Bestrickender Widerstand

Es gibt so ein paar Dinge, auf die ich bei Bilderbüchern besonders anspreche, nämlich unter anderem auf Katzen, Hasen, Schafe und Stricken. “Extra Garn” von Mac Barnett, illustriert von Jon Klassen, ist ein besonders schönes Strickbilderbuch, von Anfang bis Ende. Auf der Verlagsseite gibt es einen guten Blick ins Buch.

20160902_175056 Die Hauptfigur in “Extra Garn” ist Annabelle, die in einer tristen, schwarz-weißen Stadt lebt. Eines Tages findet sie eine kleine Truhe mit Stricknadeln und buntem Garn und sie strickt sich einen Pullover und dann einen für ihren Hund, denn es ist immer noch Garn da. Als sie spazieren geht, trifft sie Nico, der sie auslacht, weil er eifersüchtig auf ihren bunten Pulli ist. Also strickt Annabelle einen Pulli für ihn und seinen Hund und es ist immer noch Garn da. In der Schule drehen sich alle Kinder nach ihr um und der Lehrer maßregelt Annabelle, weil sie die Klasse ablenkt. Also beschließt sie, Pullis für alle Kinder zu stricken, obwohl der Lehrer meint, das würde sie nie schaffen. Aber Annabelle schafft es.

Und so geht es weiter – Annabelle bestrickt alle Menschen, dann alle Tiere und dann schließlich die Häuser, Autos, Briefkästen usw. Die Stadt wird ganz bunt und Annabelles Garn erregt immer mehr Aufmerksamkeit. Ein Erzherzog kommt und will die Truhe kaufen, doch Annabelle weigert sich. Also lässt der Erzherzog die Truhe stehlen. Als er zuhause ankommt, muss er aber feststellen, dass die Truhe leer ist und er wirft sie wütend aus dem Fenster. Dabei verflucht er Annabelle, dass sie nie glücklich sein werde. Die Truhe überquert das Meer und findet ihren Weg zurück zu Annabelle, die munter weiterstrickt und eben doch glücklich ist.

Und genau das mag ich an dem Buch: Annabelle lässt sich nicht beirren, dreinreden oder ablenken, sondern sie macht einfach ihr Ding, nach und nach, bis sie die Stadt komplett verändert hat. Wie im Alltag auch, sind es vor allem als Jungen bzw. Männer lesbare Figuren, die Annabelle sagen, sie würde nicht schaffen, so viel zu stricken, aber Annabelle macht einfach weiter. Und auch die Vorgaben des Erzherogs erfüllt sie schlicht nicht – weder verkauft sie ihr Garn, auch nicht um 10 Millionen Dukaten, noch ist sie ihr Leben lang unglücklich. Ohne den Konflikt mit dem Erzherzog wäre “Extra Garn” ein reines Aufzählbuch, aber so erhält es zum Ende hin noch mehr Dynamik.

Es gibt durchaus einige Kritikpunkte – z.B. sind alle Figuren in dem Buch weiß. Auch das Bestricken von Häusern, Bäumen, Briefkästen, Fahrzeugen als Anzeichen von Gentrifizierung kann kritisch diskutiert werden, sowie der Wert der Handarbeit generell, denn Annabelle verlangt für ihre Arbeit keine Gegenleistung. Auch gibt es viel mehr männliche Figuren als weibliche und das generische Maskulinum hätte durchaus vermieden werden können. Diskutierbar ist auch, ob der Erzherzog mit Interesse an Mode als queerer Bösewicht stereotypisiert wird oder nicht – ich finde nicht, aber diskutierbar ist es.

“Extra Garn” ist eigentlich ein recht langes Buch, erscheint aber nicht so, denn es gibt nicht übermäßig viel Text. Die Bilder ergänzen, was der Text nicht explizit aufzählt und so eignet es sich zum Vorlesen in größeren Gruppen schon für sehr kleine Kinder, also ab ca. 3 1/2, dank der dynamischen Geschichte aber bis ca. 7 oder sogar 8. Was die Illustrationen angeht: Jon Klassen ist ein bekannter Kinderbuchautor und Illustrator und hat einen eigenen Stil, der besonders an den Tieren gut erkennbar ist. Seine holzschnittartigen Illustrationen sind klar und nicht zu überfrachtet, aber trotzdem mit genug Details versehen, dass sie interessant bleiben. Obwohl das Buch immer bunter wird, je länger Annabelle strickt, bleibt die Buntheit der Wolle doch durch den vielen Weißraum speziell und einzigartig.

Alles in Allem: Große Empfehlung.

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