1, 2 oder 3 – die Masterarbeit kündigt sich an

In eineinhalb Monaten reise ich für den Beginn meines zweiten Studienjahres nach Berlin. Dort studiere ich an der Humboldt-Universität Bibliotheks- und Informationswissenschaften im Masterstudiengang. (Ich mache also quasi den Master of Library and Information Science (MaLIS) bei Humboldt. Ja, diesen Witz erzähle ich, seit ich dort aufgenommen wurde.) Über den Winter ist das Schreiben meiner Masterarbeit angesagt. Aber welches Thema soll ich wählen? Warnung: Zynismus, Sarkasmus, Polemik.

Thema Nummer 1 (und mein liebstes): Wie wird Geschichte auf Twitter transportiert und wie können Informationseinrichtungen (Bibliotheken, Archive, Museen & mehr) sich daran beteiligen, d.h. Menschen für das Thema begeistern, auf ihre Bestände & Services aufmerksam machen, für sich Werbung machen, in Kontakt mit ihrer Gemeinschaft treten, etc. Ist aber nicht “Bibliotheks- und Informationswissenschaft” wurde mir gesagt, obwohl ich eigentlich immer noch nicht genau weiß (und sich auch niemand darauf einigen kann), was diese Wissenschaft eigentlich beinhaltet.

Um diese Arbeit (und mich) “vermarktbarer” zu machen, soll ich noch was mit Data Mining dazutun. Fragt sich nur, welche Daten da aus dem Bergwerk geschlagen werden sollen.Twitter kann in kurzer Zeit sehr große Datenmengen verursachen, die aber um wirklich aussagekräftig zu sein, qualitativ ausgewertet werden müssen. Siehe z.B. 2 Wochen #aufschrei – 58.007 “unique” (also einzigartige, nicht retweetete) Tweets, die aber genauso eine Kritik oder Verächtlichmachung als auch ein wichtiger Beitrag sein können, weil sie (noch) nicht händisch ausgewertet wurden.

Also … weiß nicht. Dabei gab es so tolle Sachen auf Twitter, seit ich (ohnehin erst im Dezember 2012) dazukam. D-Day As It Happened – eine vom britischen Channel 4 vorbereitete Aktion, bei der 9 Twitteraccounts – ein Hauptaccount, 7 Zeitzeug*innen und eine Taube tweeteten was ihnen bzw. allgemein zu dem Zeitpunkt am 6. Juni 1944 passierte. Dann gab es die spontane Aktion #InspiringWomen, zu der auch viele historische Frauenfiguren vorgestellt wurden (ich habe zu diesem Thema 300 Tweets getweetet. Nur so, damit ihr da die Datenmengen merkt).

Es gibt einen Twitteraccount, der den 2. Weltkrieg, Tag für Tag tweetet, im Moment die Geschehnisse vom 5.9. 1941. Es gibt etliche Zeitungen, deren Meldungen von vor hundert oder X Jahren getweetet werden, als Beispiel sei hier die New York Times von 1913 genannt. Es gibt Privatpersonen, die “historische” Accounts einrichten, zum Beispiel einen, der das Tagebuch von Samuel Pepys tweetet (klingt spannender als es ist, der ist leider nicht so gut). Und dann gibt es natürlich viele, viele Historiker*innen, die tweeten, an was sie so forschen, was ihnen so unterkommt, etc. … und das sind nur ein paar der Möglichkeiten.

Und was können da Bibliotheken, Archive, Museen tun? Z.B. Archivmaterial tweeten, wenn sie Archive von Autor*innen haben. Oder aus einem Tagebuch oder aus Briefen aus ihrer Sammlung. Oder aus den Lokalnachrichten von vor 100 Jahren. Oder eine großangelegte Aktion, bei der sich mehrere Institutionen absprechen. Oder sich bei anderen Aktionen einklinken.

Aber das ist ja wahrscheinlich Medienwissenschaft oder Kommunikationswissenschaft oder Marketing. Ja. ist es wohl alles. Und die haben ja nichts mit Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu tun, nein, nein, niemals. Wo kämen wir da hin.

Hmpf.

Thema 2: Mikroservices (hab ich jetzt mal so erfunden). Was soll das sein? Das sind die ganzen Dinge, die auffallen, wenn sie fehlen, kaputt sind, schlecht gemacht sind oder so Sachen, bei denen sich die Nutzer*innen denken “Hm, das wäre eigentlich cool, wenn es das gäbe.” Also z.B. ein gut gemachtes Leitsystem. Beschreibungen im Lift, was auf welcher Etage ist. Etagenpläne. Anleitungen für gewisse Dinge. Drauf zu achten, dass z.B. knallende Türen möglichst schnell wieder in Ordnung gebracht werden. Gut riechende Seife auf der Toilette. Wenn die Schließfächer mit Schlössern gesichert werden müssen (eine absolute Unsitte in manchen deutschen Bibliotheken), darauf achten, dass sich ortsfremde oder vergessliche Menschen Schlösser ausleihen können (Grimm-Zentrum Berlin, damit meine ich *dich*!).

