Reflexion I

Heute keine neuen Dienstleistungen, die Bibliotheken anbieten können. Später dann. Heute eine Debatte, die mir schon seit Wochen im Kopf herumgeht. Es geht um “Hochkultur” und “Bildung” und “Informationskompetenz” und natürlich um Bibliotheken.

Vorsicht, es wird lang, radikal, politisch. Ich kann mir denken, dass einige von euch das alles schon durchdekliniert haben und euch fragt, warum ich das jetzt wiederkäue. Ich kann mir denken, dass einige von euch vielleicht an verschiedenen Punkten im Text aussteigen werden. Vielleicht werdet ihr euch denken, dass das alles eigentlich nichts mit Bibliotheken zu tun hat. Hat es aber, finde ich. Tl;Dr am Schluss.

Bevor ich beschloss, Bibliotheks- und Informationswissenschaften zu studieren, um offiziell Bibliothekarin zu werden, habe ich lange Geschichte studiert. Dabei hat mich keine bestimmte Zeitperiode angesprochen, ich fand alle spannend und bin immer noch an allen interessiert. Mit der Zeit hat sich neben anderen Gebieten die Neuzeit als besonderer Schwerpunkt herauskristallisiert. Dabei galt mein Interesse immer den Menschen, wie sie lebten, arbeiteten, sich vergnügten, mit anderen Menschen umgingen, sich langsam zur Demokratie aufrappelten und für ein selbstbestimmtes Leben kämpften. Geschichte von unten also, maßgeblich schon seit meiner frühesten Kindheit durch die “Proletenpassion” der Band “Die Schmetterlinge” beeinflusst, die an den Anfang Bertolt Brechts “Fragen eines lesenden Arbeiters” stellten.

Das Geschichtestudium hat mir jede Nostalgie abgewöhnt. Früher war es nie besser. Ist es jetzt besser? Nein. Es geht immer noch besser. Aber früher war es schlimmer. Ich bin mir im Klaren darüber, dass der Weg zu der Zukunft, wie ich sie mir erhoffe, noch weit ist. In ein paar Jahren wird es erst 100 Jahre her sein, dass die Frauen in Österreich und Deutschland das Wahlrecht erkämpften. Was sind 100 Jahre gegen die tausenden Jahre der menschlichen Zivilisation? In der Schweiz sind es gar erst 42 Jahre, seit Frauen auf Bundesebene das Wahlrecht haben. Aber über die Jahrhunderte hinweg zeigt sich Fortschritt.

Kommen wir nun zu meinem Problem mit der Trennung zwischen “Hochkultur” und “Populärkultur”. Damit komme ich nun in den Konflikt, dass ich aus einem sogenannten “Bildungsbürgerhaushalt” stamme und daher viele Privilegien selbstverständlich genossen habe und genieße, die andere Menschen nicht haben. Was ich im Folgenden sagen werde, sage ich aus einer privilegierten Position heraus. Der Zugang zur “Hochkultur” wurde mir de facto mit meiner Geburt gewährt, ich musste nichts dafür tun, ihn mir nicht erst erarbeiten, erkämpfen. Dieser Zugang verschwindet nicht, kann mir nicht ohne gröbere physische oder psychische Verletzungen genommen werden. Das ist also ein Privileg. Aber ich sag’s halt trotzdem, denn ich finde, dass besonders dieses Privileg für alle erreichbar sein bzw. ganz aufgelöst werden sollte.

Die Trennung zwischen “Hoch-” und “Populärkultur” existiert schon sehr lange und die Definitionsmacht darüber, was “Hoch-” und was “Populärkultur” ist und wie diese zu beurteilen sind (“Hochkultur” hui, “Populärkultur” pfui, nur um das klarzustellen), besaßen die längste Zeit die Herrschenden. Wer waren diese Herrschenden? Diejenigen, die Geld und Macht besaßen und besitzen, und diejenigen, die ihnen nacheiferten und nacheifern. Im westlichen Kulturkreis, der sich zeitweise gewaltsam auf große Teile der Welt ausgedehnt hat, waren und sind es weiße Männer. (Tschüs an die, die jetzt aussteigen). Aber es ist so. Die längste Zeit besaßen weiße Männer die Macht, darüber zu entscheiden wer “Wert” hatte und wer nicht. Es waren nicht die Frauen, die sich selbst als unfähig für mehr als Kinderkriegen und Haushalt definierten. Es waren nicht die Bauern und Bäuerinnen, die sich selbst zu Leibeigenen machten, nicht die Arbeiter*innen, die sich selbst als “Proleten” definierten. Es waren nicht die Einwohner*innen Afrikas, Nord- und Südamerikas, Asiens und Australiens, die sich selbst als “weniger wert” definierten und aus sich selbst Sklav*innen machten. Und so weiter.

