Erotika in der Bibliothek?

50 Shades of Grey? Ob Schauder aus Grauen oder Vergnügen, es wird gelesen. Was aber, wenn BibliotheksbenützerInnen mehr Lesestoff aus diesem Genre verlangen? Katie Dunneback öffnet dazu mit ihrem Artikel Full-Frontal Shelving auf Library Journal Reviews eine Schatzkiste voll mit Informationen aus dem amerikanischen Bibliothekswesen.

Die drei Hauptfragen des Artikels lauten: Wo am Besten mit dem Entdecken erotischer Literatur beginnen, wie bereits vorhandene Bücher erfassen und wie kann die Bibliothek den BenützerInnen bei der Suche nach neuem Lesestoff am besten behilflich sein? Weiters bietet Dunneback einen kurzen geschichtlichen Überblick der erotischen Literatur von Sappho bis zu den e-books, eine Bibliografie für AnfängerInnen mit Anthologien, AutorInnen und weiterführenden Websites, ein Interview mit der Autorin Sylvia Day, Statistiken zum Absatz von Erotika in Buch- und e-book-Form und erklärt die verschwommenen Grenzen zwischen romance, erotic fiction und erotica (Nein, das ist nicht dasselbe). Besonders wichtig dabei ist ihre Anleitung, wie aus Katalog und Entlehnstatistik erhoben werden kann, welche erotische Literatur bereits vorhanden ist und ob sich am jeweiligen Bibliotheksstandort überhaupt ein Bedarf an erotischer Literatur bemerkbar macht.

Am meisten haben mich die Beispiele aus der Praxis und die ethische Haltung beeindruckt. Wie kann diskret, aber hilfreich auf die Lesebedürfnisse der BibliotheksbesucherInnen eingegangen werden? Dunneback sagt dazu:

You want to give your patrons a sense of privacy with this most intimate of reads but also offer them an understanding that the library supports their reading interests no matter what they choose. (Katie Dunneback, Full-Frontal Shelving, Library Journal Reviews)

Sie erzählt von Empfehlungs-Foldern, die auf Nachfrage überreicht werden können, von Lesezeichen mit relevanten Empfehlungen, die in die Bücher gelegt werden können, von Empfehlungsfunktionen für die e-book-Plattform der Bibliothek – wichtig, da Erotika und verwandte Genres gerne in digitaler Form gelesen werden.

Genauso beeindruckend ist ihr Absatz zum Umgang mit Beschwerden. Ihre Handlungsanleitungen – u.a. Training aller Bibliotheksangestellten darin, was im Beschwerdefall zu tun ist; umfassende Dokumentation und Information; schriftliches Feedback an die/den BeschwerdeführerIn – sind beispielhaft und sollten weit verbreitet werden. Im Gespräch mit Verena fiel ihr dazu ein, dass bei der Besprechung von media2go von vielen SchulbibliothekarInnen sofort angesprochen wurde, dass 50 Shades of Grey ohne Altersbeschränkung ausgeliehen werden kann. Weiters wurde gefragt, wie es mit der rechtlichen Situation aussieht, da es keine Altersbeschränkungen für Bücher gibt (zum Glück! sage ich da).

Adding erotica when it is not your thing is the same as adding in any other specialized collection that is not your thing. You can do this and probably already have with other collections. (Katie Dunneback, Full-Frontal Shelving, Library Journal Reviews)

Vielleicht hat die Welle der Erotika Österreich noch nicht oder nicht auf diese Weise erreicht. Vielleicht kommt sie nie. Aber ein bisschen Vorbereitung kann nicht schaden. Und dabei ist dieser Artikel sehr hilfreich.

AZ/@nightlibrarian

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Welche eBooks können Bibliotheken anbieten?

Ich bin vor einigen Tagen auf einen Artikel gestoßen, in dem es darum geht, welche eBooks öffentliche Bibliotheken erwerben können und zu welchem Preis. Der Artikel bezieht sich auf einen Report der Douglas County Libraries, der die eBook- bzw Printpreise von Bestellern für Bibliotheken vergleicht. Von 15 Belletristik-Bestsellern können amerikanische Bibliotheken nur 4 überhaupt als eBook lizenzieren und alle 4 eBooks sind für die Bibliothek teurer als die entprechenden Printexemplare.

