Zu viel, Hilda

2016-11-20-10-26-31

Die ersten vier Bände der Comics über Hilda von Luke Pearson.

Weil langer Text: Beschreibung der Hauptpersonen, Erzählung der Handlung von “Hilda und der Troll”, Kritik der Erzählweise und des Layouts mit Fokus auf die graphische Gestaltung, Fazit: Für Kinder gedacht, nicht für Kinder gemacht.

Manchmal fragen mich Menschen um Empfehlungen für Kindercomics. Schwierig! Ab ca. 12 wüsste ich einiges, aber darunter? Vor einiger Zeit las ich eine nette Empfehlung für die Comics von Luke Pearson, mit Hilda als Hauptfigur und ich speicherte die Empfehlung unter “Muss ich irgendwann mal lesen” ab. Jetzt habe ich mir vier der Hilda-Comics angesehen: “Hilda und der Troll”, “Hilda und der Mitternachtsriese”, “Hilda und die Vogelparade” und “Hilda und der schwarze Hund”.

Nun. Ich bin nicht ganz so beeindruckt wie ich es mir erhoffte. Ja, Hilda ist die Hauptfigur, sie lebt in einer skandinavischen Fantasiewelt mit … “Mama”. Ihre Mutter kriegt nie einen Namen, sie bleibt immer “Mama” und als sie in “Hilda und die Vogelparade” verloren geht, sagt sich Hilda: “Hier gibt es sicher Hunderte von Personen, die Mama heißen.”Hm. Was ist “Mama” noch? Nach dem Umzug in die Stadt im 3 und 4 Band vor allem überbesorgt. Sie ist … Architektin? Technische Zeichnerin? In “Hilda und der schwarze Hund” gibt es ein Bild von ihr im Talar, mit einer Zeugnisrolle, aber ob das von der Highschool oder einer Uni ist, bleibt unklar. Hildas Mutter trinkt gerne Tee, strickt manchmal Pullover für Hilda, fährt Auto und war bei den Pfadfinder_innen. Hm.

Hilda selbst ist abenteuerlustig, freundet sich schnell mit allen möglichen magischen Wesen an und hat einen Hirschkatzeneichhörnchenfuchs namens Hörnchen als Haustier. Sie zeltet und zeichnet gerne, mag Tiere, kann aber auch ablehnend und widerborstig sein.

Die meisten anderen Figuren sind in der deutschen Übersetzung männlich, auch als Hilda und ihre Mutter in die Stadt ziehen. Dort gibt es dann schon andere weiblich lesbare Figuren und auch Kinder und Erwachsene of Color, manche haben sogar Namen. Aber Hilda freundet sich nicht mit anderen Kindern an, sondern mit magischen Wesen, die eben aufgrund der Artikel oder auch ihrer Namen männlich sind. Zum Beispiel geht es in “Hilda und der schwarze Hund” auch um Hausgeister, sogenannte “Nisse”, die alle Tontu heißen und männlich sind, auch wenn es auch weibliche Hausgeister zu geben scheint. Die trifft Hilda aber nie. Wenigstens kommt nur in “Hilda und der Mitternachtsriese” eine Romanze zwischen Ries_innen vor, aber es ist eine Heteroromanze.

Als ich mich in der Zweigstelle der Büchereien Wien erkundigte, ob sie die Hilda-Comics hätten, sagten sie, sie stünden bei den Comics für Erwachsene, denn die Kinder hätten sie nicht so spannend gefunden und kaum ausgeliehen. Nachdem ich alle Bände gelesen hatte, fiel mir auch auf, warum das so sein könnte:  In jedem Band finden parallel mehrere Geschichten statt. Die Handlung springt oft unvermittelt hin und her, ohne zu einer befriedigenden Erklärung zu führen. Manche der Handlungsstränge werden ausführlicher aufgelöst, andere nicht. Und es werden viele interessante Details angerissen, was aber bei dem Hin- und Hergespringe einfach nur ablenkt.

