Warum (queer-)feministisches Wissen speichern?

Nachdem wir in unserem ersten Post unserer Blogserie unser Konzept vorgestellt haben, folgt nun unser erster inhaltlicher Beitrag zur Frage, wie Feminismen digital archiviert werden können. Wir diskutieren in diesem Beitrag zunächst die Frage, warum (queer-)feministisches Wissen und Kunst_Kultur gesammelt werden soll, um daran anschließend Fragen nach Sichtbarmachungen und Verknüpfungen zu behandeln. The english version will follow as soon as possible.

Wer, wenn nicht wir[1]? – Sammlungen

Auch wenn auf den ersten Blick Bibliotheken und Archive mit all den in ihnen gesammelten Dokumenten, Materialien, Büchern, usw. den Anschein erwecken, möglichst jedes produzierte Wissen aufzunehmen, sind ihre Sammlungspolitiken nicht von der bestehenden hegemonialen Gesellschaftsordnung zu trennen. Bibliotheken und Archive sind, wie u.a. Nina de Jesus auf ihrem Blog skizziert hat, ebenfalls Teil von bzw. eigene „oppressive systems“. Wissen und Kunst_Kultur, die außerhalb der androzentristischen, cis-heterosexistischen, ableistischen, klassistischen, rassistischen Norm produziert werden, finden ohnehin nur sehr selten Eingang in die „klassischen“, westlich geprägten Orte des kulturellen Gedächtnisses, wie eben Bibliotheken, Archive aber auch Museen. Durch Sammlungspolitiken, die ihre eigenen Ausschlussmechanismen nicht hinterfragen, schreibt sich die gespeicherte Norm immer weiter und fester in das kulturelle Gedächtnis ein.

Ein beliebtes Abwehrargument „klassischer“ Archive und Bibliotheken ist, dass aus Platz- und vor allem Kostengründen nicht alles gesammelt werden kann. Im Bewusstsein, dass gerade der (geistes- und sozial-)wissenschaftliche und Bildungsbereich finanziell ausgehungert wird, ist die Entwicklung, dass wirtschaftliche Gesichtspunkte zu verstärkten Einschränkungen im Sammlungsverhalten führen, bedenklich. Zu sehen ist dies zum Beispiel an den wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland, die für sogenannte Sondersammelgebiete[2] zuständig sind. Hatten sie zuvor den Auftrag alle verfügbare wissenschaftliche Literatur in allen Sprachen zu ihrem Sammlungsthema – z.B. zeitgenössische Kunst – zu sammeln, wird dieser Sammlungsauftrag sukzessive aus finanziellen Gründen reduziert. Dabei wird darauf verwiesen, dass die Sammlungspolitik ab jetzt mehr auf die Wünsche der Benutzer_innen ausgerichtet werden soll.

Wie lässt sich aber feststellen, welcher Bedarf in Zukunft vorhanden sein wird? Und wie lässt sich die Frage lösen, was zuerst da ist: Bedarf oder Bestand? Die Ausrichtung von Sammlungsaktivitäten auf die Wünsche der Nutzer_innen ist einerseits ein vorgeschobener Grund und andererseits deshalb gefährlich, da die hegemoniale Gesellschaftsordnung nur geringes Interesse an widerständiger Wissensproduktion, wie zum Beispiel (Queer-)Feminismus, hat.

Um diese Ausschlusspraktiken zu durchbrechen und_oder ihnen ein Gegengewicht entgegen zu stellen, wurden u.a. feministische/frauen*spezifische Bibliotheken und Archive gegründet, die marginalisierte Stimmen und ihre Manifestationen systematisch sammeln, Speicherplatz zur Verfügung stellen und damit dem Gegendiskurs Raum ermöglichen. Geprägt sind diese Bibliotheken und Archive durch den Gedanken „Wer, wenn nicht wir?“, der dem Bewusstsein entspringt, dass es den widerständigen Bewegungen selbst obliegt ihre Wissensproduktionen und Kunst_Kultur mit selbstdefinierter und –erarbeiteter Kontextualisierung zu speichern.

