Für neue Kinder- und Jugendliteratur jenseits der Gendernormen

Die Büchereien Wien haben auf Twitter folgenden Artikel getweetet: “Jungs voran” von Tilman Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich nehm den mal ein bisschen auseinander.

Erstens mal nicht zu vergessen, dass sich nicht alle den Kauf von Büchern leisten können, dass Kinder lesender Eltern mehr lesen als Kinder mit Eltern, die nicht lesen, Unterstützung aus dem Elternhaus, die Rarität von in der Elternsprache erhältlichen Kinderbüchern, wenn diese Sprache nicht Deutsch ist. Und dass Lesen als Aktivität leider auch gegendert ist: Mehr Mädchen* als Buben* – obwohl historisch nicht so und leider manchmal immer noch nicht so, bzw. Wertungsunterschiede zwischen “Mädchen*-” und “Buben*literatur”, genauso wie bei “Frauen*-” und “Männer*literatur und bei der Literaturkritik. Und sicher noch viel mehr. Aber ich schaue jetzt einfach nur einmal auf diesen Artikel.

Ich liebe ja schon die Bezeichnung “Patentantenbücher”. So werden Sachbücher bezeichnet, die angeblich bei den beschenkten Kindern zunächst nicht so gut ankommen. Und da muss ja unbedingt “Patentante” genommen werden, nicht etwa “Patenbücher” (um dieses generische Maskulinum mal besser zu nutzen) oder “Verwandtengeschenke” oder so. Außerdem sind Sachbücher bei Kindern beliebt, weil sie bei der Entdeckung und Einordnung der Welt behilflich sind. Wird das Buch nicht geliebt, liegt das nicht nur am Kind, sondern auch am Buch. Gestehen wir Kindern bitte ihre individuellen Zugänge und eigenen Urteile zu und auch die Möglichkeit, Urteile zu revidieren.

Im nächsten Absatz geht es um den Buchmarkt. Ich finde sehr lustig, dass der Autor hier annimmt, dass Kinder und Jugendliche nur Kinder- und Jugendliteratur lesen und dass diese nur von den Eltern bzw. Großeltern gekauft und zur Verfügung gestellt wird. Wenn Kinder und Jugendliche freien Zugang zu Literatur haben, lesen sie auch das, wozu sie Zugang haben. Gibt es also Bücher im Haus bzw. wird die öffentliche Bibliothek besucht und haben Kinder und Jugendliche freien Zugang und Lesefreiheit, dann funktioniert diese Trennung nicht.

Dass der Markt für Kinderbuchliteratur konservativ ist – volle Zustimmung. Leider viel zu konservativ. Siehe die Debatten um Rassismus in Kinderbüchern – und Sexismus, Klassismus, Ableismus, etc., die wir auch führen oder führen sollten. Zu oft wird ohne nochmalige Überprüfung unreflektiert tradiert, was in der eigenen Kindheit und Jugend für gut befunden wurde. Andererseits sind nicht alle “alten” Bücher per se schlecht. Diese Debatte ist eine wichtige und soll mit vielen Stimmen geführt werden.

Sehe ich mir die Zahlen an, die der Autor aus der Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Arbeitsgemeinschaft Jugendbuchverlage zitiert, scheint es so (ohne jetzt die Studie genau zu kennen), als würden Buben* jetzt mehr Bücher kaufen. Gut so.

Lustig aber die Annahme, dass Kinder und Jugendliche “früher” nie selbst bestimmen konnten, was sie lesen. Leider zeigen die Leseverbote der Vergangenheit sowohl, dass bestimmte Lektüre verboten oder verpönt war – aber gleichzeitig zeigen sie auch, dass und was gelesen wurde (so wie viele Aktivitäten nur durch ihr Aufscheinen in Gesetzesbüchern und Strafakten aufscheinen). Gegen die Leseverbote gab es auch immer Widerstand. Tatsächliche Lesefreiheit ist wohl trotzdem rarer gewesen und Zugang zu Lektüre auch. Allerdings gibt es eine lange orale Tradition von Geschichten und Liedern, zu denen der Zugang ähnlich schwer kontrollierbar ist wie der Zugang zu Lektüre.

