Shared Reading – Es klingt so schön, aber ich hab Bauchweh

Im Zuge der Recherchen für einen Artikel beschäftigte ich mich ein wenig mit der englischen Organisation The Reader. Sie wurde von Jane Davis gegründet, die auch das Prinzip des Shared Reading entwickelte. Ihr Ziel ist löblich: Einsamen, isolierten Menschen werden soziale Anknüpfungspunkte geboten – regelmäßig stattfindende Runden, bei denen gemeinsam reihum laut ein Buch, ein Text, ein Gedicht vorgelesen wird und über die unmittelbaren Eindrücke und Empfindungen gesprochen wird. Dabei erzählen die Menschen viel aus ihrem eigenen Leben, lernen neue Menschen und schöne Texte kennen.

Moderiert wird das von freiwilligen “Facilitators”, obwohl The Reader auch schon über hundert Angestellte hat. Angewendet wird die Methode auch in Kliniken, Schulen, Gefängnissen und … Firmen. Firmen. Hm. Für den besseren sozialen Zusammenhalt in Teams. Hm. The Reader arbeitet eng mit dem Centre for Research into Reading, Literature and Society der Universität Liverpool zusammen und Shared Reading (oder doch die regelmäßigen Sozialkontakte?) hat laut den erstellten wissenschaftlichen Studien sehr gute Auswirkungen auf geistige und körperliche Gesundheit.

Die Literarischen Unternehmungen, ein deutscher Ableger, haben sich im Herbst 2016 auf der Leipziger Buchmesse präsentiert und haben die Absicht, Shared Reading im deutschen Sprachraum zu verbreiten. So ganz klar kommt bei beiden Organisationen nicht heraus, wie es um das Verhältnis zwischen freiwilliger und bezahlter Arbeit steht, und da kriege ich ein wenig Bauchweh.

Denn einerseits: Gemeinsames Vorlesen! Sozialkontakte! Gesundheit! Bildung von Gemeinschaften! Yay! Das sind doch alles gute Dinge. Außerdem ist es ja gut, die Methode in Institutionen anzuwenden, in denen Menschen sich isoliert fühlen oder absichtlich isoliert werden, oder? Aber wenn ich so lese, wie Menschen sich freuen, dass sie im Altersheim, im Kinderheim oder im Gefängnis einmal in der Woche Zuspruch beim Shared Reading kriegen, klingt das nicht mehr so toll. Einmal in der Woche ist wohl besser als nie. Aber was ist mit dem Rest der Zeit, soll der einfach so weiterlaufen? Und sollten das nicht Menschen machen, die dafür bezahlt kriegen? Ein Blick rüber zur Bezahlung von Kindergärtner_innen, Pflegefachkräften, etc. zeigt schon, warum hier Freiwillige am Werk sind … spart noch mehr Geld ein, juhu. Irgendwann und irgendwo wurde noch die Frage gestellt, warum sich Menschen in solchen Institutionen isoliert fühlen oder isoliert werden. Ob solche Institutionen wirklich gut sind. Das mit der strukturellen Kritik und dem radikalen Umbau täte Not.

Das mit dem Shared Reading in Firmen, ja äh. Ich meine, super, ich will nämlich in der bezahlten Arbeit nicht zum Sporteln oder in komische Teambuildingseminare, aber fragen sich die Firmen mal, warum ihr Klima ihren Arbeitnehmer_innen nicht gut tut? Und ob das aufhört, nur weil alle jetzt zum Shared Reading müssen? Hach, jetzt muss ich lachen. Herzhaft. Aber dass Literatur zur Förderung von Kapitalismus verwurstet wird, ist ja auch nicht wirklich neu. Ich will’s nur angemerkt haben.

Schließlich: Wie sieht es in der lokalen Gemeinschaft aus? War da nicht was mit Kommunen und ihrer Aufgabe? Ist es etwa nicht Aufgabe der Kommunen, für das Wohlergehen ihrer Mitglieder zu Sorgen? Ihnen Räume zu bieten, in denen Gemeinschaft entstehen kann? In Zeiten zunehmenden Sozialabbaus wohl bisschen illusorisch, fürchte ich. Aber wenn es keine Gemeindezentren mehr gibt, in denen eine weite Bandbreite von Veranstaltungen für Menschen aller Altersgruppen stattfinden kann, wo sollen die denn dann hin?

De facto sind z.B. genau Bibliotheken eine Anlaufstelle für Menschen, die Sozialkontakte und weniger konsumorientierte Orte suchen. Ob sich die Bibliotheken dann aber auch für diese Menschen zuständig fühlen, also über die Ausleihe und Rückgabe von Medien und einen Schwatz hinaus, liegt im individuellen Ermessen – leider? Was, wenn es nur noch Ausleih- und Rückgabeautomaten gibt? Hätten dann Bibliothekar_innen nicht mehr Zeit für solche und ähnliche Veranstaltungen? Shared Reading wird von Therapie oder Sozialarbeit abgegrenzt, aber nur weil das da steht, heißt das nicht, dass es nicht Elemente von beidem hat und entwickeln wird und es für die moderierenden Personen sicherlich auch mit allen Regeln und Abgrenzungen intensive Beziehungen, die nicht alle eingehen werden wollen. In den USA haben manche Bibliotheken eigene Sozialarbeiter_innen und/oder Therapeut_innen angestellt, um ihre Besucher_innen zu begleiten.

Es ist ein bisschen schwierig. Gemeinsame Aktivitäten, ja bitte. Mehr. Und Platz dafür. Räume. Geld für Essen und Material. Menschen, die für ihre Arbeit bezahlt werden, ja doch. Freiwilligenarbeit ist toll, aber können sich nicht alle leisten und wenn sie bezahlte Arbeitsplätze ersetzt, ist sie abzulehnen. Ohne die Strukturen und Institutionen in unserer Gesellschaft zu verändern, die zur Vereinsamung und Isolation von Menschen führen, ist genau hinzusehen, ob gemeinsames Vorlesen eine Strategie unter vielen ist – oder doch nur ein neoliberales Pflaster.