Die Frage „Wer, wenn nicht wir?“ müssen wir auch der Sammlung von nicht-textuellen und digitalen (queer-)feministischen Quellen zugrunde legen. Wir verstehen dabei mit Sabine Hark gesprochen Texte bzw. in unserem Sinne digitale sowie physische Quellen als politische Artefakte, die auch politische Macht in sich tragen, also verändern und bewirken können.[3] Denn Wissensproduktionen und Kunst_Kultur in einem (queer-)feministischen Kontext wird nicht nur zwischen Buchdeckeln produziert, sondern beinhaltet zum Beispiel Transparente, Plakate, Buttons, Sticker, Kunst, Handwerk, Musik, Comics, Zeitschriften, Zeitungen, Manifeste, Fotos, Flyer, Filme, Kleidung und noch viel mehr. Diese werden bisher selten in „klassischen“ Bibliotheken und Archiven gespeichert. Noch viel weniger gespeichert werden die digitalen Quellen der Bewegung, die sich in Memes, Blogposts, digitalen Fotos, Videos, Tweets, Podcasts, Statusupdates, E-Books, Webcomics, tumblrs, Bilder, GIFs, Musik, Pins und noch vielem mehr ausdrücken. Jedoch würden durch ihre digitale Speicherung und Zugänglichmachung die Quellen besser sichtbar und könnten, wie wir unten erläutern, auch miteinander verknüpft werden.

Sichtbarmachungen

Oft entsteht – zumindest bei uns – bei der Beschäftigung mit (Queer-)Feminismus der Eindruck, dass sich Diskurse und Diskussionen wiederholen. Dies liegt einerseits an den hegemonialen Gesellschaftsstrukturen und daraus folgende Backlashes, wie bei der Abtreibungsdebatte, aber andererseits auch daran, dass es lange Zeit keine feministische Geschichtsschreibung und breite Vermittlung gab und weiterhin nur eingeschränkt gibt und daher auch kein oder nur schwer Bezug zu bereits vorhandenem Wissen möglich war bzw. ist. Doch auch die feministische Geschichtsschreibung produziert Ausschlüsse, bildet zum Beispiel nur im geringem Ausmaß die Wissensproduktion und Kunst_Kultur von Women* of Colour ab und schreibt die Unterteilung der (queer-)feministischen Bewegung in Wellen fest.

Durch eine antirassistische, antiklassistische, antiableistische, anticisheterosexistische, antiandrozentristische, usw. (digitale) Sammlungspolitik von (queer-)feministischer Wissensproduktion und Kunst_Kultur näheren wir uns einer Sichtbarmachung von pluralen Zugängen, parallelen Diskursen und vielfältigen Auffassungen von (Queer-)Feminismus an. Die Sammlung und Speicherung von diversen digitalen und physischen Quellen des (Queer-)Feminismus dienen dabei der Sichtbarmachung der Bewegung als Ganzes, der einzelnen Strömungen und Themenkreise in dieser, individueller Personen und_oder singulärer Ereignisse. Erst durch ihre Sichtbarmachung entsteht die Möglichkeit auf Vorbilder und Identifikationsfiguren zurückgreifen zu können. Durch die Auseinandersetzung mit Quellen kann einerseits ein historischer Bezug hergestellt und eine historische Perspektive eingenommen und andererseits Bewusstsein geschärft und vertieft werden.

Konkret gesagt heißt das z.B. dass durch die Archivierung und Zugänglichmachung von persönlichen On- und Offlinedokumenten unter Wahrung des Datenschutzes, Leben, Lebensformen, Werk(e), Errungenschaften, Scheitern, Widersprüchlichkeiten, Widerständigkeiten – der ganze Facettenreichtum einer Person – sichtbar werden.[4] Die Bewegung bekommt dadurch ein Gesicht, ist nicht mehr nackte Theorie oder wie Susanne Maurer schreibt: „Die Bedeutung feministischer Theoretikerinnen [und anderer Wissensproduzent_innen, Anm. az und uk] als ‚Vor-Bilder‘ ist dabei nicht zu unterschätzen, repräsentieren sie doch die ‚Möglichkeit weiblicher Intellektualität‘ selbst, ein in der vorherrschenden symbolischen Ordnung nach wie vor nicht selbstverständlicher Umstand.“[5]