Der Anspruch auf Definitionsmacht wurde mit Verbotsgesetzen und Zensurmaßnahmen zementiert. Seit hunderten von Jahren wird der “einfachen” Bevölkerung vorgeschrieben, wie sie ihr Geld auszugeben hat, eben möglichst nicht für “nutzlosen Tand”, Vergnügungen, Alkohol und andere Genussmittel (Lest mal in meiner Diplomarbeit auf Seite 115). Gleichzeitig wurde den Menschen vorgeschrieben, was sie zu lesen, zu hören, zu schreiben, zu erzählen, zu singen hatten, nämlich keinen “Schund”. Der Zugang zu Informationen war nicht frei – z.B. durfte während der Napoleonischen Kriege in Baden-Württemberg, das mit Napoleon verbündet war, keine Information über seine Niederlagen und schon gar keine Kritik z.B. in Form eines gedruckten Liedes über ihn verbreitet werden. Natürlich ist Zensur immer umgehbar – Nachrichten werden mündlich weitergegeben, Flugblätter und Bücher werden geschmuggelt – aber das ist mit großen persönlichen Gefahren verbunden.

Die Tatsache, dass weiße Männer die Macht hatten zu entscheiden, wer wie kulturell arbeiten und damit eine größere Öffentlichkeit erreichen durfte, führte z.B. dazu, dass die Arbeits- und kulturellen Leistungen von Frauen verunmöglicht, versteckt, verschwiegen, geahndet, geächtet und verunglimpft wurden und werden und der “Kanon” der “Hochkultur” daher vor allem aus von weißen Männern erschaffenen Werken besteht, in denen Frauen oft nur als Objekt, Stereotyp, Projektionsfläche eine Rolle Spielen. Ja, es gab und gibt Künstlerinnen, doch ist ihre Zahl aufs Ganze gesehen gegenüber der der Künstler verschwindend gering und sie erreichten nie dieselbe Verbreitung wie diese. Und es gibt viele weibliche Hauptfiguren. Das heißt noch lange nicht, dass diese weiblichen Hauptfiguren auch frei über ihr Schicksal entscheiden können. Zu oft erfahren sie, dass ihr Wunsch nach selbstbestimmtem Leben unmöglich ist, erfahren zum Spaß, gegen ihren Willen und/oder um die Handlung zu verstärken körperliche oder psychische Gewalt und zu oft müssen sie sterben, während einige Helden die magische Fähigkeit haben, immer irgendwie durchzukommen.

Es ist im großen Ganzen gesehen, also eine relativ kleine Gruppe, die Macht hat, zu entscheiden, was “Hochkultur” und was “Populärkultur” ist. Wie scheinheilig und verlogen diese Trennung ist, zeigt sich auch daran, dass sich die “Hochkultur” jederzeit Elemente der “Populärkultur” und anderer Kulturen aneignen und als “Hochkultur” definieren kann. Damit kann aus einem sonst “kitschigen, gewöhnlichen” Volkslied (Volkslied, auch so ein Begriff) Teil einer Symphonie, einer Reihe von Klavierstücken und so weiter werden. Bach, Mozart, Haydn, Beethoven, Schumann, Dvořak und viele andere haben das gemacht – und ich sage nicht, dass sie das nicht durften oder dass es schlecht ist. Aber diese Werke dann zu loben und gleichzeitig “Volksmusik” abschätzig zu beurteilen ist scheinheilig.

Als das “gehobene” Bürgertum und die “Bildungsbürger” dann begannen, sich für die Lieder und Geschichten des “Volkes” zu interessieren und diese zu sammeln (weil so “wild, ursprünglich, romantisch” bzw. aus nationalistischen Gründen), geschah auch dies unter den Kriterien der “Hochkultur”. Die gesammelten Werke wurden von allem “Gewöhnlichen” – Sex und Gewalt – gesäubert, ihnen wurde eine “Moral” aufgedrückt und damit galten sie dann als “besser” und konnten den “gehobenen Schichten” zugemutet werden. Die “schlimmsten” Lieder und Geschichten wurden gar nicht festgehalten, genausowenig wie die Lebensgeschichten des “gewöhnlichen Volkes” – außer sie hatten lange Abenteuergeschichten zu erzählen.