Aber kommen wir zum Knackpunkt des Artikels aus meiner Sicht. Warum kaufen denn die Jungen* laut dem Journalisten mehr Bücher?

“Vielleicht, weil sie mit Titeln wie „Gregs Tagebuch“, den allgegenwärtigen Piratengeschichten oder auch den realistischen Jugendbüchern mit männlichen Hauptfiguren endlich ein breites Angebot finden, das sie interessiert.”

Und da muss ich dann vollends lachen. Eigentlich ist das ein Satz, den ich lieber Literaturwissenschaftler*innen überlassen würde, die wissen mehr als ich (mischt euch bitte ein! Ich lerne gerne was!)

Jedenfalls hatte/habe ich den Eindruck, dass es lange gar keine spezifische Jugendliteratur gab und die Kinder und Jugendlichen, wenn sie Zugang zu Geschichten (nehmen wir mal das Wort, um orale Traditionen auch hineinzubringen) immer unmittelbaren Zugang zu “realistischen” Geschichten hatten. Was ist überhaupt “realistisch”? Heißt das, dass die “echte” Welt beschrieben wird? Ist ein Lied über den Arbeitsalltag nicht die “echte Welt”? Ist ein Märchen schon “unrealistisch”, auch wenn es verklausuliert die “echte Welt” beschreibt?

Aber mein Hauptpunkt ist: Es gab und gibt schon immer ein “breites Angebot” an männlichen Hauptfiguren, auch, und besonders, in der Kinder- und Jugendbuchliteratur. Wenn ich an die Bibel denke, die – ja – viele Frauenfiguren hat, deren zentrale Akteure aber Männer sind. Wenn ich an die Ritter- und Heldensagen denke, deren zentrale Akteure immer Männer sind. Die Geschichtsbücher über die Cäsaren, Kaiser und Könige, Erfinder und Abenteurer.

Wenn ich an die ganzen Jugendbuchserien denke, die im besten Fall ein oder ui – zwei – “Quotenmädchen” dabeihaben – geschenkt! Einfach nur mal bei den populärsten Kinderbüchern von Erich Kästner durchzählen (Ich liebe Kästner, auch wenn ich gewisse Probleme sehe, kam Kästner in der Rassismusdebatte denn überhaupt vor?), wieviele männliche Hauptfiguren haben: 7 von 9. Meine Lieblingsbuchserie, “Die Kinder von Nummer 67” von Lisa Tetzner (die leider mittlerweile auch teilweise problematisch gesehen werden muss): Unzählige Jungen*, ein paar Mädchen*, auch wenn diese paar Mädchen* tragende Rollen haben. Michael Ende (auch problematisch): 3 der vier großen Werke haben cismännliche* Hauptfiguren. Harry Potter – trotz Hermione – die zentralen Figuren sind Jungen* bzw. Männer.

Geschenkt, dass es “Mädchenbücher” gibt. Genau die beschreiben oft die “echte Welt” am meisten, vermitteln die volle Gendernorm mit Mann, Kindern, Haushalt. Genauso viele Märchen. Leider. Und warum müssen eigentlich Jungen* immer Bücher lesen, in denen Jungen* die Protagonisten sind? Von Mädchen* wird immer verlangt, sich mit eben diesen Protagonisten zu identifizieren, wenn sie nicht nur “Hanni und Nanni” lesen wollen, weil die “Jugendliteratur” eben auch einen Genderbias hat.

Prinzipiell finde ich es großartig, dass gelesen wird. Es ist gut, wenn Bücher gelesen werden. Lesen, Lesespaß, Lesefreude ist wunderbar und wichtig. Ich persönlich habe meine Probleme mit dem Vorschreiben von Lesestoff bzw. welche Geschichten gehört, gesehen, gelesen werden dürfen. Ich bin dafür, dass sich die Leser*innen selbst entscheiden, was sie lesen wollen (das hab ich aber an anderer Stelle schon lang und breit ausgeführt). Aber genauso ist klar, dass ein Buch aus verschiedenen Gründen (kann ja auch langweilig, voller fachlicher oder Druckfehler oder aber eben Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus, etc sein) abgelehnt wird, von den Eltern oder den Kindern selbst, wie es immer mehr geschieht.