Verknüpfungen

Punktuelle Speicherungen von (queer-)feministischen Wissensproduktionen sowie Kunst_Kultur gibt es bereits, wie z.B. feministische Bibliotheken und Archive [6], einzelne Druck- und andere Werke, die in „klassischen“ Bibliotheken und Archiven zu finden sind, sowie einzelne Initiativen im Internet, wie z.B. archive.org. Doch leider sind die Quellen durch die Verstreuung unsichtbar, erhalten dadurch auch nicht das notwendige algorithmische Gewicht, um bei Suchanfragen an oberer Stelle bzw. überhaupt angezeigt zu werden.

Zum Beispiel werden ältere (proto-)(queer-)feministische Druckwerke in Digitalisierungsprojekten erfasst bzw. digitalisiert und via Bibliothekskatalogen und übergreifenden Plattformen zur Verfügung gestellt. Jedoch werden diese Dokumente nicht zusammengeführt, d.h. es gibt keine uns bekannte (queer)feministische zentrale Stelle oder Plattform – also eine Art (queer-)feministische Europeana – an die sich Benutzer_innen wenden können und in der die Druckwerke mit anderen Quellen in einen globalen (queer)feministischen Kontext gebettet werden, was Vergleiche, Anknüpfungspunkte und das Herstellen von Parallelitäten erschwert.[7] Verknüpfungen, Zitierungen, Verweise, die auf einer zentralen digitalen Plattform zur Verfügung stehen, ermöglichen einen Kontext der Quellen untereinander herzustellen. Sie dienen dabei sowohl als Beleg für Argumentationen als auch der Informationsverbreitung. Dies alles ermöglicht neues Wissen und neue Kunst_Kultur zu produzieren und zu kontextualisieren.

(Queer-)Feministische Wissensproduktionen und Kunst_Kultur sollten demnach unserer Ansicht nach aus drei Gründen (digital) gespeichert und zugänglich gemacht werden: Sammlung, Sichtbarmachungen und Verknüpfungen. Diese sind, wie wir gezeigt haben, untrennbar miteinander verbunden, bedingen und verweisen aufeinander. In unserem nächsten Post beschäftigen wir uns mit der Frage was gespeichert werden soll.

[1] Unter dem Wir verstehen die beiden Schreiberinnen* Personen, die sich (queer-)feministisch auf verschiedene Art und Weise engagieren, wobei dies nicht immer zwangsläufig unter diesem Label passieren muss. Wir als Schreiberinnen* setzen uns in einem späteren Blogpost noch intensiver mit dieser Frage auseinander und greifen daher auf diese vorläufige und damit auch nicht festgeschriebene Definition zurück. Sprechen wir im Text selbst von einem „wir“, so sind hier Anna und Ulli, die Schreiberinnen*, gemeint.

[2] Interessanterweise finden sich in diesen Sondersammelgebieten weder Einträge zu Feminismus noch zur Geschlechterforschung oder gar Queer Theory…

[3] Vgl. Hark, Sabine: Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005, S. 35-37.

[4] Eine Form dieser Sichtbarmachung von Lebensrealitäten findet sich in der Sammlung Frauennachlässe an der Universität Wien, die Lebenszeugnisse von Frauen* sammelt und der Wissenschaft zur Verfügung stellt.

[5] Vgl. Maurer, Susanne: ‚Subjekt‘ als Widerstand? Einige Annäherungen aus feministischer Perspektive: In: Geschlecht zwischen Struktur und Subjekt. Theorie, Praxis, Perspektiven. Hg. von Julia Graf, Kristin Ideler und Sabine Klinger. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich, 2013, S. 131-152, hier: S. 139.

