Freiheit durch Lesen – Lesefreiheit?

Gerade aus Berlin zurückgekommen erwartete mich dieser Tweet:

Worum ging’s? Letzten Sommer führte Brasilien ein neues Programm ein, nach dem Häftlinge ihre Haftzeit durch das Lesen von Büchern verkürzen konnten.

Artikel aus dem Tweet (auf Englisch) hier.

Artikel zum gleichen Thema von Spiegel Online hier.

Hm, interessant, dachte ich. Meine Antwort an Jean-Paul, der im übrigen ein sehr lesenswertes Blog betreibt, ging sich in drei Tweets nicht aus, also der Griff zum Laptop.

Also: durch das Lesen von Büchern können weibliche und männliche Häftlinge in fünf Haftanstalten in Brasilien ihre Haftzeit verkürzen. Pro Buch vier Tage Haftzeit weniger, maximal 12 Bücher im Jahr, also maximal 48 Tage weniger, das ist ja schon mehr als ein Monat. Toll. Und am Schluss kommen sie mit einer humanistischen Grundeinstellung raus und tun nie mehr Böses oder so. Oder nicht?

Die Bücher werden vorher ausgesucht und sollen aus verschiedenen Bereichen stammen. Ganz klar ist nicht, ob es “Klassiker der Wissenschaftsliteratur, Philosophie und Belletristik” sein sollen, ob klassische brasilianische Literatur, wissenschaftliche und philosophische Lektüre oder Literaturklassiker allgemein, sowie wissenschaftliche und philosophische Lektüre.

Und da sind wir gleich beim ersten Problem, das ich mit einer solchen Vorstellung habe: Wer soll denn diese Bücher aussuchen? Wenn eine Bibliothek eine solche Aktion unterstützt, sollte der gesamte Katalog der Bibliothek angeboten werden, war mein erster Impuls. Der Zwang zum Bücherlesen hat schließlich noch nie Lesefreude bewirkt – erinnert euch bitte an euren Deutschunterricht. Wenn der gut war, hattet ihr Glück.

Was ist aber, wenn sich die GefängnisinsassInnen Bücher mit *huch* erotischem, pornografischem, gewalttätigem, rassistischem, sexistischem und anderem unerwünschtem Inhalt bestellen? (Bufo Calvin erwähnt in seinem Blog “I Love My Kindle” z.B. The Anarchist Cookbook, aber auch “problematische” Klassiker der Weltliteratur.) Soll das eingeschränkt werden? Wer überprüft den Inhalt der Werke? Ein Kanon humanistischer Erbauungsliteratur also? Sensibilisierende Fachbücher? Wie gut müssen die sein, damit Lesefreude aufkommt?

Das sind Ansätze aus dem 19. Jahrhundert, wie Verena Kern in einem Artikel und ihrer Diplomarbeit über Gefangenenbibliotheken in Österreich darlegt. Nach Lektüre dieses Artikels zeigt sich ganz klar: Nein, eine öffentliche Bibliothek kann nicht so einfach ihren ganzen Katalog zur Verfügung stellen. Gefangenenbibliotheken unterliegen besonderen Bedingungen und Einschränkungen.

Ok, also ein festgelegter Kanon. Damit überprüft werden kann, dass die Bücher auch wirklich gelesen und verstanden wurden, sollen die Häftlinge Essays über die Bücher schreiben. Die sollen aber leserlich und fehlerfrei sein, sowie Absätze und Seitenränder haben.

Hm. Und wie soll das gehen, wenn eine Mehrheit der Häftlinge Brasiliens nicht einmal die Volksschule abgeschlossen haben, viele AnalphabetInnen und funktionale AnalphabetInnen sind? Glaubt bloß nicht, dass es in Europa besser wäre. Dieses Problem ist sehr viel gewichtiger als “Oh, aber da muss man ja einen Kanon festlegen”.

In dem Artikel, den mir Jean-Paul geschickt hat, gibt es einen Trailer zu dem Film “Barreras”, initiiert von dem Musiker Rafael Kalil, produziert von Iemanjá Cinematográfica. Letztes Jahr wurde via Crowdfunding Geld gesammelt, um den Film auch wirklich zu produzieren, wie es um ihn jetzt steht, weiß ich nicht, aber hier ist der Link zur Beschreibung (weiter unten auf Englisch).