Ein paar Hintergrundinformationen dazu: Bibliotheken können nicht einfach bei einem Online-Händler ihrer Wahl eBooks kaufen und dann an Kunden verleihen. Die Nutzungsbedingungen der Online-Händler verbieten in der Regel ausdrücklich das Weitergeben, Verleihen und Weiterverkaufen von eBooks. Bibliotheken können nur eBooks mit spezieller Bibliothekslizenz anbieten. Für öffentliche Bibliotheken gibt es im deutschsprachigen Raum einige Anbieter, bei denen solche Lizenzen erworben werden können, am bekanntesten sind wohl das Produkt “Onleihe” der Firma divibib und Ciando.

Meines Wissens nach gibt es im deutschsprachigen Raum derzeit nur einen Verlag, der seine Titel Bibliotheken teurer verkauft als den Endkunden. Aber bei weitem nicht alle Bücher die als eBooks für Endkunden verfügbar sind, können Bibliotheken auch lizenzieren. Um mir ein Bild von der Situation zu machen, habe ich mir die Bestseller Hardcover KW 5/2013 (PDF Link!) vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels angesehen und abgeglichen, welche Titel davon als eBook bei thalia.at verfügbar sind und welche eBooks Bibliotheken in der Onleihe anbieten können:

1. Paulo Coelho: Die Schriften von Accra. Diogenes. 9783257068481
Buchhandel Hardcover: EUR 18,40
Buchhandel eBook: EUR 15,99
Bibliotheks-eBook: nicht verfügbar

2. Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer. Hanser. 9783446241787
Buchhandel Hardcover: EUR 25,60
Buchhandel eBook: EUR 18,99
Bibliotheks-eBook: verfügbar

3. Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. carl’s books. 9783570585016
Buchhandel Hardcover: EUR 15,50
Buchhandel eBook: EUR 11,99
Bibliotheks-eBook: verfügbar

4. Vina Jackson: 80 Days – Die Farbe der Lust. Carl’s Books. 9783570585221
Buchhandel Hardcover: EUR 13,40
Buchhandel eBook: 9,99 EUR
Bibliotheks-eBook: nicht verfügbar

5. Jussi Adler-Olsen: Das Washington-Dekret. dtv. 9783423280051
Buchhandel Hardcover: EUR 20,50
Buchhandel eBook: EUR 15,99
Bibliotheks-eBook: verfügbar

6. Timur Vermes: Er ist wieder da. Eichborn. 9783847905172
Buchhandel Hardcover: EUR 19,90
Buchhandel eBook: EUR 15,99
Bibliotheks-eBook: verfügbar

7. Veit Heinichen: Im eigenen Schatten. Zsolnay. 9783552055971
Buchhandel Hardcover: EUR 20,50
Buchhandel eBook: EUR 15,99
Bibliotheks-eBook: verfügbar

8. Jeff Kinney: Gregs Tagebuch – Dumm gelaufen! Baumhaus. 9783833936319
Buchhandel Hardcover: EUR 13,40
Buchhandel eBook (nur bei amazon verfügbar!): EUR 9,99
Bibliotheks-eBook: nicht verfügbar

9. David Safier MUH! Kindler. 9783463406039
Buchhandel Hardcover: EUR 17,50
Buchhandel eBook: EUR 14,99
Bibliotheks-eBook: nur als Hörbuch verfügbar

10. Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung. Hoffmann und Campe. 9783455404180
Buchhandel Hardcover: EUR 20,50
Buchhandel eBook: nicht verfügbar
Bibliotheks-eBook: nicht verfügbar

Von zehn Titeln sind immerhin 5 als eBook für Bibliotheken verfügbar und 1 als Hörbuch. Von den vier verbleibenden Titeln ist nur einer auch für Endkundinnen nicht als eBook verfügbar und ein weiterer nur bei einem Anbieter. Die Situation ist nicht ideal, auch wenn der Vergleich zu den Douglas County Libraries unsere 50% paradiesisch erscheinen lassen.  Es bleibt die Frage offen, warum es Verlage gibt, die ihre eBooks nicht an Bibliotheken wohl aber an Endkundinnen verkaufen möchten.