Meine Güte, sagt ihr jetzt, das ist ja Kleinkram, was für … Itüpfelreiter*innen, Korinthenkacker*innen, Zwängler*innen und schon gar nicht wissenschaftlich! Äh ja. Setzt euch mal in einen Lesesaal, in dem ihr ruhig und konzentriert arbeiten wollt und alle 10 Minuten knallt die Tür mit einem Donnerschlag ins Schloss. Oder findet mal das Klo, wenn’s kein Leitsystem gibt. Findet den richtigen Stock, wenn’s im Lift keine Angaben gibt. Und sicher haben alle Menschen Geld, das sie mal kurz in ein Schloss investieren können – Essen? Was soll das sein, Essen? Braucht’s nicht. Bis sich da mal wer beschwert, bis die Beschwerde angenommen wird, bis der Zustand gemildert wird … naja, so lange es keine Konkurrenzangebote gibt, werden die Menschen die Bibliothek wohl weiter benutzen. Aber vielleicht nicht so gern. (Das ist doch aber so was von egal ob Menschen *gerne* in einer Bibliothek sind!)

Ist dieses Thema vermarktbar? Hahahaha, nein. Wahrscheinlich nicht.

Thema 3 wäre der Aufbau eines Repositoriums in einer öffentlichen Bibliothek, das für die Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der lokalen Gemeinde da ist. Zusätzlich könnte es mit digitalisierten bzw. digitalen bereits gemeinfreien Werken von Autor*innen, Musiker*innen, Kunstschaffenden, etc. der Gemeinde angereichert werden. Die gemeinfreien Werke sollten am Besten über die Nationalbibliothek bezogen werden (HAHAHAHAHA, ach ich lach mich schief) und die lokalen Werke sollten auch international zugänglich sein. Diese Entwicklung, also zumindest die Entwicklung von Bibliotheken zu “Community Publishing Portals”, zeichnet sich in den USA schon ab.

Ich finde diese Entwicklung äußerst spannend, aber sie bedeutet für Bibliotheken die Investition von Zeit & Geld – um Wissen zu erwerben, um diese Repositorien aufzubauen, um sie zu bestücken, zu bewerben und zu betreuen. Vermarktbar? Als Idee ja, aber ich erwarte nicht, dass sie in den nächsten Jahren (Sparen! Sparen!) in die Praxis umgesetzt wird, obwohl damit z.B. Ebookcontent unbegrenzt verfügbar wäre.

Was fällt mir sonst noch ein? Feministische Perspektive auf Aspekte von Bibliotheken – nicht vermarktbar. Vergleich im Umgang mit Beschwerden zwischen USA und Deutschland/Österreich – wohl nicht vermarktbar. Erwerbungspolitik für Comics in Bibliotheken – ahahahahahaha, nicht vermarktbar. Einrichtung von Makerspaces, Videospielecken, Strickgruppenecken und andere Bereiche, die bibliotheksfremde Handlungen in die Bibliothek bringen – ach, vielleicht sogar vermarktbar. Nutzergruppenstudien in einer kleinen Bibliothek? Wohl nicht vermarktbar. Vielleicht könnte ich ja die Begriffe für Menschen, die in die Bibliothek kommen diskutieren – Kund*innen? Nutzer*innen? Leser*innen? Oder ich könnte über Bibliotheksethik … ach, wohl genauso wenig vermarktbar wie meine Geschichte auf Twitter.

Für mich klingt das nicht nach Wissenschaft, eine Masterarbeit an ihrer Vermarktbarkeit zu messen. Aber wie gesagt, was jetzt Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist, dazu gibt es viele Meinungen. Wir werden sehen …

10 thoughts on “1, 2 oder 3 – die Masterarbeit kündigt sich an

  1. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (36.KW’13) | Lesewolke

  2. Ich liebe den Begriff “Mikroservices” – großartig! Wenn keine Masterarbeit, dann doch wenigstens einen Artikel schreiben, bitte! Gute Besserung für Zynismus und Co. – auch wenn allzu verständlich😉

      • Ich sehe hier schon einen starken ethnografischen Aspekt – also vll. Seadle? (Nicht als Rat zu verstehen, eher als Hinweis)

        Zum Thema: Ich sehe absoluten Bedarf! Absolut relevant und je nach dem wie man es angeht auch wirklich interessant für andere Bibliotheken und Einrichtungen generell. Was ich sagen will, die Frage der “Adaptierbarkeit” würde ich als wichtig erachten, im Sinne der Schärfung des Bewusstseins für “Mikroservices” (mal so ins Grüne gesponnen: Beobachtungsleitfäden und generell “Teilnehmende Beobachtung”! Benutzerforschung! Maßnahmenplanentwicklung!)