Für echte Lesefreiheit braucht es ein diverseres Angebot. Neue Kinder- und Jugendbücher, die sich von den Gendernormen verabschieden und auch andere Diskriminierungsformen nicht mehr weitertragen. Kinder und Jugendliche sollten als mündige Leser*innen (bzw. Medienkonsument*innen, auch wenn mir das Wort nicht gefällt) mit Mitspracherecht noch viel mehr wahr- und vor allem ernstgenommen werden.

Hey, dein Masterarbeitsthema steht nicht in deiner Liste

Vor einer Woche war ich in Berlin und habe vom Auftakt des 3. Semesters außer einer Erkältung, Essen, Comics und einem Buch vor allem ein Ding mitgebracht: Die Gewissheit, wo mein Masterarbeitsthema über den Transport von Geschichte auf Twitter zu verorten ist, nämlich in der Bibliometrie bzw. den Altmetrics. In der Vorlesung zur Bibliometrie kam mir dann eine weitere Idee, die mit 95%iger Sicherheit das Rennen machen wird, weil sie – so sehr mich meine anderen Themen interessieren – mir am Spannendsten vorkommt: Die Analyse des Hashtags #twitterstorians.

Was würde ich da gerne untersuchen?

  1. Wieviel wird pro Tag unter #twitterstorians getwittert?
  2. Wieviele Personen twittern pro Tag unter #twitterstorians?
  3. Wieviele Personen davon sind “offizielle” bzw. im Universitätskontext praktizierende Historiker*innen?
  4. In wievielen Sprachen wird getwittert?
  5. Was wird getwittert (Aufschlüsselung der Themen)?
  6. Wie oft wird gefavt/retweetet?
  7. Was wird verlinkt (Aufschlüsselung der Links nach Artikel/Blogpost/Buch/etc)?
  8. Proportion Verlinkung des eigenen Contents zu Verlinkung anderen Contents
  9. Und was mir sonst noch auffällt und möglich ist.

Ich würde eine Woche oder zweimal 3 Tage als Basissample herannehmen und falls es wirklich leicht geht, möglicherweise noch einen Vergleich mit dem Hashtag #twistoriography (den ich mitentwickelt habe)  einbauen. Warum mir das spannend und nützlich vorkommt? Weil es dann ein Sample gäbe, wie ein Hashtag für eine lose Gruppe – weil eben nicht alle #twitterstorians im Universitätskontext praktizieren bzw. es auch Menschen gibt, die *huch* keine “studierten” Historiker*innen sind und trotzdem am Hashtag teilnehmen bzw. ihn rezipieren – “Dinge” (zum Beispiel wissenschaftlichen Content, aber nicht nur) transportiert und verbreitet.

Jetzt muss ich nur noch a) beginnen, mich in die Altmetrics einzulesen und b) jede Menge Tools finden, die mir bei dieser Arbeit behilflich sein können und sich c) auch in der Arbeit abbilden lassen, denn d) glaube ich nicht, dass es eine Virtuelle Forschungsumgebung für IBI-Student*innen gibt, die sowohl die Tools als auch die Ergebnisse speichert (ich lache jetzt mal fröhlich hier an dieser Stelle), um sie später anderen zugänglich zu machen.

Und die Arbeit wird auf Englisch verfasst werden. Yep.

Aber was ist mit den anderen Themen? Die waren so gut und so spannend?! Ja. Drum werd ich sie nach Lust und Laune weiterbearbeiten – hier auf diesem Blog 🙂

Eine zweite Hauptbücherei für Wien

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U2-Station Winterwüste … ääh, Aspern Nord.

Heute wird die Wiener U-Bahnlinie U2 um drei Stationen verlängert, in die Seestadt Aspern, ein neuer Stadtteil, der auf einem ehemaligen Flugfeld rund um einen kleinen See entstehen soll. Die U-Bahn ist schon da, die Anbindung an die S-Bahn soll folgen. 20.000 Menschen sollen einmal in diesem Stadteil wohnen, in den Wiener Bezirken die östlich der Donau liegen, lebten 2007 150.000 Menschen, bis 2030 sollen es 190.000 sein – mit den Gemeinden außerhalb der Stadtgrenze sind und werden es sicher noch mehr.