In diesem Trailer (Link zum Trailer auf Youtube) sagt der Musiker BNegão ab Minute 3:02:

If you want to make your inner self better, you need to take care of everybody and everybody includes people that are in there [prison] as well. Because these people will get out one day. They are serving a sentence and the sentence one day will end [sic]. If you don’t give those people the chance to change, learn a profession, learn how to read, learn how to write, get better or at least that the conditions one finds himself in don’t get worse [sic], things just won’t get any better. On the contrary, everything will get worse

Also müsste eine solche Initiative viel breiter gefasst sein. Es reicht auch nicht aus, nur Lesen und Schreiben zu unterrichten – alles, was so zu einer Grundbildung dazugehört müsste vermittelt werden und wenn diese Stufe abgeschlossen ist, dann sollte auch noch eine Person da sein, mit der die gelesenen Bücher besprochen werden können und die Feedback zu den Essays geben kann.

Ohne den breiten Unterricht bevorzugt diese Initiative solche, die bereits lesen, schreiben und sich ausdrücken können, wie Bufo Calvin zu bedenken gibt. Gleichzeitig ist es aber auch nicht so, dass alle Gefangenen an diesem Programm teilnehmen dürfen, nein, sie werden vorher ausgesucht (Link zum Community Blog von Canadian Broadcasting Coproration cbcnews). Und nach welchen Kriterien findet das statt? Wird nicht gesagt.

Welche Rolle können jetzt Bibliotheken in dem Ganzen spielen? Tja: Es gibt schon lange Gefangenenbibliotheken bzw. -büchereien (seit den 1960ern in Deutschland und Österreich gesetzlich vorgeschrieben) und dort auch BibliothekarInnen (ja, auch wenn sie nicht alle die tradionelle BibliothekarInnenausbildung gemacht haben).

Ein paar Links (nein, ich hab das jetzt nicht alles gelesen):

Zur Situation in österreichischen Bibliotheken gibt es wie bereits erwähnt, einen Artikel, der einen guten Überblick bietet und eine Diplomarbeit von Verena Kern (die Diplomarbeit übrigens betreut von Monika Bargmann aka @librarymistress).

Infoseite zu Gefangenenbibliotheken des Deutschen Bibliotheksverbands

Praxiserfahrungen in Gefangenenbibliotheken (Land Brandenburg, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, u.a. – auch eine Seite des Deutschen Bibliotheksverbands)

Eine amerikanische Bibliothekarin, die zu “Exploring Prison Librarianship” schreibt – Link zum Artikel über die brasilianische Initiative.

Für Deutschland gibt es auch den Verein “Freiabonnements für Gefangene e.V.”, der Bücherspenden, Zeitungsabospenden, Weihnachtspakete, etc. für Gefangene entgegennimmt – wichtig, weil Häftlinge Zeitungsabos beziehen müssen, wenn sie sich andere Zeitungen als in ihrer Bibliothek ansehen wollen, sich die aber oft nicht leisten können.

Was andere Bibliotheken tun können? In Ländern, wo Gefangenenbibliotheken noch nicht Standard sind, sich für solche einsetzen, bzw. sie gründen. Und sobald sie existieren: Sich mit ihren KollegInnen aus den Gefangenenbibliotheken austauschen, sie teilhaben lassen an den letzten Entwicklungen, sie unterstützen bei der Ausbildung, bei der Erwerbung, beim Aussondern der Bestände etc.

Aber was ist jetzt mit der Initiative, Lesen gegen Haftreduzierung? Machen wir daraus Bildung gegen Haftreduzierung mit einem Stufensystem, das auch das Lesen und Besprechen von Büchern einschließt, dann klappt das vielleicht. Aber im Großen und Ganzen habe ich zu wenig Ahnung vom Strafvollzug, um da eine fundierte Lösung anzubieten.

2 thoughts on “Freiheit durch Lesen – Lesefreiheit?

  1. Ha, ich wusste doch, dass ich mir das darüber selbst nachdenken sparen kann, wenn ich das Thema einfach an dich weiterleite. Danke dafür.

    Bevor wir das alles so richtig als gut oder schlecht bewerten können, müssen wir uns natürlich erstmal darauf einigen, was Gefängnisse eigentlich machen sollen. Wenn es darum geht, Rache für Opfer zu erreichen und Schuldgefühle bei den Gefangenen auszulösen, dann ist jede Form der Nett-Behandlung natürlich doof.
    Ich wünsche mir von Gefängnissen ja etwas pragmatischer, dass sie einfach Verbrechen verhindern sollen. Darin sind sie aber leider echt schlecht.