Für den nächsten Artikel nehm ich mir dann die Sachbücher vor! (VL/@verenalenes)

Editiert am 11.2.2013 um 15:47

Blind Date with a Book

Blind Date with a Book

Foto Anna Zschokke CC BY-NC-SA

Bläh, Valentinstag. Ein Blind Date mit einem Buch könnte ich mir allerdings schon vorstellen.

Dazu wickeln u.a. BibliothekarInnen eine Auswahl von Büchern – Hörbücher und andere Medien gehen natürlich auch – in Papier, schreiben oder kleben den (duplizierten) Barcode drauf bzw. lassen ihn frei, versehen das Buch eventuell noch mit dem jeweiligen Genre und einer Beschreibung, wie das Ganze funktioniert und dann können die BibliotheksbesucherInnen sich eines aussuchen, ausleihen und sich überraschen lassen.

Wer mehr Aufwand nicht scheut, kann besonders schönes Papier verwenden oder detaillierte Dating-Profile für jedes Buch verfassen. Auch die japanische Buchhandelskette Kinokuniya verhüllt Bücher, druckt aber die ersten Sätze bzw. den ersten Absatz auf die Hülle und ist damit erfolgreich. Die ganze Geschichte dazu könnt ihr bei Rebekka Kirsch nachlesen.

Wenn die Bibliothek auch (Mal-)Aktivitäten für Kinder anbietet oder anbieten würde, kann ich mir gut vorstellen, dass das Einwickelpapier für die Blind Dates dort gemeinsam mit den Kindern gestaltet wird. Hände, Erdäpfel, Zwiebeln und Früchte (Äpfel, Zitronen) eignen sich gut als Stempel (bzw. hallo Internet/Pinterest). Gibt es eine aktive Teenagergruppe kann diese ebenfalls Verpackungsmaterial gestalten – die Lösung von Great Imaginations gefällt mir da sehr gut, Dating-Profile kreieren und Bücher verpacken.

In manchen Bibliotheken gibt es dann zu den Büchern noch Bewertungskarten, die in der Bibliothek abgegeben werden können. Als Anreiz, möglichst viele Bücher zu lesen, kann natürlich ein Gewinnspiel dienen – je mehr Bewertungskarten abgegeben werden, desto größer die Chance, z.B. mit Schokolade überzogene Erdbeeren zu gewinnen, wie in den James B. Duke Libraries der Furman University in Greenville, South Carolina.

Ein Blind Date mit einem Buch funktioniert zu jeder Zeit, für jede Altersgruppe und meiner Meinung nach auch für jede Bibliothek – außer es gibt wirklich gar keinen Freihandbereich und selbst dann gibt es dafür Lösungsmöglichkeiten. Jede Bibliothek? Ja. Auch akademische Bibliotheken könnten Blind Dates mit Büchern veranstalten. Es gibt jede Menge wissenschaftliche Literatur, die sich zum Lesen eignet, auch wenn keine Arbeit oder Prüfung zu dem Thema ansteht.

Eine Schwierigkeit bei Blind Date mit einem Buch ist allerdings, dass diese Aktion in Bibliotheken, die RFID verwenden, zu höherem Aufwand führen kann, den beim Ausleihen bei den Selbstverbuchgeräten würden die BibliotheksbesucherInnen ja dann sehen, welche Bücher sie genommen haben.

Verena meinte dazu, dass dafür die Datensätze der Bücher für die Dauer der Aktion geändert werden könnten, obwohl ich mir da über die Auswirkungen auf den Katalog nicht ganz im Klaren bin. Andererseits könnten die LeserInnen die Bücher von den BibliothekarInnen verbuchen lassen, so weit das möglich ist. Oder einfach nicht auf den Verbuchungsbon schauen.

Das Gute an Blind Date mit einem Buch ist, dass der Aufwand je nach Motivation ausfallen kann, Hauptsache, die Bücher werden ausgesucht, verpackt und aufgestellt. Von daher empfiehlt sich ein Testlauf, um zu sehen, wie die BibliotheksbesucherInnen darauf reagieren. Aber je motivierter die gestaltende Gruppe, desto größer der Anreiz für LeserInnen und desto größer die Befriedigung, wenn die Aktion gut funktioniert.

Und jetzt würde ich gerne in eine Bibliothek gehen und mir so ein Blind Date mit einem Buch gönnen … (AZ/@nightlibrarian)