Was ich damit meine? Zum Beispiel beginnt “Hilda und der Troll” damit, dass Hilda über Trolle liest. Dann will sie zelten gehen, weil es regnen wird. Wiederholt kommt ein Holzmännchen in ihr Haus und legt sich ans Feuer. Hilda verbringt die Nacht im Zelt, es ist nicht so toll, obwohl sie sich auf den Regen gefreut hat. Am nächsten Tag geht sie hinaus, um Felsen zu zeichnen. Sie sieht einen Meergeist, der sich im Fluss verirrt hat. Dann findet sie einen Trollfelsen und bindet dem Felsen eine Glocke um die Nase, damit sie hört, wann der Felsen aufwacht. Dann schläft sie ein. Als sie aufwacht, bimmelt die Glocke und sie muss davonrennen.

Ein Riese, der sich nicht auskennt, taucht auf und verschwindet wieder. Hilda kommt zu einem schicken Haus, das sich als das Haus des Holzmännchens herausstellt. Offensichtlich besucht das Holzmännchen Hildas Haus, weil es sich in seinem Haus zu vieler Dinge bewusst ist und sich nicht wohlfühlen kann, sagt es. Ende dieser Erklärung. Das Holzmännchen begleitet Hilda nachhause, doch in der Nacht wartet der Troll draußen, der sich die Glocke nicht abnehmen kann und sehr unter dem Gebimmel leidet. Statt Hilda zu fressen, hat er ihr ihren Skizzenblock mitgebracht, nur ist der von der Spucke durchgeweicht. Am Ende zeltet Hilda wieder glücklich im Regen.

Das ist einfach zu viel. Zu viel sogar für mich. Die Szenen sind zu kurz, um sich wirklich darauf einzulassen, jedes Mal, wenn sich eine Lösung eines Handlungsstrangs anbahnt, springt die Handlung zu einem anderen Strang. Das erfordert Konzentration und macht das Lesen anstrengend. So werde ich nicht in die Geschichte hineingezogen – die Comics fließen nicht. Ich finde, es wäre klüger gewesen, die Geschichten jeweils aufzuteilen und halt in einem Band drei Geschichten hintereinander statt nebeneinander zu erzählen. Der verirrte Riese und der Meergeist könnten in einem Comic, der jeweils eine oder eine halbe Seite füllt, genauer dargestellt werden und vielleicht die Geschichten von einander trennen. Leider sind alle vier Bände so sprunghaft.

Die Erzählweise wäre auch nicht so schlimm, wenn Luke Pearson ihr Platz und Ruhe gegeben hätte. Aber auch das Layout und der Zeichenstil tragen zur generellen Unruhe und Dichte der Comics bei. Auf jeder Seite sind unzählige kleine Panels – das sind in Comics die einzelnen Bilder – deren Format sich andauernd ändert. In “Hilda und der Troll” ändert sich an und ab auch die Form der Panels, das nimmt in den folgenden Bänden wenigstens ab.

Konstant bleibt aber, dass die Abfolge der Bilder nicht immer linear ist, d.h., es ist nicht ersichtlich, ob die Panels waagrecht von links nach rechts, senkrecht von oben nach unten, dann links nach rechts, im Uhrzeigersinn oder wie auch immer gelesen werden sollen. Manchmal ist es relativ klar ersichtlich, z.B. wenn sich eine Schüssel mit Essen immer mehr leert, aber öfter ist es unklar. Auch das unterbricht den Lesefluss enorm. Natürlich kann diese Art von Layout auch dazu dienen, eine Szene in Fragmenten darzustellen, um einen bestimmten Eindruck zu erwecken, aber in den Hilda-Comics wird es vor allem dazu verwendet, um mehr – Text, Handlung, Eindrücke – auf kleineren Flächen unterzubringen.

Auch der Zeichenstil verändert sich von Comicband zu Comicband stark – einmal hat Hildas Mutter Wimpern, dann nicht mehr. Einmal sind die Figuren eckig, dann rund. Hilda hat in “Hilda und der Mitternachtsriese” Sommersprossen, in den Bänden davor und danach aber nicht. Gut, ein_e Zeichner_in kann sich weiterentwickeln bzw. ist ein Stilwechsel auch reizvoll. Aber: Genau wie die Erzählweise, die verschiedenen Formate der Panels, die Nonlinearität des Layouts, der mit zu vielen Details vollgestopfte Zeichenstil und die Scherze, der Sarkasmus und die Nicht-Erklärungen sind das alles sehr fortgeschrittene Comic- bzw. Erzähltechniken. Klar können die auch schon früh erlernt werden – einige früher als andere – aber nicht alles auf einmal, wie in diesen Comics.