Es wurde und wird also etwas herausgepickt, das eigentlich als “verpönt” gilt oder galt, aus dem Kontext gerissen, nach Belieben modifiziert und als “bessere” Version weiterverkauft, die dann die Originalversion verdrängt. Elemente anderer Kulturen werden als “lustige” Versatzstücke benutzt, z.B. als Faschingsverkleidungen, zur Gestaltung von Modestrecken, etc., während diese Kulturen dazu angehalten wurden und werden, sich gefälligst westlichen, “zivilisierten” Kleidungsdiktaten zu unterwerfen. Dasselbe gilt für Elemente der “Populärkultur” wie Sportarten – Fußball galt lange Zeit als “gewöhnlich”, Jazz, Rap, Comics (jetzt zu “Graphic Novels” umdefiniert), die alten Schiebermützen der Arbeiter, etc. Wird ein Stück der “Hochkulturen” wirklich “populär” (nicht nur unter der “Elite”), erfährt es eine Abwertung.

Das Perfideste an der Unterscheidung zwischen “Hoch-” und “Populärkultur” ist der Anspruch, dass sich alle mit “Hochkultur” zu beschäftigen hätten, da eine Person sonst “dumm” und “ungebildet” sei. Gleichzeitig wird der Zugang zur Hochkultur verbarrikadiert durch die Verwendung von Codes, die z.T. erst durch umfassende Vorkenntnisse entschlüsselt werden können, was ausschließende Diskurse schafft, durch offene Diskriminierung und durch die hohen monetären Kosten, die die Teilnahme an “Hochkultur” mit sich bringt. Wirft dann eine Person, die zunächst willig war, sich mit der “Hochkultur” auseinanderzusetzen, das Handtuch, wird ihr noch der Stempel “zu dumm zum Verstehen” aufgedrückt. Dabei macht einen der Konsum von und die Beschäftigung mit “Hochkultur” nicht zu einem besseren Menschen.

Böse gesagt liegt es also gar nicht im Interesse derjenigen, die die Definitionsmacht darüber haben, was “Hochkultur” ist, dass zu viele Menschen daran teilnehmen. Wenn plötzlich Milliarden von Menschen Kant, Wittgenstein, Joyce oder Musil lesen und nach ihren Ansichten interpretieren und bewerten würden, wäre es nichts Besonderes mehr und die Definitionsmacht der jetztigen Wissenden ginge verloren. Bzw. falls Millionen Menschen Stücke der “Hochkultur” rezipieren – z.B. klassische Musik – wird ihnen unterstellt, dass sie diese “unkritisch konsumieren” und “nicht verstehen”. Machtverlust ist ziemlich bedrohlich. Was bedrohlich ist, muss bekämpft werden – entweder durch Verbote oder durch Abwertung – und wenn es zahnlos geworden ist, wird es entweder vergessen oder hochgehalten und mit Nostalgie belegt. Auch die schönsten klassischen Musikstücke, die zu “populär” werden, erleben eine Abwertung und gelten dann als Kitsch und Gedudel. Die ganzen Sprachen, die “vom Aussterben bedroht” sind – zuerst wurde den Menschen verboten, sie zu sprechen bzw. wurde das Sprechen der Sprachen als “gewöhnlich” abgewert. Jetzt müssen sie “gerettet” werden. Dasselbe bei den Dialekten, die zum Teil immer noch als “gewöhnlich” gelten. Für Jugendsprache gilt sowieso, dass sie zu verdammen ist.

Bisher gab es also nur für sehr wenige Menschen, die nicht weiß und männlich waren/sind (und hier könnte noch heterosexuell und christlich angefügt werden – ach ja, tschüs, wenn ihr hier aussteigt), die Möglichkeit in die westliche “Hochkultur” einzubrechen und auch ein Stückchen der Definitionsmacht für sich zu erkämpfen, denn der Zugang zu Publizität war im Zeitalter des Papiers und der Schallplatte beschränkt. Und jetzt gibt es das Internet, mittlerweile schon seit einiger Zeit. Jede Person mit Zugang zum Netz hat nun Gelegenheit, ihre kreative Arbeit und ihre Meinungen mit allen anderen Menschen, die Zugang zum Internet haben, zu teilen.

