Es gibt Regeln für den Sommer?

Die Regeln des Sommers von Shaun Tan mit Katze“Die Regeln des Sommers” von Shaun Tan, einem chinesisch-australischen Autor, Illustrator, Filmemacher, Comiczeichner, übersetzt von Eike Schönfeld und im Verlag Aladin erschienen, ist quasi ein “Ausnahmebuch”, das meinen hier aufgeführten Kriterien nicht ganz entspricht, da die Hauptfiguren männlich* lesbar sind, auch wenn sie nicht weiß sind. Aber es passt zur Situation der Niblinge, spezifisch für Nibling2 und deshalb verschenke ich es auch – und es ist ein faszinierendes Buch, darum stelle ich es vor.

Als ich es zum ersten Mal las, blätterte ich nicht bis zum Ende durch und nahm an, dass die Regeln des Sommers relativ zufällig und ohne Zusammenhang aufgestellt wurden. Beim zweiten Lesen kam ich dann bis zum Schluss und begriff, dass es doch eine Geschichte gibt, aber der Anfang erschien mir nicht mit dem Ende verknüpft. Erst beim dritten Lesen – diesmal ohne Zeitdruck – begriff ich die Geschichte endlich: Es geht um Geschwister.

Die erste Hälfte wird aus der Perspektive des jüngeren Kindes erzählt, die zweite aus der des älteren. Das ältere Kind ist es, das die Regeln des Sommers aufstellt – meistens zu spät, als dass sie das jüngere Kind befolgen könnte. Daraus ergeben sich Konsequenzen, manchmal kleinere, manchmal größere. Konkret z.B. fangen die Kinder auf dem Dach Leuchtwesen mit Netzen, das Glas des jüngeren Kindes fällt runter – die Regel lautet: Nie dein Glas runterfallen lassen. Oder auf einer Party mit lauter Gestalten, die Falkenköpfe haben hält das ältere Kind das jüngere davon ab, die letzte Olive zu essen – die Regel lautet: “Nie auf einer Party die letzte Olive essen”. Oder das ältere Kind verweigert dem jüngeren den Zutritt zu einem ummauerten Garten: “Nie das Passwort vergessen.”

Beim genauen Lesen als Erwachsene, die selbst ein älteres Geschwister war, zeigen sich mir alle Aspekte der Geschwisterbeziehung: Dieses zwischen Beschützen wollen, sich kümmern müssen, Arbeit aufgehalst kriegen, Ausschlüssen, Macht, ruinierten Plänen und ausgelösten Katastrophen changierende – bis die Situation kippt. Es kommt zum Streit, der auch physisch stattfindet – und zum Verrat. Das ältere Kind verkauft das jüngere an die Krähen, die es in eine unheimliche Lokomotive sperren, die immer weiter aus der Stadt fährt und fast im Dunkeln verschwindet.

Die Perspektive wechselt und das ältere Kind übernimmt die Erzählung. Die erste Regel nach ein paar Seiten ohne Text lautet nun “Immer einen Bolzenschneider mitführen” – das jüngere Kind wird vom älteren gerettet. Die letzte Regel lautet dann: “Nie den letzten Sommertag verpassen” und das Buch endet bei Popcorn und trauter Harmonie vor dem Fernseher.

Es ist also trotz des spärlichen Texts kein Bilderbuch für kleine Kinder. Dafür ist es viel zu unheimlich und die Szenarien und Bilder sind zum Teil sehr bedrohlich und trotz der magischen Komponente zum Teil zu real, z.B. in einem Bild wird das Treten auf eine Schnecke mit dem Auslösen eines Tornados verknüpft. Aber die Bilder – jedes davon ist ein eigenes Gemälde – sind unheimlich schön und über die Geschichte, die Situationen und die Beziehung zwischen den Kindern lässt sich viel nachdenken und reden. Auf seiner Website hat Shaun Tan ausführliche Kommentare zu den einzelnen Bildern geschrieben, die sehr lesenswert sind (auf der Seite von “Rules of Summer” nach unten scrollen).

Ich habe das Buch einer Klasse von 10jährigen vorgelesen, die sich rege mit Fragen beteiligt haben, aber ein so richtiges Vorlesebuch für große Gruppen ist es nicht, eher für gemeinsames Anschauen zu zweit ab ca. 8 Jahren oder ganz alleine.

Waschanleitung für Wollmammuts

Wie man ein Wollmammut wäscht von Michelle Robinson und Kate Hindley mit KatzeEines der Bücher, das ich erst vor Kurzem, aber begeistert, in mein Vorleserepertoire aufgenommen habe, ist “Wie man ein Wollmammut wäscht” von Michelle Robinson und Kate Hindley, übersetzt von Andreas Steinhöfel, erschienen 2015 im Verlag Gerstenberg. Es gefällt mir tatsächlich so gut, dass ich es auch Nibling2 weiterschenke.