Ich kann euch also nur empfehlen, die Hilda-Comics von Luke Pearson eher erst einmal aus der Bücherei oder Bibliothek auszuleihen und an den euch umgebenden Kindern zu testen, bevor ihr sie kauft oder verschenkt. Außer sie gefallen euch selbst, dann nur zu. Ich hätte ehrlich gesagt selbst nicht gedacht, dass ich so viel daran auszusetzen finde. Normalerweise achte ich auch nicht so genau auf Layout, Panels, all das, was ich oben aufgezählt habe – aber ich wollte dem komischen Gefühl das ich hatte auf den Grund gehen. Für mich ist es kein Wunder, dass die Hilda-Comics Erwachsenen besser gefallen – Luke Pearson hat sie für erfahrene Comicleser_innen gestaltet, nicht für Kinder.

… dann fresse ich euch auf!

Eines meiner absoluten Lieblingsbilderbücher – zum Vorlesen, zum Selberlesen, zum Verschenken – ist “Der Tag an dem Louis gefressen wurde” von John Fardell, hier im Bild in der englischen Ausgabe. Es ist ein sehr witziges und dynamisches Buch mit einer technisch begabten und sportlichen großen Schwester und lustigen Monstern.

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Dabei ist die Geschichte simpel: Sarah und Louis sind im Wald unterwegs, da kommt ein Schluckster und – Schluck! – frisst Louis auf! Sarah sammelt nur kurz etwas auf und rast dann dem Schluckster hinterher, dass die Reifen quietschen. Fast hat sie den Schluckster erreicht, als der unglücklicherweise von einem Grabscherix gefressen wird. Das ist ein Vogel, der auf einem Nest im Meer wohnt, also baut Sarah ihr Fahrrad so um, dass es schwimmen kann.

So geht es weiter – jedes Mal, wenn Sarah das aktuelle Monster fast erreicht hat, kommt ein anderes und frisst es. Sarah baut dann jedes Mal ihr Fahrrad um, damit sie sich unter Wasser, mit Windantrieb, auf Stelzen kletternd fortbewegen kann. Schließlich erreicht sie das letzte Monster, ohne dass dieses auch noch gefressen wird und wartet, bis es eingeschlafen ist. Sie klettert in den Bauch des Monsters und findet dort den unverdauten Louis.

Mit Hilfe eines Schluckauf-Frosches, den sie zu Beginn der Geschichte eingesammelt hatte, verschafft Sarah allen Monstern heftiges Bauchzucken, bis sie einander ausspucken. Dann haben alle Monster natürlich großen Hunger und verschwinden erst, als Louis droht, sie aufzufressen. Sarah baut ihr Fahrrad ein letztes Mal um, so dass es fliegen kann und die Geschwister fliegen nachhause.

Vielleicht liegt es daran, dass ich auch eine große Schwester eines kleinen Bruders bin, dass mir das Buch so gefällt, aber es liegt sicher auch daran, dass die Geschichte einfach witzig ist. Es sind Fantasietiere, die sich hier fressen, mit ausgefallenen Namen und vielen Geräuscheffekten. Eigentlich ist es nicht so sehr ein Bilderbuch, sondern ein Comic, es fehlen nur die Sprechblasen. Ich mag auch, dass Sarah ihr Fahrrad jedes Mal so genial umbaut. Am Liebsten mag ich aber, dass das Buch einige feine Details bereithält, die mir erst beim wiederholten Lesen aufgefallen sind. Leider sind die Figuren wiederum weiß und eine kleine Schwester wäre auch ok gewesen.

Das Buch ist wirklich ideal zum Vor- und Selbstlesen, für jede Anzahl von Kindern, von 3 bis 8. Die vielen Geräusche machen das Vorlesen lebendig und die Wiederholungen erschaffen ein Ritual, die Kinder wissen schon was kommt und freuen sich, wenn ihre Vermutung bestätigt wird. Besonders spannend ist auch die Zeichnung, die zeigt, wie Sarah in die Bäuche der Monster steigt, immer weiter hinein. Es eignet sich als letztes Buch in einer Vorlesereihe, da Sarah und Louis am Ende nachhause fliegen, wie die Kinder auch.