Plötzlich sind die (weißen) Männer mit Definitionsmacht nur ein paar Stimmen unter Milliarden. Dass der Verlust dieser Macht nicht ohne Protest und wütenden Kampf abläuft, sehen wir im Moment überall. Und es werden immer mehr Stimmen, neben jenen, die sich auf das Versprechen “Teilnahme an der Herrschaft durch Bildung” eingelassen haben, melden sich nun auch die, die ohne profunde Kenntnis ihrer jeweiligen “Hochkultur” eine Veränderung ihrer Lebensumstände fordern. Denn die Lebensumstände der meisten Menschen sind nicht so, wie sie sein könnten. Nur wenige haben wirklich die Möglichkeit, ihr Leben so zu leben, wie sie sich das vorstellen.

Und was hat das jetzt mit Bibliotheken zu tun?

Bibliotheken sind neben Schulen und Universitäten Orte der Bildung und der Begegnung. Orte, die im Prinzip den Zugang zu “Hochkultur” ermöglichen. Orte, die Menschen entweder dazu bringen, sich dem Lesen zuzuwenden oder sich vom Lesen abzuwenden. Denn wird die Bibliothek nur als Ort der “Hochkultur” begriffen und dort vermittelt, dass “Populärkultur” – und damit jedes Medium, das kein Buch oder vielleicht noch ein Tonträger ist und der Mensch, der sich an dieser “Populärkultur” erfreut – weniger wert ist, dann wird das mit dem Zugang zur “Hochkultur” eben nicht klappen, so wie es bei der aufgezwungenen Schullektüre nicht klappt.

Es ist also (schon längst) an der Zeit, dass sich Bibliotheken und Bibliothekar*innen mit ihren Werten beschäftigen und sich sensibilisieren (viele tun das schon). So schwierig ist es nicht. So viel Zeit kostet es nicht. Es gibt da schon was. Beginnen wir mit zwei sehr simplen Sätzen, die ich gestern an der Wand in der U-Bahnstation Westhafen (Berlin) las: “Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Wissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.”

Würde. Rechte. Mit Vernunft und Wissen begabt. Einander im Geist der Geschwisterlichkeit (ja, musste sein) begegnen. So einfach ist der Ausgangspunkt. Am Ende steht eine Gesellschaft, in der wir einfach so leben können, wie es uns beliebt, solange wir andere Personen nicht in ihrer Freiheit einschränken und/oder sie verletzen. Nein, das heißt jetzt nicht, dass ich für die Abschaffung aller Gesetze und Regeln bin – Zusammenleben geht nicht ohne Vereinbarungen. Aber diskriminierende Gesetze, Regeln und vor allem gesellschaftliche Normen müssen kritisiert, bekämpft, abgeschafft werden. So.

Für mich sollten Bibliotheken Orte der Inklusion, diskriminierungsfreie Räume, ja, Safe Spaces sein, Orte, an denen sich alle willkommen, gut aufgehoben und respektiert fühlen. Dafür braucht es eben eine Sensibilisierung der Bibliothekar*innen, denn wir haben eine Verantwortung, die schwerer wiegt als die anderer Personen. Wir haben Definitionsmacht. Es braucht neue Regeln für die Bibliotheksbenutzung (Essen ja, Diskriminierung nein). Auch der Berufsstand der BibliothekarInnen sollte ein Abbild der Gesellschaft sein. Und es sollte eine breite Vielfalt an Medien geben, die die vielfältige Gesellschaft auf vielfältige Art und Weise vermittelt.

Trotzdem gibt es doch Qualitätsunterschiede zwischen einzelnen Werken, klar. Aber die Fähigkeit, Texte, Musik, Bilder, Filme, Spiele, Comics, etc., etc. nach ihrer Qualität zu beurteilen ist uns nicht angeboren, sondern wird nur durch Konfrontation mit einer möglichst großen Vielfalt erlernt. Das braucht Zeit – und nicht jeder Mensch hat den Luxus bzw. die Lust, sich ausschließlich kulturellen Studien hinzugeben (ich würde das sofort machen, wenn’s mir jemand zahlen würde). Das sollten wir verstehen und respektieren und die Konfrontation unterstützen, wo es nur geht.

Dabei ist es wenig hilfreich, Dinge sofort abzulehnen, abzuwerten und/oder zu verbieten. Zuerst sollte eine Auseinandersetzung mit dem Medium und seinem Inhalt erfolgen. Dann erst können sich Menschen konstruktiv über etwas austauschen. Und dabei ist nicht zu vergessen, dass es absolut und völlig in Ordnung ist, dass etwas Spaß macht und vordergründig keinem “besonderen Zweck” dient. So sollte die Beschäftigung mit allen Medien zuallererst Spaß machen. Wenn das Grundprinzip positiv konnotiert ist, wird auch die Bereitschaft da sein, sich mit schwierigen Themen und Formen auseinanderzusetzen.