Das Buch enthält Schritt für Schritt eine Anleitung, wie ein Hauswollmammut zu waschen ist und zeigt die Auswirkungen der Schritte in den Illustrationen. Das Thema des Buches kann als “ein großes Projekt angehen” zusammengefasst werden, wie Sue Heavenrich in ihrem Blogpost darüber schreibt, in dem sie auch Ideen für weiterführende Aktivitäten aufführt.

Es zeigt sich aber schon beim ersten Schritt der Anleitung – “Befülle die Badewanne.” – dass nie alles nach Plan verläuft, denn: “Falls dein Mammut gerade Durst hat, könnte das eine Weile dauern.” Verschiedene Ansätze, wie das Mammut in die Wanne zu kriegen ist, werden gezeigt, dann beginnt das Badevergnügen.

Als aber Shampoo in die Augen des Mammuts kommt, rennt es davon und klettert auf einen Baum und so bietet dann der 8. Schritt eine Anleitung, wie ein Wollmammut vom Baum zu kriegen ist, nämlich mit einem stabilen Trampolin. Das Mammut springt daneben, landet im Gatsch und danach braucht auch das Kind ein Bad, also gehen sie gemeinsam in die Wanne. Kooperation statt Badezwang bringt dann endlich Frieden in die Wanne – und danach wird gekuschelt. Diese Botschaft gefällt mir auch besonders an dem Buch. Ich finde, es regt auch zum eigenen Badespaß und zum Nachdenken über den Umgang mit Haustieren (bitte nicht baden) an.

So wie die Anleitung selbst beginnen auch die Illustrationen recht technisch, mit Diagrammen und Abb.1, 2, 3 usw., doch je dynamischer die Handlung wird, desto dynamischer werden auch die Bilder. Der Fokus liegt dabei auf Kind und Wollmammut, mit einigen netten Details am Rande, aber nicht so viele, dass von der Handlung abgelenkt wird.

Das Kind ist durch Wimpern und ca. schulterlange Haare als Mädchen lesbar, hat aber keinen Namen und ist ansonsten mit Regenjacke, Jeans und Gummistiefeln ausgerüstet. Bei der Szene, in der das Kind versucht, das Mammut in die Wanne zu kriegen, nimmt es eine Monstermaske (auch mit Wimpern <3), ein Skateboard und einen Schwerlastkran zu Hilfe, es gelingt dann schließlich mit Törtchen.

Wenn ich etwas auszusetzen habe, dann an der Sprache. Leider gibt es zwei Stellen im generischen Maskulinum, die sehr einfach hätten vermieden werden können, z.B. im Titel “du” statt “man”, ansonsten wird die_der Leser_in direkt mit “du” angesprochen. In der Szene in der der “Dickwanst” des Mammuts gewaschen wird und zur Vorsicht wegen Kitzeligkeit aufgerufen wird, hätte ich mir “dicker Bauch” gewünscht und so ersetze ich das auch, wenn ich vorlese.

Durch die Kürze und die plakativen Bilder eignet sich das Buch sehr gut zum Vorlesen für Kindergruppen bis 9-10 Jahre bzw. bei weniger Kindern bis 6-7 Jahre würde ich sagen, bzw. natürlich zum selbst Lesen lernen/üben sehr gut. Aber haltet Infos über Permaforst und das Klonen von Mammuts bereit, falls Fragen kommen, wie denn ein Wollmammut als Haustier überhaupt möglich wäre.

Zweisprachig Vorlesen

Das Blog ist tot, lang lebe das Blog! \o/ Aber Buchempfehlungen gehören nun mal ins Buchblog, also geht es nach einem Besuch bei Frau Dr. Frankenstein wieder los.

Ich lese seit bereits 2 Jahren regelmäßig ehrenamtlich in Zweigstellen der Büchereien Wien zweisprachig vor und zwar Bücher, die meinen Vorstellungen entsprechen, also solche mit vorwiegend weiblichen oder nicht eindeutig as weiblich oder männlich lesbaren Hauptfiguren, am besten mit Kindern of Color, außerdem sollen die Geschichten möglichst keinen Rassismus, Sexismus, Cissexismus, Heterosexismus, Klassismus, Ableismus und keine Dickenfeindlichkeit enthalten. Und die Geschichten und Illustrationen sollen gut sein (aber das ist subjektiv). Das perfekte Buch gibt es natürlich leider selten.

