#teamharpy und Konversationen, die wir nicht führen

Makerspaces. 3D-Drucker. Die papierlose Bibliothek. Bibliotheksgemeinschaftsgärten, Ausleihe von Werkzeug, Backformen, Lesebrillen. Barcamps. Informationskompetenz. Ach, Nordamerika, deine Bibliotheken, deine Ideen! Was schauen wir Bibliothekar_innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz uns da nicht gerne ab (bzw. kritisieren diese Entwicklungen und Ideen herzlich gerne, weil nur weil’s aus den USA kommt muss es noch lang nicht gut sein etc. etc. etc.). In einem Punkt schauen wir uns leider sehr wenig ab und das ist die in Nordamerika, also USA und Kanada geführte Debatte über Diversität und soziale Bewegungen im Bibliotheksbereich. Soll heißen, wir thematisieren herzlich wenig Themen wie sexuelle Belästigung, sexistische, rassistische, ableistische, heterosexistische, cissexistische Diskriminierung im Bibliotheksbereich, also zumindest offiziell.

Letztes Jahr legte die American Library Association (ALA) mit ihrem “Statement of Appropriate Conduct at ALA Conferences” fest, welche Verhaltensweisen auf ihren Konferenzen nicht erwünscht sind. Echo im DACH-Bereich? Suche ich “ALA Code of Conduct” bzw. “Statement of Appropriate Conduct” bzw. “ALA Verhaltensregeln” auf einer der recht wichtigen deutschen Bibliotheksmailinglisten, inetbib.de, finde ich … nichts. Dito auf einigen der beliebtesten deutschsprachigen Bibliotheksblogs. Oh, hey, ich habe zwei Erwähnungen gefunden! (Allerdings habe ich auch nichts darüber geschrieben … sollte ich.)

Sexuelle Belästigung auf Konferenzen (und allgemein) ist also ein Thema, das in der nordamerikanischen Bibliosphäre diskutiert wurde und wird. Im Frühling dieses Jahres nannten zwei Bibliothekarinnen*, Lisa Rabey (die den gerade verlinkten Blogpost verfasste) und nina de jesus auf Twitter respektive auf ihrem ausgezeichneten Blog einen Mann beim Namen – Joe Murphy -, der laut ihren Berichten Bibliothekarinnen* auf Konferenzen sexuell belästigt hatte. Dieser Mann hat sie nun verklagt, auf 1,25 Millionen Dollar, da er befindet, sie hätten seinen persönlichen und beruflichen Ruf beschädigt. Nachzulesen ist alles auf dem Blog #teamharpy – unter diesem Hashtag findet auf Twitter auch die Diskussion statt. Reaktionen auf die Klage werden ebenfalls auf dem #teamharpy-Blog gesammelt.

Um ein paar Einwände gleich vorwegzunehmen:

Wer ihren Ton nicht für richtig befindet, bitte “tone policing” oder “tone argument” googlen oder auf Rumbaumeln oder Derailing for Dummies nachlesen.

Nein, sie waren nicht persönlich betroffen, aber sie haben Beweise. Es gab und gibt einen Aufruf an Zeug_innen, sich zu melden, wobei sowohl Lisa Rabey als auch nina de jesus Verständnis für die Zeug_innen haben, die sich nicht melden, da sie wissen, dass es dafür gute Gründe gibt.

Wer meint, die betroffenen Personen hätten sich zuerst an die angemessenen Stellen bzw. Autoritätspersonen wenden sollen: Haben sie. Tun sie. Leider kam bzw. kommt dabei allzu oft nichts heraus bzw. gibt es den ALA Code of Conduct eben erst seit letztem November. Davor gab es bei der ALA keine Stelle, wo diese Übergriffe gemeldet werden konnten.

Und jetzt ist da diese Klage gegen zwei Frauen*, die es gewagt haben, klare Worte auszusprechen. Sie sollen mundtot gemacht werden. Ob sich von nun an eine direkt betroffene Person zu Wort melden wird, wenn sie weiß, dass ihr im Zweifel eine Millionenklage ins Haus steht? Das ist das gefährliche an dieser Klage: Sie schafft ein Klima, in dem das Auf- und Anzeigen von Übergriffen erschwert wird und damit ein Klima, in dem Bibliothekarinnen* nicht unbeschwert ihrer Arbeit nachgehen können. Ich finde das äußerst bedenklich und hoffe, dass Joe Murphy es sich anders überlegt und die Klage fallen lässt und sein Verhalten reflektiert. Durch den aus der Klage entstandenen Streisand-Effekt hat er sich wohl selbst am meisten ins Aus manövriert.

Falls ihr #teamharpy unterstützen möchtet, könnt ihr hier eine Petition unterschreiben, die Joe Murphy dazu auffordert, die Klage fallen zu lassen. Oder ihr könnt für #teamharpy spenden, denn die beiden haben nicht sehr viel Geld. Das ist ein weiterer gefährlicher Aspekt dieser Klage: Ausdauernd wehren können sich nur die Reichen.

Und dann können wir vielleicht einmal beginnen darüber zu reden, warum offizielle Verhaltensregeln auf Konferenzen eine gute Idee sind, selbst wenn wir alle lieber glauben, hier in DACH bräuchten wir das nicht.

2 thoughts on “#teamharpy und Konversationen, die wir nicht führen

  1. Bei uns gibt’s die Diskussion nicht, weil es das Problem nicht gibt!!!

    Lahmen Scherz beiseite: Es gab 2012 eine Diskussion und anschließend eine Abstimmung darüber ob der Bibliothekartag umbenannt werden soll, z.B. in Bibliothekstag. Ist nicht passiert. Wird auch 2015 noch Bibliothekartag heißen. Es ist zäh, langsam und ermüdend.

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