In der Vielfalt haben auch die Themen und Formen der “Hochkultur” Platz. Manche “Klassiker” werden vielleicht in Vergessenheit geraten, besonders wenn ihre Inhalte Menschen diskriminieren und/oder verletzen. Denn ihre Relevanz für das heutige und zukünftige Leben kann vermittelt werden, die Schönheit einer Beethovensymphonie erschöpft sich nicht. Es werden aber nicht alle für alle Ewigkeit alte Geschichten von weißen Männern lesen wollen. Dafür war die Vergangenheit in ihrem ganzen Denken doch meistens zu eng.

Dafür wird es neue Geschichten geben. Mit dem Internet ist die Möglichkeit für alle gekommen, selbst Geschichten zu schreiben und diese kritisch zu begutachten, so wie wir täglich die Möglichkeit haben, uns über die Tagesgeschehnisse und Entwicklungen selbst ein Bild zu machen. Das ist ganz schön anstrengend. Informationsflut und so. Deshalb vertrauen wir ja auch anderen Menschen, diese Informationsflut für uns zu sichten, die relevanten Informationen zu sammeln, eventuell mit ihrer Meinung zu versehen und uns zur Verfügung zu stellen. Auch da ist kritisches Denken gefragt. Und nichts anderes als kritisches Denken geschieht auf den Unmengen von Rezensionsblogs und -plattformen zu allen möglichen Dingen.

Die Kritik wird wiederum gelesen, selbst kritisch begutachtet und dann wird die Entscheidung getroffen, etwas zu lesen, etwas auszuprobieren, nachzumachen oder zu kaufen. Auch dieser Lernprozess – die Qualität von Informationen im Internet einordnen zu können – braucht Zeit. Er unterscheidet sich in keinster Weise von dem Lernprozess, wie die Qualität von z.B. Büchern einzustufen ist. Auch hier zeigen sich durch Konfrontation mit einer Vielfalt Muster, Strukturen, Gemeinsamkeiten, Hinweise, die zu jeweils individuellen Qualitätskriterien verdichtet werden. Wieder ist es nicht besonders hilfreich, Dinge von vornherein abzulehnen (solange sie nicht die Freiheit anderer Menschen beschränken oder diese verletzen).

Vieles von dem, was für die Unterstützung dieser Lernprozesse wichtig ist, wird von Bibliothekar*innen bereits seit langem getan: Sie informieren sich über neue Veröffentlichungen, beobachten wie die aktuelle Entwicklung auf dem Markt aussieht (nehmen wir hier mal Graphic Novels als Beispiel) und beraten Menschen bei der Suche nach neuer Lektüre. In die Bibliothekskataloge werden Algorithmen eingebaut, die automatisch ähnliche Medien vorschlagen (ja, die sind noch nicht perfekt).

Wenn da jetzt noch ein vielfältiges Angebot (ja, auch Spiele und alles) dazukommt (wird in Zukunft mit mehr elektronischen Medien hoffentlich einfacher), wenn die Möglichkeit geboten wird, die kritische Begutachtung von Medien spielerisch zu erlernen (z.B. über Rezensionen als Teil des Sommerleseclubs, des Sommerspieleclubs (Huch, werden wir da jetzt nicht zu revolutionär, ja?) oder die Möglichkeit, Kommentare in den Katalog einzubinden), wenn die Meinungen ernst genommen werden, wenn wir die Medien, die uns gefallen, mit Freude vermitteln und uns selbst und unsere Tätigkeiten kritisch begutachten – so wie es Dörte Böhner tut mit ihren Überlegungen zu “Was wollen wir beibringen mit unseren Schulungen?” – dann verändert sich hoffentlich etwas zum Guten.

Denn wenn wir diesem Kind

https://twitter.com/Seidenmohn/status/352722412661510144

https://twitter.com/Seidenmohn/status/352754173974036480

sagen, dass das alles Quatsch ist, was sie da produziert hat, verlieren sie und wir ihre Stimme. Unterstützen wir sie. Bieten wir ihr eine Plattform für ihre Geschichte. (Und kommt mir nicht mit Erzählstruktur, ihr Stream of Consciousness-Verehrer, ja?)

Tl;Dr: Zum Abschluss noch etwas Adorno/Horkheimer: Zur Genese der Dummheit – da steht das Wichtigste drin. (Mein Dank für den Hinweis auf diesen Text geht an @kuhlpepper).

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