Schon vor dem 2. Weltkrieg war eine große Zentralbücherei für Wien im Gespräch (danke an @vega75 für den Link), seit 2003 gibt es neben den vielen Zweigstellen in den Bezirken die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz auf der Westseite Wiens. Davor befand sie sich nicht weit von ihrem jetztigen Standort in der Skodagasse, im 8. Bezirk.

Es ist nicht allzu schwer, aus den Bezirken über der Donau zur Hauptbücherei zu gelangen, wenn der Wohnort nahe einer U-Bahn oder Straßenbahn gelegen ist, es kann einfach ein wenig dauern. Natürlich gibt es auch im 21. und 22. Bezirk Zweigstellenbibliotheken. Aber …

Wäre der komplette Neubau eines neuen Stadtteils nicht auch die Möglichkeit, eine zweite Hauptbücherei zu bauen? Eine mit Raum für die Entwicklungen der letzten Jahre und mit neuen Konzepten? Makerspaces, Räume, die stundenweise zur Verfügung gestellt werden können, Veranstaltungsräume, genug Platz für den Medienzuwachs? Wie meine Traumbibliothek aussieht, habe ich ja schon mal aufgeschrieben. Neben vielen anderen Städten machen z.B. Sidney und Paris vor, wie sie sich die Bibliotheken der Zukunft vorstellen. Eine zweite Hauptbücherei im Osten Wiens wäre ein Anziehungspunkt für viele, über die Landesgrenzen hinaus, denn bis Bratislava ist es nicht mehr weit.

Leider steht eine solche Bücherei nur in den Sternen, nicht im 2007 beschlossenen Masterplan. Ein einziges Mal wird darin eine “Bücherei” erwähnt, auf Seite 98 für das Quartier 1 im Südwesten, das am schnellsten entstehen soll:

Eine Liste möglicher Projektideen für das lokale Zentrum der Etappe 1 lässt sich mit etwas Phantasie schnell zusammenstellen und wird von interessierten Bauherren, BetreiberInnen und unternehmerischen Geistern im Zusammenwirken mit der Projektentwicklungsgesellschaft bereits sehr frühzeitig realisiert und erweitert werden können: „Stadthaus“ mit Flugfeld Infozentrum, Entwicklungs-, Bau- und Vermarktungsbüro der Flugfeld-Entwicklungsgesellschaft, Sitz des Gebietsmanagementbüros, anmietbare Flächen für Außenstellen von Behörden, Bücherei, Kurse, private Veranstaltungen; Nahversorgungsgeschäfte, Marktplatz oder –halle, Kioske, 24-Stunden-Shop (ev. in Kombination mit einer Tankstelle); Gastronomie in Pavillons (vgl. etwa Naschmarkt, Kunsthalle Karlsplatz, Oktogon am Himmel…), eingemietet in Erdgeschoßen der fixen Gebäude an Hauptplatz, Hauptstraße und am See; „Hangar 1“ für Kultur-, Kino- oder Freizeitveranstaltungen; Schulen mit Nachmittags- und Freizeitprogramm (Sport, Kurse…), Kindergärten, Studentenheim; Laufstrecke, Spiel- und Lagerwiesen, Sport-Spielfelder, Sauna-/Wellnessdorf (Natursauna), Ateliers, Werkstätten, Freiluftbühne/Arena, Seeuferpromenade…

“Bibliothek” kommt nur im Abbildungsverzeichnis auf Seite 128 vor – ein Bild stammt aus der Österreichischen Nationalbibliothek. Das klingt nicht danach, als wäre eine neue Hauptbücherei geplant.

Auch auf der Projekthomepage finden sich bei der Suche nach “Bücherei” und “Bibliothek” genau 0 Treffer. Weder bei der Planung von Einrichtungen aus dem tertiären Bildungsbereich, noch bei der Beantwortung der Frage, welche Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen angesiedelt werden sollen, noch bei der Frage nach den geplanten öffentlichen Einrichtungen werden Büchereien oder Bibliotheken erwähnt.

Schade.