Die zweisprachige Geschichtenzeit der Büchereien Wien gibt es in vielen Sprachen, Türkisch, Arabisch, Chinesisch, Russisch, Französisch, etc., meistens finden die Vorlesestunden zwischen 16 und 17 Uhr statt. Früher habe ich noch öfter Schweizerdeutsch und Deutsch vorgelesen, jetzt ist aber vor allem Englisch und Deutsch gefragt. Ich kann wirklich gut Englisch, aber oft komme ich mir vor wie eine Simultanübersetzerin und ab und zu entfällt mir schon mal ein Wort, besonders wenn ich das Buch nicht kenne. Aber das macht nichts.

Ich bringe zwar zum Vorlesen oft eigene Bücher mit, aber da ich zwei Zweigstellen bevorzugt besuche, durchforste ich auch ihre Bestände bzw. die der Hauptbücherei nach Büchern, die ich vorlesen kann. Es wird ja sonst langweilig für die Kinder, die die Bücher schon kennen und ich kann nicht so viele Bücher kaufen. Da dann auch die Auswahl an englischen Kinderbüchern, die in meine Kriterien passen, schnell zu klein wird, nehme ich auch oft Bücher, die aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden und übersetze sie zurück.

Die Kinder sind allgemein sehr geduldig – ich bin immer wieder erstaunt, wie gut sie aufpassen, wie gespannt sie lauschen, welche Fragen sie stellen – und wünsche mir manchmal, ich hätte mehr Zeit bzw. ein großes Tablet, an dem ich manche Sachen nachher besser erklären kann, wie z.B. Permafrost und das Klonen von Mammuts. Manche Kinder lesen auch mit – ein wenig schwieriger, wenn das Buch auf Englisch ist – und bei einer Vorleserunde lasen sogar die Kinder einander und mir gegenseitig vor und stritten sich darum, welches Kind jetzt dran war. Dabei zu beobachten, wie sie lernten, ihren Tonfall bei Satzzeichen richtig anzupassen war eines meiner schönsten Vorleseerlebnisse. Sehr schön ist für mich auch, wenn sie englische Worte wiedererkennen und sie wiederholen, wenn sie die Bücher nachher ausleihen und am schönsten ist es natürlich, wenn ihnen die Geschichte offenkundig Spaß macht.

Das Alter der Kinder, denen ich vorlese, ist ziemlich unterschiedlich. An einer Zweigstelle sind sie zwischen 3 und höchstens 7, also brauche ich dort Bücher mit wenig Text, vielen erklärenden Bildern und trotzdem Geschichten, die auch noch 7jährige interessieren. In der anderen Zweigstelle sind die Kinder schon etwas älter, bis ca. 9-10, aber all zu lange Texte werden trotzdem fad, schließlich lese ich sie zuerst in der einen Sprache, dann in der anderen vor. Manchmal hören auch erwachsene Bezugspersonen der Kinder zu – je kleiner die Kinder, desto mehr Erwachsene im Publikum.

Welche Bücher klappen und welche nicht, merke ich an der Reaktion der Kinder – wenn sie wegschauen, sich unterhalten, wegwandern, dann ist ihnen langweilig. Mir macht das nichts aus, ich finde es nur spannend und wegwandern dürfen sie immer. Es liegt auch nicht immer am Buch – meine Vorlesezeit dauert offiziell eine Stunde und das ist sehr lange für Kinder, egal welches Alter sie haben.

Zur Frage: Aber was ist mit Buben, wie bringen wir die zum Lesen, die lesen ja keine “Mädchenbücher” bitte diesen Artikel von Tricia Lowther auf Let Toys be Toys lesen (tl;dr: die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse ist ein viel stärkerer Indikator dafür ob ein Kind gerne liest oder nicht) – weiteres Material findet sich am Ende des Artikels. Manchmal lese ich aus Notwendigkeit (keine anderen Bücher gefunden) auch Bücher mit männlichen Hauptfiguren vor. In den Gruppen, denen ich vorlese, sind als Buben bzw. als Mädchen lesbare Kinder gleichermaßen vertreten und sie hören allen Geschichten gleichermaßen zu (wenn sie gut sind), ob jetzt ein Bub die Hauptfigur ist oder ein Mädchen. In ihrem restlichen Medienkonsum sind aber weiße, heterosexuelle, cis-männliche Figuren so dominant vertreten bzw. werden es sein, dass sich kein Mensch Sorgen machen muss, sie kämen zu kurz.

Die Bücher, die mir am meisten gefallen, schenke ich dann auch meinen Niblingen – und manchmal schenke ich ihnen Bücher, die ich aus verschiedenen Gründen nicht vorlese, denn wie gesagt, nicht jedes Buch eignet sich dazu, Gruppen von Kindern vorgelesen zu werden. Ich werde hier trotzdem ein paar davon vorstellen.