit denen ich den Kobo bestückt hatte, befanden sich ein paar Sammlungen von Gedichten. Ich liebe Gedichte und die Vorstellung, in der U-Bahn oder sonstwo zu sitzen, und ein Gedicht zu lesen, war ein großer Faktor bei dem Wunsch nach einem E-Reader (jaja, pretentious, ich weiß). Nach dem Aufrufen einer Sammlung von Gedichten Rudyard Kiplings begrüßte mich aber ein Wortsalat, der nicht im entferntesten an ein Gedicht erinnerte. Zwar waren die einzelnen Strophen getrennt, aber die einzelnen Zeilen waren nach Prosamanier zusammengeschoben und unlesbar. Der Blick in die anderen Gedichtbände zeigte, dass das kein Formatierungsfehler in einem einzelnen Dokument war.

Nach einer Googlesuche wusste ich dann Bescheid: bei Gedichten muss jede Zeile von Hand in HTML formatiert werden, um auf e-readern genauso lesbar zu sein, wie auf Papier.

Ein paar Artikel dazu (Auswahl):

Why Some E-books Just Don’t Look Right von Craig Morgan Teicher auf Publishers Weekly

Poetry and E-Books: Will Poems Ever Work in eBook Formatting? von Hillel Italie auf Huffington Post Books

Breaking the Poetry Code von Alizah Salario auf der Website der Poetry Foundaton

Ein Problem beim Formatieren von Gedichten für e-reader ist, dass es für die Darstellung von Gedichten und für ihre Elemente im englischen Sprachraum keine eigenen Begriffe gibt, daher müssen sich die CodiererInnen mit Begriffen aus der Prosa helfen. Das zweite Problem ist, dass die sehr praktische Veränderung der Schriftgröße bei E-Readern bei der Darstellung von Gedichten Probleme verursacht. Und wie sollen denn Gedichte mit sehr langen Zeilen optimal dargestellt werden? Das dritte Problem ist, dass die Formatierung eines Textes auf unterschiedlichen E-Readern unterschiedlich dargestellt werden kann. Klar, dass z.B. Project Gutenberg es sich nicht leisten kann, die Gedichtsammlungen in seinem Angebot zu formatieren. Da wäre dann Crowdsourcing gefragt.

Tja. Gedichte also weiterhin auf Papier, als Hörbuch/Audiodatei, auf Webseiten? Es zeigt sich, dass ein reines Digitalisieren von Texten nicht ausreicht, sondern dass SchriftsetzerInnen für E-Books genauso wichtig sind. Qualitativ hochwertige E-Books werden an ihrer Darstellung zu erkennen sein. Ich spreche hier aber vom englischen Sprachraum. Vielleicht ist das im deutschen Sprachraum ganz anders, zu diesem Problem habe ich auf Deutsch jedenfalls noch nichts gefunden.

Andererseits konnte ich die lyrischen Textwürste auf meinem E-Reader durch lautloses Vorlesen dann doch für mich entdecken. Aber eigentlich will ich das nicht.

AZ/@nightlibrarian

Erotika in der Bibliothek?

50 Shades of Grey? Ob Schauder aus Grauen oder Vergnügen, es wird gelesen. Was aber, wenn BibliotheksbenützerInnen mehr Lesestoff aus diesem Genre verlangen? Katie Dunneback öffnet dazu mit ihrem Artikel Full-Frontal Shelving auf Library Journal Reviews eine Schatzkiste voll mit Informationen aus dem amerikanischen Bibliothekswesen.

Die drei Hauptfragen des Artikels lauten: Wo am Besten mit dem Entdecken erotischer Literatur beginnen, wie bereits vorhandene Bücher erfassen und wie kann die Bibliothek den BenützerInnen bei der Suche nach neuem Lesestoff am besten behilflich sein? Weiters bietet Dunneback einen kurzen geschichtlichen Überblick der erotischen Literatur von Sappho bis zu den e-books, eine Bibliografie für AnfängerInnen mit Anthologien, AutorInnen und weiterführenden Websites, ein Interview mit der Autorin Sylvia Day, Statistiken zum Absatz von Erotika in Buch- und e-book-Form und erklärt die verschwommenen Grenzen zwischen romance, erotic fiction und erotica (Nein, das ist nicht dasselbe). Besonders wichtig dabei ist ihre Anleitung, wie aus Katalog und Entlehnstatistik erhoben werden kann, welche erotische Literatur bereits vorhanden ist und ob sich am jeweiligen Bibliotheksstandort überhaupt ein Bedarf an erotischer Literatur bemerkbar macht.

Am meisten haben mich die Beispiele aus der Praxis und die ethische Haltung beeindruckt. Wie kann diskret, aber hilfreich auf die Lesebedürfnisse der BibliotheksbesucherInnen eingegangen werden? Dunneback sagt dazu:

You want to give your patrons a sense of privacy with this most intimate of reads but also offer them an understanding that the library supports their reading interests no matter what they choose. (Katie Dunneback, Full-Frontal Shelving, Library Journal Reviews)

Sie erzählt von Empfehlungs-Foldern, die auf Nachfrage überreicht werden können, von Lesezeichen mit relevanten Empfehlungen, die in die Bücher gelegt werden können, von Empfehlungsfunktionen für die e-book-Plattform der Bibliothek – wichtig, da Erotika und verwandte Genres gerne in digitaler Form gelesen werden.

Genauso beeindruckend ist ihr Absatz zum Umgang mit Beschwerden. Ihre Handlungsanleitungen – u.a. Training aller Bibliotheksangestellten darin, was im Beschwerdefall zu tun ist; umfassende Dokumentation und Information; schriftliches Feedback an die/den BeschwerdeführerIn – sind beispielhaft und sollten weit verbreitet werden. Im Gespräch mit Verena fiel ihr dazu ein, dass bei der Besprechung von media2go von vielen SchulbibliothekarInnen sofort angesprochen wurde, dass 50 Shades of Grey ohne Altersbeschränkung ausgeliehen werden kann. Weiters wurde gefragt, wie es mit der rechtlichen Situation aussieht, da es keine Altersbeschränkungen für Bücher gibt (zum Glück! sage ich da).

Adding erotica when it is not your thing is the same as adding in any other specialized collection that is not your thing. You can do this and probably already have with other collections. (Katie Dunneback, Full-Frontal Shelving, Library Journal Reviews)

Vielleicht hat die Welle der Erotika Österreich noch nicht oder nicht auf diese Weise erreicht. Vielleicht kommt sie nie. Aber ein bisschen Vorbereitung kann nicht schaden. Und dabei ist dieser Artikel sehr hilfreich.

AZ/@nightlibrarian