        Kopfhoch aus Weimar!

      • Genau in diese allgemeine Richtung würde es gehen – Feststellen was denn Mikroservices sind, welche Arten es gibt, warum sie (meiner Ansicht nach) so wichtig sind – und auf Englisch, damit die Arbeit auch international lesbar ist.

        Liebe Grüße nach Weimar🙂

  3. Juhu.. mir gefallen die Themen 1 und 2 sehr gut. Und wenn Twitter nichts mit Bibliotheken zu tun hat, dann haben die Berliner aber echt verschlafen. Aber Thema 2 finde ich wirklich interessant, würde ich sofort lesen.

    Weiterhin gefällt mir das mit der feministischen Perspektive, auch wenn ich keine so richtige Vorstellung habe, hört sich aber erst mal interessant und wissenschaftlich an.

    Und immer gerne auch Begriffe für Menschen die in die Bib kommen. Never ending Story und gerne mal wissenschaftlich beleuchtet.

    Für mich passt dass alles in unseren Bereich. Eigentlich sind wir doch in der Lage sehr weitgefächert zu arbeiten, so als Informationsspezialisten. Aber leider denken viele da sehr engstirnig.

    Viel Erfolg!

    • Prof. Gradmann hat mir für das Twitter-Thema eine Betreuerin empfohlen, angefragt hab ich aber noch nicht. Thema 2 scheint auf viel Zuspruch zu stoßen (auch auf Twitter ;)), vielleicht also das … ich mag ja alle drei Themen ^^

  4. Pingback: netbib weblog

  5. Ich bin für Thema 3, das schwirrt mir schon seit Jahren im Hinterkopf herum. Ich denke dabei an eine Aufgabe für Landesbibliotheken, die zum Beispiel für die ganzen Heimatforscher und sonstigen Schreibenden, die nicht einer Forschungsinstitution angehören, eine Plattform bieten könnten (und sollten). Dieser Dienst müsste dann natürlich über die ÖBs in die Fläche gebracht werden.

    Ganz nebenbei ist die Aufnahme von OA-Publikationen “in den Bibliotheksbestand” noch lange keine Selbstverständlichkeit. Nicht einmal für WBs, noch weniger für ÖBs. Da gibt es auch noch viel zu tun.

    • Ich finde, so ein Repositorium, speziell bei ÖB sollte über wissenschaftliche Texte und Texte an sich eben hinausgehen. Wenn ein Ort oder Stadtteil lokale Bands hat – die könnten darüber ihre Musik und Videos zum Herunterladen anbieten. Dasselbe mit Comics, Romanen, Kinderbüchern, etc., die von der lokalen Gemeinschaft erstellt werden. Natürlich muss es gewisse Standards geben – wobei nicht Qualität zählt, die wird von den Nutzer*innen entschieden – sondern die Texte/Musik/Bilder sollten keine anderen Menschen verletzen, beleidigen, etc. Ergänzt durch gemeinfreie Werke – Bilder, lokale Lieder/Musik, Texte, Filme und mehr, z.B. digitale Abbildungen von Gegenständen aus dem lokalen Museum oder digitalisierten Quellen wie z.B. alte Tauf-, Ehe- und Sterberegister – entsteht so ein Abbild des Ortes, das auch von außerhalb wahrgenommen und auf vielfältige Art und Weise genutzt werden kann.

      Ich bin noch unentschieden! Es klingen eben doch alle drei Themen gut (und die anderen auch). Die Frage bleibt: Was wird betreut? Und soll die Arbeit einen Nutzen haben und wenn ja – welchen? Welchem Thema wäre eben z.B. in einem Artikel Genüge getan? Ich denke 1 und 3 sind da eher Kandidaten, da es so neue Phänomene sind, dass spezifische Sekundärliteratur fehlt bzw. sie in der Praxis noch nicht existieren. Zu Leitsystemen gibt es sicher schon viel Literatur – aber der Aspekt der Mikroservices ist noch nicht durchgekaut.

      Es bleibt spannend🙂

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