    Ich hänge die ganze Zeit noch an der Kanonfrage. Grundsätzlich halte ich es schon für sinnvoll, die Wissensvermittlung über das Medium Buch, inhaltsunabhängig zu fördern. Denn wer Wissen sammelt und lernt, wo es mehr davon gibt, hat es nach dem Haftaufenthalt sicher etwas leichter bei der Resozialisierung (komisches Wort btw).
    Dabei würde ich mir auch eher ein Blacklist-System (“ihr dürft alles lesen außer diesen Büchern”) statt ein Whitelist-System (“ihr dürft nur diese Bücher hier lesen”) wünschen, denn wie du schreibst, von Autoritäten empfohlene Literatur hat von vornherein eher einen schlechten Start, bei der dich einsperrenden Autorität sicher noch stärker als bei der dich benotenden.
    Jetzt ist aber zum Beispiel von der ersten Generation der RAF bekannt, dass sie sehr ordentlich im Gefängnis Waffenhandbücher, chemische Abhandlungen zum Thema Sprengstoff und ähnliches studiert hatten, die sie über die Fernleihe der Gefängnisbibliothek ganz offiziell bestellt haben. Ich kann verstehen, warum Menschen damit ein Problem haben und richtig gruselig wird es, wenn Propagandamüll wie die Protokolle der Weise von Zion auf Staatskosten antisemitischen Gefangenen zur Verfügung gestellt werden, die Blacklist müsste also schon eher lang und regelmäßig gepflegt sein.

    Überhaupt kann Lesen ja eigentlich nur der Anfang sein, generell müsste Gefangenen in Gefängnissen ganz viel geboten werden, damit sie später außerhalb ohne Verbrechen klar kommen. Ausbildung, Hobbies, Netzwerke, etc etc. Da finde ich das Motto “Bildung gegen Haftreduzierung” ziemlich knorke. Das würde die “Rache und Schuldgefühle”-Fraktion wohl endgültig auf die Barrikaden bringen. Obwohl Freiheitsberaubung an sich ja schon echt ne harte Strafe ist. Das Beispiel Norwegen legt zumindest nahe, dass menschliche Behandlung in Gefängnissen bei der Bekämpfung von Kriminalität schon eher hilft: http://www.guardian.co.uk/society/2013/feb/25/norwegian-prison-inmates-treated-like-people

    So, und jetzt arbeite ich mal die drölfhundert Links da oben ab. THX🙂

    • Ich bin ja eigentlich ein Fan von Selberdenken😉

      Von der Illusion, dass Gefängnisse Verbrechen verhindern, wirst du dich verabschieden müssen. Was konkret Verbrechen verhindern soll, ist ein Riesenthema, aber Gefängnisse und Gefängnisstrafen sind es nicht, sonst gäbe es in den Ländern mit den fürchterlichsten Gefängnissen die wenigsten Verbrechen. Ich denke, die Richtung Bildung, soziale Absicherung und sozialer Zusammenhalt sind da vielversprechender. Dazu noch eine kluge Gesetzgebung (z.B. Waffengesetzgebung).

      Zu deinen Blacklist/Whitelist-Überlegungen: Da geht es eigentlich um das Managen der vorhandenen Bücher und eine kluge Erwerbung von neuen Büchern (Basis jeder Bibliothek). Idealerweise sollte die/der BibliothekarIn wissen, welche Bücher sich in der Bibliothek befinden. Ja, das heißt wohl auch, dass die einmal gründlich durchforstet werden muss – siehe Artikel von Verena Kern, in dem sie sagt, dass nach der Entdeckung von Büchern David Irvings eine Historiker(Innen)kommission eingesetzt wurde, um die Bibliotheksbestände aufzuarbeiten. Danach kann der gezielte Ankauf von Büchern erfolgen. Erwerbungspolitik heißt auch: nicht jedes geschenkte Buch annehmen und Bücher aussondern. Daher ist es wohl besser Geld für Ankäufe zu spenden als irgendwelche Bücher, die nicht mehr gebraucht werden und die dann die/der BibliothekarIn erst mühsam überprüfen muss.

      Ich weiß nicht, wie es mit dem Fernleihesystem heute aussieht, hoffe aber, dass es besser kontrolliert wird, das war ja ein Totalfail.

      Wie gesagt, ja, das Lesen kann nur ein Anfang sein – für viele eben wahrscheinlich nicht einmal der Anfang, sondern die Mitte. Eine Lösung dafür, dass Gefangene keinen Zugang zum Internet haben, muss auch noch gefunden werden – einerseits ist es da wie mit dem ungefilterten Bibliothekskatalog (was für Infos ziehen die da raus), andererseits verpassen sie so die Chance, das Internet kennenzulernen und zu wissen, welche Möglichkeiten es ihnen nach der Entlassung bietet. Computerschulungen werden nach Möglichkeit aber schon veranstaltet.

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