[6] Um eine unvollständige Auswahl zu nennen: STICHWORT Archiv der Frauen- & Lesbenbewegung, ArchFem Interdisziplinäres Archiv für feministische Dokumentation, FFBIZ – Frauenforschungs-, -bildungs- und –informationszentrum e.V., Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek Berlin

[7] Eine Ausnahme ist z.B. das Projekt „Frauen in Bewegung“ von Ariadne in der Österreichischen Nationalbibliothek bzw. das queer-feministische Archiv von MONAliesA in Leipzig, die einen Teilaspekt unserer Überlegungen abdecken: http://www.onb.ac.at/ariadne/ariadne_projekte.htm und http://monaliesa.wordpress.com/bibliothek/queer-feministisches-archiv/

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3 Gründe, warum mein Neujahrsvorsatz scheitern wird

Mein einziger Neujahresvorsatz (und der war nicht total ernst gemeint) war, in Zukunft bessere Blog Titel zu schreiben. Besser heißt in dem Fall für mich interessanter.

Als mir dann der Artikel 11 Scientific Facts About Why You’re Doing Blog Titles All Wrong in die Timeline gespült wurde, habe ich natürlich sofort nachgelesen was die Wissenschaft so herausgefunden hat.

(Nebenbemerkung: Kürzlich las ich das Buch “Trick or Treatment” von Simon Singh. In dem Buch geht es um die Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden. Spoiler Alert: gibt es nicht. Er geht sehr ausführlich darauf ein, was eine seriöse Studie ausmacht. Seither fällt mir noch stärker auf, wie gerne “Wissenschaft”, “Studie” etc. bemüht wird.)

Kurz zusammengefasst meint der Blogpost, dass

  • Titel wichtig für retweets sind (no na)
  • Zahlen öfter angeklickt werden als Zahlwörter (aha)
  • es Wörter gibt, die öfter retweetet werden als andere (no na, lässt aber bedingt auf Titel schließen, mMn)
  • negative Titel öfter angeklickt werden als positive (aha)
  • Titel mit 25-27 Wörtern öfter angeklickt werden als andere (aha)
  • Titel mit mehr Verben und Adverben öfter angeklickt werden als solche mit Nomen und Adjektiven (no na)
  • Teasern angeblich nicht gut funktioniert (Bitte, bitte sagt das jemand Upworthy, buzzfeed, etc.?!)
  • man LeserInnen direkt ansprechen soll (no na)
  • Blogs nicht als Werbung dienen sollen(no na)
  • originell am besten ist (no na)

Es sind insgesamt nur 3 Dinge, die ich so nicht gewusst habe. Die Obsession mit Zahlen und (Besten-)Listen dachte ich eigenen sich nicht so sehr für die Themen über die ich so schreibe. Außerdem begegnen mir diese Titel oft bei Seiten wie buzzfeed, upworthy und so weiter, die keinen besonders guten Ruf genießen – hauptsächlich weil sie keinen eigenen Content erstellen, sondern Content von anderen zusammen mit gemeinfreien Fotos aggregieren und in Form von Bestenlisten veröffentlichen.

Andererseits würde es mir vielleicht leichter fallen meine Gedanken und Worte zu ordnen, wenn ich Blogposts so aufbaue. Ich hab mir mal zur Übung Titel für meine älteren Blogposts ausgedacht:

“5 Gründe, warum du die EU-Konsultation zum Urheberrecht ausfüllen solltest” (Heute letzter Tag übrigens!)

“3 Anzeichen, an denen du erkennst, dass das Bibliothekswesen in den letzten 20 Jahren Fortschritte gemacht hat.” (Zu positiv?)

“3 Features, die den Kindle zum Tolino-Killer machen. Und 1 Grund, warum du trotzdem zum Tolino greifst”

“10 Gründe warum Onleihe-Hörbücher für Android-NutzerInnen ein Krampf sind.”

Die Titelfindung hat überraschend viel Spaß gemacht, aber 100% zufrieden bin ich nicht. Ein bisschen hatschen die Titel noch, finde ich, und auf 26 Wörter komm ich nie! Aber wer weiß, wie die Statistik für Deutsch aussehen würde.